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Albert Londres: Die Strafgefangenen der Landstraße. Reportagen von der Tour de France, Covadonga Verlag


Sollte es Radsportfans unter den Kund_Innen der Buchhandlung Drift geben – wovon ich sicher ausgehe – oder einfach Menschen, die sich für die Geschichte der Populärkultur interessieren – worauf ich all mein Hab und Gut setzen würde (was nicht eben viel ist, aber immerhin) – sollten diese Menschen unbedingt die Reportagen von Albert Londres über die Tour de France 1924 lesen.

Londres (*1884), bekannter französischer Journalist des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts, ist durch seine kritischen Reportagen zum Ersten Weltkrieg einem breiten Publikum in Frankreich zum Begriff geworden. Seinen journalistischen Durchbruch markiert wohl die große Aufmerksamkeit, die er für seine Reportage über die Zerstörung der Kathedrale von Reims durch deutsche Artillerie am 19. September 1914 erhielt. Sie erschien am 21. September in Le Matin. In der Folge berichtete er bis zu seinem frühen Tod 1932 in verschiedenen nationalen Zeitungen über das tagespolitische Geschehen, immer mit kritischem Impetus und in ebensolcher Absicht. Stefan Rodecurt, Übersetzer des vorliegenden Bandes und Verfasser des Prologs, benennt Londres Credo: „Die Feder an die Wunde setzen.“

Und dies tut Londres auch in dieser mitreißenden Reportage. Aber nicht nur die Texte, auch die zahlreichen zeitgenössischen Bilder in dem Buch, stehen in ambivalentem Kontrast zu den bunten Fernsehbildern der zeitgenössischen Tour mit ihren Stars.
Ausgesprochen populär, ja „Volkshelden“, waren die Fahrer_Innen – Londres nennt sie wahlweise „Strafgefangene“, „Giganten“ oder „die Gekreuzigten“ – auch damals. Nur hatten sie mit ganz anderen Widrigkeiten zu kämpfen als die Protagonisten des heutigen Spektakels, das sich Radsport nennt. Ob es schlechtes oder defektes Material ist, brutale Streckenführung oder das Thema Doping – alles gab es auch damals schon, allerdings alles auch ganz anders als mensch es möglicherweise erwarten würde.
Ich möchte hier nicht zu viel vorweg nehmen, aber schon die erste Abbildung im Buch versetzt in ein schockiertes Erstaunen. Es ist die Karte von Frankreich mit der Streckenführung der Tour 1924. Die Fahrer_Innen mussten zwischen dem 22. Juni und dem 20. Juli 1924, in 15 Etappen, nicht weniger als genau einmal an den Außengrenzen Frankreichs entlang fahren. Zu allem Überfluss mit dem doppelten Schlenker von Paris weg, und auf dem Rückweg – wie sollte es anders sein – wieder hin.
Es war also tatsächlich eine Tour de Force, von Paris nach Paris. Und jetzt kommt´s: 5.425 km insgesamt, Einzeletappen von über 400km Länge waren keine Seltenheit. Zum Vergleich: die diesjährige Tour geht über 3663,5 km verteilt auf 21 Etappen. Der längste Einzelabschnitt ist 237,5 km lang. Einfach unvorstellbar. Und ich verspreche: das Staunen wird in der weiteren Lektüre nicht weniger.

Ich persönlich habe 4 grundlegende Erkenntnisse aus der Lektüre mitgenommen:

1. Es gibt keine lineare historische Entwicklung – nicht mal auf der Ebene der sportlichen Extreme.
2. Doping ist so alt wie die Geschichte des Sport, oder zumindest so alt wie die der Tour de France.
3. Der größte Fortschritt für die Gesundheit der Fahrer_Innen ist die Professionalisierung des Sports.
4. Die Bilder zeigen Material und „Gepäck“ der Fahrer_Innen, mit dem mensch unter heutigen Umständen nicht mal mehr Brötchen holen fahren will! (Ohne Gangschaltung! Fixies sind zwar wieder „in“, aber nur aus einem ästhetischem Zeitgeistquatsch heraus.)

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

SW

Londres, Albert, Die Strafgefangenen der Landstraße. Reportagen von der Tour de France, Bielefeld 2011, 124 Seiten, 12,80 EUR.