buchhandlung drift
< Owen Jones: Prolls: Die Dämonisierung der Arbeiterklasse, Verlag André Thiele

Reinhard Florian: Ich wollte nach Hause, nach Ostpreussen! Das Überleben eines deutschen Sinto, Berlin 2012


Eine Geschichte der Gewalt

Bereits im Jahr 2012 erschien mit der Autobiographie Reinhard Florians ein wichtiger Beitrag derjenigen Menschen, die im Nationalsozialismus ein für alle Mal zum Schweigen gebracht werden sollten. Für ihre unfassbar leidvolle Geschichte voller institutioneller und personaler Gewalt und Brutalität, interessierten sich in den frühen post-nationalsozialistischen Gesellschaften der BRD und DDR nur sehr wenige Menschen.
Meiner Ansicht nach fehlt dieses Interesse nach wie vor in breiten Teilen der Öffentlichkeit des wiedervereinigten Deutschlands. Dies gilt für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, die sich zumindest gewisse ideelle und materielle Aufmerksamkeit erkämpfen konnten, für die vergessenen Opfergruppen umso mehr. Reinhard Florian sieht sich selber als Deutscher Sinto und wurde Zeit seines Lebens als „Zigeuner“ diskriminiert. Seine persönliche Lebensgeschichte, eine Geschichte von Gewalt und Traumatisierung, spiegelt die Gewalt der gesellschaftlichen Ordnung wieder, gegen alle die als anders oder als Abweichler_Innen definiert wurden. Diese Menschen mussten – Dank der Alliierten – in den post-nationalsozialistischen Gesellschaften nicht mehr um ihr nacktes Leben bangen. Willkommen – und das wird bei Florian einmal mehr deutlich – waren sie auch hier nicht.

Florian unterteilt seinen Bericht in drei zeitliche Phasen: Vorkriegszeit, Kriegszeit und Nachkriegszeit.

Vorkriegszeit

Florian, geboren am 24. Februar 1923 in Matheningken im damaligen Ostpreußen, erlebte die ersten Jahre seines Lebens bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten noch als „normal“, wobei er schon hier eine gewisse Diskriminierung gespürt hat. Er schreibt über die Zeit der Weimarer Republik:

„Im Großen und Ganzen wurde niemand von uns benachteiligt. Wir wurden behandelt wie alle Deutschen. Zumindest war es noch nicht so schlimm, in gewisser Weise hat man uns schon zurückgesetzt.“

In Florians Erinnerung beginnt die Zeit der manifesten Verfolgung und Diskriminierung in allen Lebensbereichen im Jahr 1935. Zunächst beschreibt er eine Dynamik der Ausgrenzung und körperlichen Gewalt in der Schule durch Mitschüler. Florian und weitere als „Zigeuner“ stigmatisierte Mitschüler wurden regelmäßig verprügelt, was von den Lehrern sanktioniert wurde. Diese Konfrontation mit willkürlicher Gewalt seiner Mitmenschen wiederholte sich in verschiedenen Phasen seines Lebensweges. Zunächst war es nach der Schulzeit sein Arbeitgeber, der ihn regelmäßig verprügelte. Hier war bereits die Drohung des „Lagers“ allzeit gegenwärtig. Der regelmäßig durch den Arbeitgeber abzufassende Arbeitsbericht wurde als Druckmittel eingesetzt, ihn zu „ordentlicher“ Arbeit anzuhalten – wehe, wenn nicht: „Dann kommst du ins Lager.“

Später, noch vor Beginn des Krieges, berichtet Florian von einer Konfrontation mit HJ-Angehörigen, die ihn halb tot schlugen. Dies auch ohne jegliche Folgen für die Täter.

Florian war diesen An- und Übergriffen ohnmächtig ausgeliefert. Es gab keine Stellen, schon gar keine staatlichen, die ihn hätten beschützen können oder wollen. Im Gegenteil: die Täter konnten sich der gesellschaftlichen Unterstützung sicher sein. Und trotzdem schreibt Florian über diese Phase seines Lebens, die Vorkriegszeit:

„Das waren schlimme, leidvolle Erfahrungen. Doch zu dieser Zeit war ich noch vergleichsweise frei, in gewisser Hinsicht noch ein freier Mensch.“

Immerhin noch Mensch – in gewisser Hinsicht. Aber in der Rückschau zweifelt Reinhard Florian, ob dieser Status nicht bereits zu diesem Zeitpunkt völlig untergraben war.

