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Thomas Meinecke: Analog, Verbrecher Verlag


Diskurs auf dem Floor

Dieses Buch versammelt die Kolumnen, die Meinecke in den Jahren 2007-2013 in die Musikzeitschrift Groove schrieb. Als Musiker der Band F.S.K. ist er mit Punk und Disco sozialisiert und kommt in den 00er Jahren erst im Alter von 40 Jahren zum Techno – als Quereinsteiger sozusagen. Den Clash von Rockismus und Party schildert Meinecke als Schlüsselerlebnis: „Wir standen am Rande der Tanzfläche, die Tanzenden beobachtend. Plötzlich sagte er: Sieh mal, der da hinter, der tanzt Töne. Absolut verboten: Töne zu tanzen. Das sah ich sofort ein. Klar, dass es beim Tanzen um Rhythmus geht. Aber auch sofort von einer Art inneren Panik befallen. Hatte ich vielleicht auch, nur wenige Minuten zuvor, Töne getanzt? Gar musikalische Spannungsbögen in Körperbewegungen umgesetzt? (Horror)”

Der selbstironische Stil macht den Charme der Texte aus, in denen Meinecke mit seinen üblichen Versatzstücken aus poststrukturalistischer und Queer-Theorie und dem lexikalischen Wissen eines Musik-Aficionado jongliert. Dass der Autor mit seiner vergeistigten Herangehensweise („subtile Resignifizierungen, wie sie Camp hervorgebracht hatte, wurden zu meinem poetologischen Leitsystem”) im realen Handgemenge des Nacht- und Taglebens der Technoclubs immer wieder sympathisch ungelenk aneckt, ist die Pointe so mancher Anekdote, die anschliessend theoretisch aufgeschlüsselt wird. So stösst seine Selbstbezeichnung als „male fag hag” (fag hags sind Frauen die Schwule mögen) auf Ablehnung unter seinen schwulen Freunden, da male fag hags nicht vorgesehen seien im „doch noch ganz schön dichotomischen Feld sexueller Dissidenz” und sein enervierendes und „jungshaftes” Nachfragen nach einem Tracknamen bei einem back2back DJ Gig mit Move D wird von diesem mit einem „die mit dem blauen Etikett” ihrer Deplatziertheit und Nichtigkeit überführt. Seine Platten sortiert Meinecke trotzdem weiter alpabetisch - Westbam übrigens auch.

Nicht zuletzt ist jeder Kolumne einer Zeichnung von Michaela Melian zur Seite gestellt und macht das Büchlein zu einer nicht nur kurzweiligen sondern auch überaus schicken Angelegenheit.

Thomas Meinecke: Analog, Verbrecher Verlag, 14,00 Euro

(TB)