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Alina Herbing: Niemand ist bei den Kälbern, Arche Literatur Verlag


Während in Juli Zehs „Unterleuten“ der Prenzlauer Berg ins Ländliche flüchtet, erzählt Alina Herbing in „Niemand ist bei den Kälbern“ die Geschichte einer jungen Frau, die im ostdeutschen Dorf aufgewachsen ist und dort noch immer lebt. Christin, die Ich-Erzählerin, berichtet aus dem mecklenburgischen Schattin. Sie führt über Wiesen und Felder, durch den Kuhstall und übers Dorffest. Ihre Ausbildung abgebrochen, arbeitet Christin nun im Milchviehbetrieb ihres Freundes Jan.
Doch die ländlichen Klischees von Ruhe und Weite sind in diesem Roman trügerisch. Die Dorfgemeinschaft ist verhaftet in konservativen Rollenmustern. Männer sollen hart arbeiten, die Familie ernähren, Frauen sollen ihren Part der Reproduktion einnehmen. Das Leben auf dem Dorf besitzt für Christin keinen Halt und keine Perspektive, diese Anti-Idylle beginnt sie anzugehen. Mal mehr, mal weniger glimpflich, mal mehr, mal weniger betrunken.
„Niemand ist bei den Kälbern“ lebt von der schweren Atmosphäre und der scheinbaren Verlorenheit der Heldin. Die Nebenfiguren sind nostalgisch, versessen, voller Hoffnung, kontrovers und damit lebendige Teile einer Dorfgemeinschaft, die ein Mecklenburg-Vorpommern wiedergibt, das glaubwürdiger erscheint, als ein Nazi-freies Brandenburg.
Treffend formuliert es David Wagner. „Dort leben? Nein danke. Darüber lesen? Ja bitte.“
Ein großartiges Debüt, eine Leseempfehlung.

Alina Herbing: Niemand ist bei den Kälbern, Arche Literatur Verlag, 224 Seiten, 20,00 EUR

(Marius Hoffmann)