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Birgit Utz: Smalltown Blues, Krug & Schadenberg


Ein bisschen Frieden kann mich mal

Der als Coming-Out-Geschichte gelabelte Roman Smalltown Blues von Birgit Utz verfängt relativ schnell mit einem Satz aus der Gedankenwelt seiner 14-jährigen Protagonistin Melanie: „Wer will denn schon dazugehören zu den ganzen Deppen?“ Dann, Coming Out oder auch Coming of Age hin oder her, lässt er einen schlichtweg nicht mehr los – sogar ganz ohne, dass man jemals das Teenagerleben in einer süddeutschen Kleinstadt erfahren haben muss. Aus dieser und ihrer, mittels Nicole, Chormusik und Wertekanon weichgespülten, Kleinkariertheit kann es klassischerweise nur einen Ausweg geben – die Stadt. Die Stadt, die Hauptsache nicht dieses Gummadingen ist und möglichst auch sehr weit von ihm weg. Bis Melanie, oder Mel, zu der sie im Laufe der Geschichte wird, allerdings dort ankommt, ackert sie sich einmal durch das Repertoire von Normmodellen, die diese Gesellschaft, durch Gummadingen bereitwillig repräsentiert, in weiten Teilen auch heute noch zusammenhält: ein häufig verletzender Umgang mit Sexualität, zumal der mit einer, die abseits der heterosexuellen Matrix existiert, die Idee der ewig glücklichen Familie, Erfolgszwang und Leistungsdruck in der Schule, Zukunftsentwürfe, die nur das Immergleiche und auf keinen Fall auch nur minimale Spannung bereithalten.

Aber als Mel feststellt, dass sie mit ihren Kinderfreundinnen nicht mehr viel anfangen kann, weil die sich zu dümmlich gackernden Hühnern entwickeln, als Mels Vater abhaut, um eine neue Familie zu gründen, ihre Mutter zur temporären Alkoholikerin wird und ihre Schwester sich in dem Chaos beleidigt auf ihre neugewonnene Freiheit als Achtzehnjährige zurückzieht – da bricht der konventionelle Rahmen, der angeblich das Maß aller Dinge ist, auseinander. Mel steht mit dem Umstand, dass die Menschen ihres bisherigen Lebens um sich selbst kreisen oder sich davonmachen, allein da. Als Ausweg gibt es nur eine eigene Idee fuer ein eigenes Leben. Darin gibt es noch Max, den platonischen Freund und Aussenseiter-Compagnon, eine zarte, unglückliche Liebesgeschichte und die Musik – vor allem die von The Cure, melancholischer Soundtrack des Erwachsenwerdens und seit Jahrzehnten ein unverwechselbares und einmaliges musikalisches Universum.

Was hier so bekannt klingt, ist nicht der Roman selbst. Es sind die eigenen Erfahrungen, die einem als Leser*in vertraut scheinen. Der Roman wird deshalb lange noch nicht zur bequemen Identifikationsfläche - er bleibt in alldem Mels eigene Geschichte. In dieser legt er darueber hinaus einen bemerkenswerten Zugang zu den anderen Figuren – je nachdem, wie nah oder entfernt sie von der Protagonistin selbst auftreten. Smalltown Blues ist eine Geschichte, die, gegen den Strich gelesen, durch eine angenehme Abwesenheit von männlichen Lichtgestalten besticht. Auch an den nettesten Typen klebt eine gehörige Spur Scheitern - was sie vermutlich erst sympathisch erscheinen lässt. Nicht patzig, sondern klug verweist Birgit Utz hier auf Rolemodels und einen genderspezifischen Habitus, der im Alltag manchmal gar nicht so leicht in Frage zu stellen sind, wie es die Theorie gern hätte. Wieviel Autobiografisches in Smalltown Blues steckt, verrät die Autorin bei alldem nicht. Die Detailkenntnis von Musik und Stilfragen legt es mitunter nahe und verleiht der Erzählung Charme und Genauigkeit, die sie vor einem Publikum, dass durch solche und ähnliche Erfahrungen erwachsen wurde und immer noch wird, auch braucht. Nur einmal scheint mit der Erwähnung von Brad Pitt die Erinnerung an jugendliche Schwärmereien der Autorin einen Streich zu spielen. Smalltown Blues erzählt eine Geschichte aus dem Jahr 1986, Pitt dürfte aber vor dem Jahr 1991, als er in dem feministischen Road-Movie Thelma und Louise mit nacktem Oberkörper und Fön bewaffnet, kurzzeitig die Szenerie entert, keine große Rolle in Teenager-Fantasien gespielt haben. Höchst verzeihlich dies, denn sonst erinnert Smalltown Blues nicht von ungefähr an Smalltown Boy von Bronski Beat - ein Song, der nie aufgehört hat, Gänsehaut zu verbreiten. Mindestens die Erinnerung daran legt sich einem beim Lesen kribbelnd wieder um die Schultern.

 

Birgit Utz, Smalltown Blues, Krug & Schadenberg, 272 S., 16,90 Euro

 

(Claudia Krieg)