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Gisela Elsner: Gesammelte Erzählungen in zwei Bänden, Verbrecher Verlag


Gut 20 Jahre nach ihrem Tod sind im Verbrecher-Verlag nun die gesammelten Erzählungen Gisela Elsners in zwei Bänden erschienen. Versuche, die Wirklichkeit zu bewältigen und Zerreißproben enthalten neben den Erzählungen, die Elsner zu Lebzeiten veröffentlicht hat oder die als Radiobeitrag gesendet wurden, auch ein paar Texte, die auf unveröffentlichte Manuskripte aus dem Nachlass zurückgehen. Abgerundet wird die Sammlung durch ein sehr lesenswertes Nachwort der Herausgeberin Christine Künzel im zweiten Band.

Gisela Elsner kam 1937 in Nürnberg zur Welt und wuchs als Tochter einer großbürgerlichen Unternehmerfamilie auf. Bereits 1955 erschienen ihre ersten zusammen mit dem späteren Ehemann Klaus Roehler verfassten „Kürzestgeschichten“. Triboll. Lebenslauf eines erstaunlichen Mannes bildet auch den Auftakt der hier vorliegenden Zusammenstellung. Neben diesen ersten Geschichten, die wie absurde Traumsequenzen wirken und sich formal dadurch von den späteren, längeren Texten unterscheiden, umfasst das erzählerische Werk Gisela Elsners vor allem satirische Texte, die von großem Sprachwitz geprägt sind und mit bedrückender Klarsicht und Schärfe den Wahnsinn bürgerlicher Alltagsnormalität aufzeigen. Zudem finden sich in dieser Sammlung eine Handvoll Texte, die sich von der formalen Gestaltung her stark von den anderen Erzählungen unterscheiden und eher dokumentarisch wirken: Meine erste Liebesgeschichte erzählt aus der Ich-Perspektive eine eben solche, die nicht zuletzt auf den gemeinsamen Wunsch zum Selbstmord gegründet ist; Die Zerreißprobe handelt vom Irrwerden an der (nie beweisbaren) staatlichen Überwachung in Zeiten der RAF.

Vieles von dem, was Elsner geschrieben hat, ist schwer zu ertragen: Geschichten wie Der Knubbel, in der ein dubioser Gynäkologe, genannt „Votzenvölzner“, und eine angeschickerte, kurzsichtige Engelmacherin der ungewollt schwangeren Frau Loos zu einer Abtreibung verhelfen sollen. Hier wie in allen anderen Texten entspricht die Anstrengung, die Elsners verschachtelter Satzbau den Lesenden abverlangt, den Zumutungen der Realität, die sie schildert. Ein Weg, der unerträglichen Wirklichkeit trotz allem beizukommen, ist deren humorvolle Zuspitzung bis hin zum Absurden; eine Kunst, die Elsner auf beeindruckende Weise beherrschte. Dabei ist es nicht zuletzt die Spielerei mit der Sprache selbst, die Elsners Werk zu lesen trotz allem zum Vergnügen macht: angefangen bei den überdrehten Titeln der Erzählungen wie Eine vertrackte, abgeschmackt anmutende, haarsträubende Sache, über die man nur den Kopf schütteln kann oder Das Pop-Papp-Party-Projekt; bis hin zu kleinteiligen Beschreibungen wie dieser, die mit einem in seiner offenkundigen Sinnhaftigkeit einfach nur noch sinnlosen Fazit endet: Gut, dann bin ich eben immer auf Streit aus, sagte er, schon unterwegs zur Toilette, wo er sich ins Pißbecken erst erbrach, dann aufs Erbrochene pißte und sich schließlich, bedingt durch den Brechreiz erregenden Anblick dieser Mischung aus Erbrochenem und Pisse, nochmals erbrach. Das ganze lief zwar langsam ab, aber es lief ab. (Kitchen-Sink, Band I.)

