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Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion ..., Matthes & Seitz


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So beginnt der polnische Autor Gombrowicz seine Tagebücher aus dem Jahre 1953 - und erhascht damit ein zentrales Dilemma der Denkenden und Schreibenden der Moderne. Schon Stendhal zoomt Anfang des 18. Jahrhunderts mit der Frage „Warum bin ich Ich?“ diesen hot spot modernen Denkens heran. Witzel gibt mit seinem Roman eine höchst subjektivistische und geistesgegenwärtige Antwort. Das Ich ist hier das Ergebnis einer Erfindung, einer brüchigen und intrikaten Konstruktionsleistung. Sich der Diskurse der Innerlichkeit gewahr zu werden und die fragmentarischen Erinnerungen spekulativ zu prolongieren, ist gewissermaßen die historiographische Methode, die Witzel verfolgt. Das Ich erscheint dabei als „Sammlung“: Wenn das Leben ein beständiges Ansammeln von Gedanken, Erlebnissen, Begriffen, Ideen, Gefühlen und Meinungen ist, dann möchte Witzel in diesem Roman innehalten, „um das Angesammelte in Ruhe zu betrachten, es zu entstauben und auszubessern.“

Diese autobiographischen Versenkung in die 60er und frühen 70er Jahre unternimmt Witzel in vielstimmiger, gebrochener und nicht chronologisierender Form. Er spannt ein dichtes und collagenhaften Gewebe aus Erinnerungen eines präpupertierenden Dreizehneinhalbjährigen, philosophisch-metaphysischen Meditationen, dramatischen und dialogischen Sequenzen, fiktiven Biographieschnipseln und psychoanalytischen Introspektionen. Dabei vermag der Text trotz seines zerstückelten und szenischen Charakters in den besten Momenten eine paranoide und alptraumhafte Atmosphäre zu generieren, die in jedem Moment der Ausbreitung des bohrenden Zweifels am status quo absolute Priorität erteilt - und das zurecht. Denn: wie sah die postnazistische BRD im hessischen Outback aus?

Die Nazimassenmörder saßen nach halbherziger Entnazifizierung durch die Alliierten weiter in Amt und Würden, die Erziehungsideale des Katholizismus in Schulen und Heimen verstümmelten Libidio und Ich-Entwicklung, sexuelle Gewalt war an der Tagesordnung, Antikommunismus und Autoritarismus fungierten als Ideologeme der absoluten Mehrheit, der auf massenhafter tödlicher Zwangsarbeit beruhende Wirtschaftwunderkapitalismus stand in voller Blüte. Witzel erlebt diese Periode als Zeit der Dualismen: RAF oder BRD, Pelikan oder Geha, Junghans oder Dugene, Dual oder Braun, Glücksklee oder Bärenmarke, Beatles oder Stones. Er optiert für die Beatles und konfrontiert in einem rauschhaften Kapitel den befreienden Esprit der angloamerikanischen Popmusik mit der Bilderwelt der katholischen Kirche. Die Lyrics des „Rubber Soul“ Albums werden dabei von ihm als Evangelientexte exegiert, denn „das Rubber in Rubber Soul hat auch nichts mit Gummi zu tun, sondern bedeutet rub yer soul: reibe deine Seele. Erwärme sie für den Herrn.“

Die Welt, die Witzel in seinem 800 Seiten Opus erfindet, ist beherrscht von Angst, Ohnmacht und Wut, von radikaler Skepsis, Verzweifelung und Melancholie - und nähert sich damit der Gegenwart allzusehr an. In solchen Humor und Phantasie gesättigten Momenten springt er allerdings aus ihr hinaus, entblößt hinter allem Nihilismus und Zynismus einen warmen, humanistischen Impuls und demonstriert, dass alles auch ganz anders sein könnte.

Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969, Matthes & Seitz 2015, 817 Seiten, 29,90 EUR