„Wenn ich mir das alles durch den Kopf gehen lasse, frage ich mich, ob die etwa schon damals davon ausgingen, dass man uns umbringen wird. Das scheint mir die einzig mögliche Erklärung.“

Kriegszeit

Wie ihm dieser Status als Mensch aberkannt wurde beschreibt Florian einerseits paradigmatisch für rassische Opfer des Nationalsozialismus, andererseits sehr individuell in seiner persönlichen Erinnerung an die historischen Geschehnisse.

1942 wurde Reinhard Florian interniert und kam zunächst in das KL Mauthausen und von dort in das KL Gusen, einem Außenlager von Mauthausen. Die Beschreibungen der alltäglichen Hölle in Gusen nimmt mit 20 Seiten den meisten Platz in seinen Erinnerungen aus der Zeit des Lebens in den verschiedenen Lagern ein. „Gusen war in einem furchtbaren Sinne einmalig.“ Bis zu seiner Befreiung, die er am 6. Mai 1945 im KL Ebensee erlebte, war Florian noch unterschiedliche Zeitspannen in den Konzentrationslagern Monowitz, Rydultau und Melk interniert. Die Erinnerungen hieran legt er relativ knapp aber nicht weniger eindringlich dar. Mit viel Glück überlebte Reinhard Florian den Holocaust – neben seinem Bruder Bruno und seinem Vater Reinhard Habedank als einziger einer achtzehn-köpfigen Familie.

Nachkriegszeit

Zunächst wollte Florian nach Kriegsende zurück in seinen Geburtsort, entschied sich dann aber dagegen und lebte die meiste Zeit seines Lebens – er verstarb am ….. diesen Jahres im Alter von – in Aschaffenburg. Immer wieder musste er um die Anerkennung als Mitbürger, aber auch als Opfer des Nationalsozialismus kämpfen, begleitet durch ein Gefühl des Unerwünschtseins.

„Aber dass ich unerwünscht bin, das verspüre ich schon. Auch heute noch! Nicht unbedingt als Sinto unerwünscht, aber als ehemaliger Verfolgter, als Überlebender und manchmal auch als angeblicher Ausländer.“

Seine deutsche Staatsbürgerschaft, auf die er unmittelbar nach Kriegsende eher aus pragmatischen als aus ideellen Gründen verzichtete, erhielt er nach einer kafkaesken, bitterbösen Verwaltungsposse erst 1986 wieder. Bis dahin war er offiziell staatenlos. „Wiedergutmachung“ und eine kleine Rente bekam er erst ab 1994. Zunächst kam das Bayrische Landesentschädigungsamt im Jahre 1955 auf Grundlage von Daten, die im Nationalsozialismus erhoben wurden (!), zu dem Schluss, er sei nicht rassisch verfolgt worden. Vielmehr ging man mit der Einschätzung des bayrischen Landeskriminalamtes d'accord, er sei ein „Landfahrer mit kriminellem Einschlag“ (!) gewesen.

Auch fast 70 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus ist die Stimme Reinhard Florians zu hören, genauso wichtig, wie die ersten Berichte von Überlebenden des Holocaust. Es kann hier keine Rangliste der Relevanz, literarische Qualitätsmaßstäbe oder gar Überflüssiges geben. Die Verfasser_Innen legen Zeugnis ab von den schrecklichsten Taten der Deutschen und ihrer Helfer, die keine Zeugen haben sollten. Allen Stimmen der oben erwähnten breiten Öffentlichkeit, die nur denken oder mal lauter, mal leiser sagen: „Das muss doch mal ein Ende haben“ hätte Reinhad Florian geantwortet:

„Ich sage dann: 'Wie? Ich hab´ nicht richtig verstanden. Sag´s noch mal. Mensch, ich hab´ mehr als zehn Geschwister und die Mutter verloren. Das kann für mich kein Ende haben.“

Reinhard Florian, Ich wollte nach Hause, nach Ostpreussen! Das Überleben eines deutschen Sinto, Berlin 2012, 149 Seiten, 9,90 Euro.

(Thomas Gloy)