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Deniz Ohde: Streulicht, suhrkamp

Industrieschnee markiert die Grenzen des Orts, eine feine Säure liegt in der Luft, und hinter der Werksbrücke rauschen die Fertigungshallen, wo der Vater tagein, tagaus Aluminiumbleche beizt. Hier ist die Ich-Erzählerin aufgewachsen, hierher kommt sie zurück, als ihre Kindheitsfreunde heiraten. Und während sie die alten Wege geht, erinnert sie sich: an den Vater und den erblindeten Großvater, die kaum sprachen, die keine Veränderungen wollten und nichts wegwerfen konnten, bis der Hausrat aus allen Schränken quoll. An die Mutter, deren Freiheitsdrang in der Enge einer westdeutschen Arbeiterwohnung erstickte, ehe sie in einem kurzen Aufbegehren die Koffer packte und die Tochter beim trinkenden Vater ließ. An den frühen Schulabbruch und die Anstrengung, im zweiten Anlauf Versäumtes nachzuholen, an die Scham und die Angst – zuerst davor, nicht zu bestehen, dann davor, als Aufsteigerin auf ihren Platz zurückverwiesen zu werden. 
Wahrhaftig und einfühlsam erkundet Deniz Ohde in ihrem Debütroman die feinen Unterschiede in unserer Gesellschaft. Satz für Satz spürt sie den Sollbruchstellen im Leben der Erzählerin nach, den Zuschreibungen und Erwartungen an sie als Arbeiterkind, der Kluft zwischen Bildungsversprechen und erfahrener Ungleichheit, der verinnerlichten Abwertung und dem Versuch, sich davon zu befreien.

Ottessa Moshfegh: Heimweh nach einer anderen Welt, Liebeskind

Storys wie Nadelstiche, die tief unter die Haut gehen. In ihren preisgekrönten Erzählungen schafft Ottessa Moshfegh ein groteskes Panorama menschlicher Bos- und Dummheit. Ein gewaltiges Vergnügen – bis man merkt, wie nah das alles an der Realität ist, und einem das Lachen im Hals stecken bleibt.

Ottessa Moshfeghs Figuren haben etwas Beunruhigendes, Unheilvolles an sich. In einer Art dynamischem Stillstand verharren sie zwischen ihrer Vergangenheit und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Da ist beispielsweise John, der sich an seiner verstorbenen Frau rächen will, indem er sie posthum mit demselben Strichjungen betrügt, mit dem sie ihn mutmaßlich hintergangen hat. Larry arbeitet in einer betreuten Wohneinrichtung für »Menschen mit Entwicklungsstörungen«, weil er endlich sein Leben mit Leuten verbringen will, die ihn zu schätzen wissen. Und Charles fährt für ein Wochenende in eine Berghütte, weil seine Frau schwanger ist und er ein paar Tage für sich haben will, bevor das Baby auf die Welt kommt und sein Leben für immer ruiniert …
Die Menschen in diesen Erzählungen sind eigensinnig, überheblich und boshaft. Und doch fühlen wir mit ihnen, denn ihr oft absurdes Verhalten hat immer auch etwas zutiefst Menschliches, genau wie ihre pathetischen Illusionen, durch die sie sich ständig selbst im Weg stehen. Haben wir nicht alle irgendwann »Heimweh nach einer anderen Welt«?

A. G. Lombardo Graffiti Palast, Antje Kunstmann Verlag

Los Angeles, 1965. Die Stadt brennt. Die Wut der Unterdrückten bricht sich ungezügelt Bahn. Auf seiner gefährlichen und rauschhaft-jazzigen Odyssee durch die Stadt liest Americo Monk im Aufstand der Zeichen die Zeichen der Revolte.

Heruntergekommene Wohnblocks, verwitterte Werbetafeln, Hoodoo-Altäre an Häuserecken, Schnapsläden und Barbershops. Americo Monk, Semiotiker und Stadtforscher, ist in den Ghettos von Los Angeles unterwegs. Er dokumentiert die Graffiti der rivalisierenden Gangs und erzählt die Geschichten der Bevölkerung. Sein prall gefülltes Notizbuch enthält wertvolles Wissen, eine geheime Kartografie der Macht, und alle haben es darauf abgesehen: die strammen Soldaten der Nation of Islam, die chinesischen Gangster in den schummrigen Opiumhöhlen, die bis an die Zähne bewaffneten Mexikaner mit dem leuchtend weißen Marihuana und die Cops vom LAPD. Als die Polizei wieder einmal willkürlich und mit brutaler Gewalt zwei Schwarze festnimmt, brechen die Aufstände von Watts aus. Monk irrt von einer surreal-albtraumhaften Begegnung zur nächsten, doch zu Hause am anderen Ende der Stadt wartet seine schwangere Freundin Karmann Ghia auf ihn und macht sich größte Sorgen. Wird es ihm gelingen, sie wiederzusehen? A.G. Lombardo zeichnet das vielschichtige Porträt einer Stadt in Revolte, in dem Mythologie, Popkultur und urbane Legenden verschmelzen. Gleichzeitig erzählt er die Geschichte der Schwarzen in den USA, die sich in den Ghettos verdichtet. Ein sprachlich und rhythmisch umwerfendes Debüt.

