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Barbara Kirchner, Dietmar Dath: Der Implex. Sozialer Fortschritt: Geschichte und Idee, Suhrkamp


The shape of things to come

“Alle Enttäuschungen hängen zusammen.” Mit dieser Antwort auf Botho Strauss' larmoyanter Klage darüber, dass alle Zusammenhänge enttäuscht hätten, beendete Dietmar Dath 2009 eine Lesung aus seinem utopistischen Roman Die Abschaffung der Arten
In dem zusammen mit seiner Schulfreundin Barbara Kirchner, Professorin für theoretische Chemie an der Universität Leipzig, verfassten opulenten 800 Seiten starken Werk wird diese Replik programmatisch ins Positive gewendet: Vorrausetzung für eine Enttäuschung ist nämlich eine Erwartung, eine Hoffnung oder eine Möglichkeit. Sie ist der Geschichte seit der frühen europäischen Aufklärung des 17./18. Jahrhunderts, wie sie die Autoren rekonstruieren, eingeschrieben - als Implex, als Potential der Emanzipation aus Verhältnissen, in denen der Mensch, wie Karl Marx es Mitte des 19. Jahrhunderts universalisierend formulierte, “ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist”. Der Implex fungiert in dem von Dath und Kirchner selbstbezeichneten “Roman aus Begriffen” als Klammer für einen mitunter tollkühnen Parforceritt durch die Philosophie-, Ideen-, Sozial- und Technikgeschichte der westlichen Welt und ist letztendlich eine Aktualisierung des Marx'schen Arguments, dass die Entwicklung der Produktivkräfte die Produktionsverhältnisse sprengt. Historisch fiel das Zeitalter der bahnbrechenen technischen Innovationen, die sogenannte industrielle Revolution, mit der finalen Emanzipation der Bourgeoisie, durch wirtschaftliche Erfolge aus den Schranken des Feudalismus befreit, zusammen. Die durch die Konkurrenz der nun formal rechtlich gleichen und freien Marktteilnehmer gekennzeichnete warenproduzierende Ökonomie des bürgerlichen Zeitalters im 19. Jahrhundert verzeichnete einen rasanten technischen Fortschritt, der einen Ausbruch des Menschen aus “naturwüchsigen Zusammenhängen” erst denkbar machen ließ. 
Das unter der Ägide des Kapitalismus' nicht eingelöste Glücksversprechen der Aufklärung, das durch die Realität der permanenten und immer perfideren (Selbst-) Zurichtung der Menschen für die Erfordernisse des Marktes tagtäglich ad absurdum geführt wird, ist Gegenstand einer Denktradition, die in der Frankfurter Schule ihre prominentesten Vertreter fand und die bei Adorno damit begründet wird, dass diese “Philosophie, die einmal überholt schien”, sich am Leben erhält, “weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward.” Die Verwirklichung gedacht als freie Assoziation freier Produzenten in einer von der Heteronomie der Kapitalverwertung befreiten, planvoll eingerichteten, solidarischen Gesellschaft – der “Verein freier Menschen”. 
Bei aller Affinität zum Denken der dialektisch, materialistischen Tradition wird das Buch immer dort am spannensten, wo die Autoren versuchen, diese begriffliche Klaviatur über sich selbst hinausgetrieben und damit den Rahmen eines weiteren marxologischen oder ideengeschichtlichen Sachbuchs, das in den Kellern der Universitätsbibliotheken verstaubt, sprengen. Bei der eklektischen Methode, John Locke und Wolfgang Pohrt, Steven King und Theodore W. Adorno, Technikfetischismus und Feminismus, Rosa Luxemburg und experimentelle Physik zusammenzuführen und durch die Brille der anglo-amerikanischen analytischen Philosophie die logisch-semantische Struktur der Texte herauszupräparieren, mag mancher Schulphilosoph die Hände überm Kopf zusammenschlagen, der Laie voller Ehrfurcht vor soviel Belesenheit erstarren und die interessierte Leserin mitunter am Rande der Überforderung schliddern – hier vermag es der Text allerdings in seinen besten Momenten eine prosaischen Sogwirkung zu entfalten und über die unverständlichsten Begriffsketten, Wortneuschöpfungen und zum Teil hanebüchenen Klammer- und Satzkonstruktionen hinaus in seinen Bann zu ziehen. Insofern ist das mäandernd-literarische Spiel mit den Begriffen und deren Gebrauch im Rahmen einer stringenten Argumentation eine Experimentierfeld, dass das Buch durchaus in die Nähe von Schreiberlingen der - pardon – Postmoderne bringt, deren Verabschiedung eine Denkens in Kohärenz, Vernunfts- und Wahrheitkategorien von Dath und Kirchner nicht nur einmal und dann auch ganz traditionsbeflissen abgewatscht wird. Die Stellen, an denen wiederholt etwas schulmeisterhaft gegen Poststruktualismus oder Wertkritik (“Runendeuterei”) ausgeteilt wird, gehören neben der unvermeidlichen Dath'schen Leninexegese (die hier, so scheint es, endlich mal zu ihrem Recht kommt) und der Würdigung des naturalistischen Fehlschlusses (aus dem Sein ein Sollen folgern) zu einem Leitmotiv, zu den Längen des Buches. 
Der Implex ist in krisenhaften Zeiten, in denen regressive Kapitalismuskritik fröhliche Urstände feiert, ein Buch, das zum Denken und zum Widerspruch aufwiegelt – nicht weniger ist Vorraussetzung für eine wie auch immer geartete Veränderung sozialer Praxis.

Dietmar Dath/Barbara Kirchner: Der Implex – sozialer Fortschritt. Geschichte und Idee, Suhrkamp 2012, 29,90

(TB)