Geschichten wie Der Sterbenskünstler, die in den 80er Jahren entstanden sind, nehmen ebenso bösartig wie witzig die Öko- und Friedensbewegung aufs Korn und entlarven die vordergründige Sorge um die Welt als bloßes Kreisen um den eigenen Bauchnabel: Worum es eigentlich geht ist die radikal authentische Selbsterfahrung. Beim Anblick ihrer Tiefkühltruhen trat ein kalter Hass in ihre Augen. Sie waren es leid, auf Rosen gebettet zu sein. Was sie endlich kennen lernen wollten, war der Kampf ums nackte Dasein. Weil sie um jeden Preis den Elementen trotzen wollten, bot ihnen Enno Einödhöfe an, die sich in Gegenden befanden, für deren Gottverlassenheit er garantierte. Die höchsten Preise erzielte er mit einer Handvoll Höhlen, in denen unter anderem ein paranoider Buttermilchproduzent im trüben Licht einer Petroleumlampe auf einem Strohlager hockte und an einer Dörrpflaume kauend seiner Wiedergurt harrte. (Der Sterbenskünstler, Band II)

Auch am Selbstverwirklichungswahn einer fanatischen Hobby-Töpferin wird kein gutes Haar gelassen: Jettes Schaffensdrang war grenzenlos. Bis zu physischen Erschöpfung produzierte sie Blumentöpfe. […] Immer bedrängte sie das Gefühl, dass sie keine Zeit verlieren durfte. Schließlich war sie erst kurz nach ihrem vierzigsten Geburtstag auf die Idee gekommen, mithilfe von selbstangefertigten Schälchen, Vasen und Aschenbechern ihre Selbstverwirklichung zu bewerkstelligen. (Der Selbstverwirklichungswahn, Band II) Neben allem Spott scheint hier – und in Elsners Erzählungen überhaupt – immer auch die unendliche Traurigkeit darüber auf, dass das Leben nicht mehr zu bieten hat. Die töpfernde Jette ist eine Witzfigur, und wie jede richtige Witzfigur beruht auch sie auf etwas Tragischem: Sei es nun die Erfahrung der Abgetrenntheit und Entfremdung, die sich im Bedürfnis ausdrückt, mit den eigenen Händen etwas (noch so sinnloses) schaffen zu wollen; sei es die Notwendigkeit, „sich selbst verwirklichen“ zu müssen – und eben nicht schon von vornherein ganz und gar selbst“ und „wirklich“ zu sein – an sich.

Elsner beschreibt die Wirklichkeit so witzig und schrecklich zugleich, dass es kaum auszuhalten ist. Man möchte unentwegt kichern, wäre da nicht dieser Kloß im Hals, das Entsetzen und die Traurigkeit angesichts des ganz gewöhnlichen Elends, das sich da vor einem ausbreitet. Alle Figuren sind umständlich, fast künstlich, allen haftet etwas regelrecht peinliches an; und gleichzeitig verweist deren geistige Enge und emotionale Verkrüppelung immer auch über sie hinaus und auf Verhältnisse, die kaum andere Individuen hervorzubringen in der Lage sind.

Es bleiben die Zerreißproben des Alltäglichen – und die notwendigen Versuche, die Wirklichkeit zu bewältigen. In Elsners Fall haben diese Versuche Geniales hervorgebracht. Traurig die Gewissheit, dass die Wirklichkeit wohl trotzdem irgendwann nicht mehr auszuhalten war: Gisela Elsner nahm sich 1992 das Leben. In einem Porträt über die Schriftstellerin in der EMMA heißt es: „Elsner war die zu frühe Schwester von Jelinek – und ist an der Gleichzeitigkeit von Klarsicht und Bewusstsein zerbrochen.“ (Evelyne Polt-Heinzl, EMMA 5/2005)

Gisela Elsner: Gesammelte Erzählungen in zwei Bänden, Hrsg. v. Christine Künzel
Verbrecher Verlag, Berlin 2013.
Band 1: Versuche, die Wirklichkeit zu bewältigen, 272 Seiten, 15 Euro.
Band 2: Zerreißproben, 224 Seiten, 15 Euro.

(Anna Kow)