Paula Irmschler: Superbusen, Claassen-Verlag

Gisela zieht nach Chemnitz, um neu anzufangen. Die Stadt ist für die Anfang zwanzigjährige ein Versprechen. Endlich studieren, sich finden, weg von der Familie und all den anderen Menschen, die sie nicht versteht und die sie nicht verstehen. Ihren Körper und ihre Gedanken aber nimmt sie mit. Doch in Chemnitz gibt es die Freundinnen, die die Welt nicht so akzeptieren wollen wie sie ist. Zusammen gehen sie auf Demonstrationen, betrinken sich, versuchen, über die Runden zu kommen und gründen eine Band: Superbusen. Bei ihren Konzerten entdecken sie das erste Mal das Konstrukt Ost und West, was sie als Frauen zusammenhält und trennt und die Macht der Musik.

Mit Witz und Präzision erzählt Paula Irmschler in ihrem Romandebüt davon, was es bedeutet, sich von der eigenen Geschichte abzunabeln. Von der Verwundbarkeit des eigenen Körpers, von der Liebe, von Zuhause, von Lebensplänen, die häufig nur aus Warten bestehen, von der Kraft von Freundschaften.

»Paula Irmschler lesen ist wie Saufen mit der besten Freundin, aber ohne Kater. Magisch.« (Margarete Stokowski)

Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst, S.Fischer

Eine junge Frau besucht ein Theaterstück über die Wende und ist die einzige schwarze Zuschauerin im Publikum. Mit ihrem Freund sitzt sie an einem Badesee in Brandenburg und sieht vier Neonazis kommen. In New York erlebt sie den Wahlsieg Trumps in einem fremden Hotelzimmer. Wütend und leidenschaftlich schaut sie auf unsere sich rasant verändernde Zeit und erzählt dabei auch die Geschichte ihrer Familie: von ihrer Mutter, die Punkerin in der DDR war und nie die Freiheit hatte, von der sie geträumt hat. Von ihrer Großmutter, deren linientreues Leben ihr Wohlstand und Sicherheit brachte. Und von ihrem Zwillingsbruder, der mit siebzehn ums Leben kam.
Herzergreifend, vielstimmig und mit Humor schreibt Olivia Wenzel über Herkunft und Verlust, über Lebensfreude und Einsamkeit und über die Rollen, die von der Gesellschaft einem zugewiesen werden.

Eileen Myles: Chelsea Girls, Matthes & Seitz

Eileen Myles erzählt ungeschönt und unverblümt davon, wie es war - damals in New York - als alles möglich schien, als Warhol jedem 15 Minuten Berühmtheit versprach, als Allen Ginsberg noch zu deiner Buchpremiere kam, wenn du ihn einludst, als noch alle mit allen im Bett gelandet sind, und es immer irgendjemanden gab, der Alkohol oder Drogen dabei hatte. Doch nicht nur um wilde Eskapaden geht es, sondern auch um die katholische Erziehung in den Sechzigern, um das Aufwachsen mit einem alkoholkranken Vater, um zerbrochene Liebesbeziehungen, um Woodstock und um das Chelsea Hotel, um enttäuschte Hoffnungen, um das Schreiben an sich. Vor allem um das Schreiben über die eigene unmittelbare Umgebung, darüber, eine kraftvolle Stimme zu finden für eine damals als geradezu unerschrocken geltende lesbische Identität. Während sich jeden Tag die Frage stellte, wie man mit Gedichten allein überleben soll, schaffte es Eileen Myles nicht nur, eine neue literarische Form zu finden, sondern auch, sich selbst neu zu entwerfen, fernab von dem, was andere erwarteten.

