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Alice Pung: Ungeschliffener Diamant, edition fünf


Wah! rufen die Eltern, als sie in Australien ankommen. Nach jahrelanger Flucht aus Kambodscha über Vietnam und Thailand finden sie sich nun im Wunderland, nach dessen Protagonistin der Vater sogleich seine erste Tochter benennt: "Alice wird in diesem Wunderland aufwachsen und Dinge wie Sicherheit, Überfluss, Demokratie und das kleine grüne Ampelmännchen für selbstverständlich halten. Sie wird an der Universität studieren, natürlich Anwältin werden und einen Herzchirurgen heiraten."

Anwältin wird sie später tatsächlich, der Rest läuft aber irgendwie anders. Zerrissen zwischen den mystischen Geschichten ihrer Großmutter und dem Alltag in einem reichen kapitalistischen Land wird Alice selbst immer mehr zum "Weißen Gespenst", zur Australierin, und kann sich als Jugendliche nicht mehr mit ihrer Mutter in dem chinesischen Dialekt Teochew unterhalten, weil ihr einfach die Wörter fehlen. Sie fühlt sich der asiatischen Community zugehörig und hadert dennoch mit den Traditionen, Verboten, Erwartungen, der Enge.

Die Eltern tragen jedoch noch ganz andere Geschichten mit sich herum: Sie flohen aus dem Kambodscha der Roten Khmer, wo der Vater vier Jahre in den Killing Fields, den Lagern und Tötungsstätten überlebt hat und die Mutter in der Plastiktütenfabrik ihrer Schwiegermutter in spe arbeitete. Zu Fuß kamen sie über Vietnam in ein Flüchtlingslager nach Thailand, wo sie in glühender Hitze ein Jahr ausharrten und ein Kind zeugten. Als die Mutter schon im 8. Monat war, stellte man sie vor die Wahl: Kanada oder Australien. Über beide Länder wussten sie nichts, außer, dass es in Kanada schneite. Also Australien, Melbourne, Footscray, das asiatische Viertel.

Dort arbeiten sie hart und rund um die Uhr: der Vater eröffnet ein Elektrogeschäft, das sich bald zum Familienunternehmen entwickelt, die Mutter stellt in Heimarbeit mit giftigen Chemikalien Goldschmuck her (als sie damit aufhört, wird sie nicht nur krank, sondern auch depressiv, weil sie nun tagsüber allein in dem luxuriösen Haus sitzt). Die Großmutter betreut die Kinder, näht ihnen Mao-Anzüge und erzählt ihnen Geschichten aus einer anderen Welt, in der Ahnen, Geister und Hausgötter eine wichtige Rolle spielen. Alice geht auf eine Privatschule, steht unter enormem Leistungsdruck, bekommt Depressionen, schafft die Prüfungen dennoch und meldet sich zum Jurastudium an. Ihre Liebe zu Michael, einem "Gespenst", hat keine Perspektive, auch weil die Eltern jeden Schritt ihrer 18jährigen Tochter überwachen.

Der Roman "Ungeschliffener Diamant" der jungen Autorin Alice Pung hat 2007 den Preis für das beste australische Debüt gewonnen und weit über Australien hinaus Bekanntheit erlangt. Nicht immer stringent und oft konfus, aber spannend und schnell beschreibt Alice Pung das Leben zwischen den Welten, mit viel Wah! und Ayyy! Vieles wird nur angerissen, wie die Herkunftsgeschichte ihrer Eltern und Großeltern, meistens geht es um ihre eigene Zerrissenheit, um ihre pubertären zerstreuten Gedanken, ihre Reflexionen über die Familie und den Rest der Welt. Manchmal schwingt da ein bisschen viel Selbstmitleid mit. Insgesamt jedoch eine spannende, witzig und bilderreich erzählte Geschichte über Flucht, Migration und Kulturschocks sowie das Aufwachsen zwischen Tradition und Moderne.

 

Alice Pung: Ungeschliffener Diamant, Aus dem Englischen von Marieke Heimburger, editionfünf, Hamburg 2012. 344 S. 19,90€

(Anne Friebel)