»„Chelsea Girls“ ist Autofiktion im besten Sinne.  Damit könnte Myles’ 26 Jahre altes Buch kaum mehr en vogue sein. Ob Maggie Nelsons „Die Argonauten“, Ocean Vuongs „Auf Erden sind wir kurz grandios“ oder zuletzt Garth Greenwells „Was zu dir gehört“: Die Autofiktion ist ein queeres Genre. Das hat damit zu tun, dass die Geschichten, die diese Autor*innen erzählen, solche von fluiden Körpern und widerständigem Begehren und ungewohnten Lebensentwürfen, in der Literatur immer noch unterrepräsentiert sind. Das Bedürfnis, das abzubilden, was ist, ist umso stärker, wenn das eigentlich gar nicht vorgesehen ist..« (Eva Tepest, taz)

Martin Gross: Das letzte Jahr Aufzeichnungen aus einem ungültigen Land, Spector Books

Der westdeutsche Autor Martin Gross lebte 1990 überwiegend in der DDR, um den Niedergang und die Neugestaltung des Landes aus nächster Nähe zu beobachten. In zahlreichen Alltagsnotizen beschrieb er, wie die Menschen den Wechsel vom alten in das neue System vollzogen. Er porträtierte so unterschiedliche Personen wie den Bewacher eines ehemaligen Stasi-Gefängnisses, den Filialleiter eines der neuen Supermärkte, die Heizer eines Kraftwerks, die Personenschützer eines Ministers und die Reinigungskräfte eines Regierungsgebäudes.

»Anders als Franz Hessel und Siegfried Kracauer mimt Gross nicht den unbeteiligten Beobachter, den ironischen Kommentator der allgemeinen Zeitläufte. Gross wendet den Blick auch auf sich selbst, aufs eigene Befremden angesichts einer Revolution, deren revolutionäre Kraft schon im Januar 1990 verpufft zu sein scheint.« (Tobias Lehmkuhl, Süddeutsche)

Andreas Stahl / Katrin Henkelmann u.a. (Hg.): Konformistische Rebellen. Zur Aktualität des autoritären Charakters, Verbrecher Verlag

Zahlreiche Zeitdiagnosen kreisen um den gemeinhin unerwarteten Aufstieg autoritärer Parteien und Bewegungen, der gegenwärtig weltweit zu beobachten ist. Knüpft man indes an die Erkenntnisse der frühen Frankfurter Schule zum autoritären Charakter an, so überrascht die Attraktivität der neuen »falschen Propheten« keineswegs. In rund 20 Aufsätzen diskutieren die Autorinnen und Autoren dieses Sammelbandes das Erklärungspotenzial einer psychoanalytisch informierten kritischen Theorie des Autoritarismus angesichts veränderter gesellschaftlicher Bedingungen.

»Insgesamt decken die Aufsätze [..] ein enormes Spektrum an Themen und Zugängen ab. Positiv fällt auf, dass die Publikationen der Kritischen Theorie zwar immer die zentrale Referenz sind, die Aufsätze des Sammelbandes sich aber nie in einer ideengeschichtliche Exegese des vor siebzig Jahren Veröffentlichten erschöpfen. 'Konformistische Rebellen' gelingt es, der Frage nach der Aktualität der Studien zum Autoritären Charakter nachzugehen.« (Till Schmidt, Versorgerin)


Mark Fisher: K-Punk Ausgewählte Schriften 2004-2016, Edition Tiamat

Die meisten Schriften des 2017 verstorbenen Autors Mark Fisher wurden nicht in Büchern, Zeitungen oder akademischen Journalen publiziert, sondern auf seinem Blog k-punk. Hier entwarf und perfektionierte Fisher seine originäre, an der Gegenwart und ihren kulturellen Artefakten orientierten, radikalen und kompromisslosen Theorie. Sowohl ein Roman J.G. Ballards oder Margaret Atwoods, Hollywood-Produktionen wie Batman Begins und Avatar, als auch ein Album von James Blake oder The Cure konnten Fisher gleichermaßen ein Anlass sein, darüber nachzudenken, ob nicht alles ganz anders sein könnte – oder warum es in Zeiten des kapitalistischen Realismus so schwer ist, sich dieses Andere vorstellen. Der Band versammelt eine Auswahl der sich auf Literatur, Musik, Film, Fernsehen und Politik aufspannenden Beiträge, die zwischen 2004 und 2016 mehrheitlich auf k-punk erschienen sind. 

»Fishers so zwingende wie deprimierende Deutung der zurückliegenden Jahrzehnte ist völlig originär und schreibt nicht bestehende philosophische Zeitdiagnosen fort. Mark Fisher hat sie quasi ex negativo entwickelt, aus dem sensiblen Erspüren des Abwesenden, des fortwährenden Phantomschmerzes, den die Amputationen des Neoliberalismus immer noch und immer wieder hervorrufen, und der Sehnsucht, die sogar die Sprache verloren hat, um sich noch ausdrücken zu können.«
(Uli Krug, jungle world)

James Sturm: Ausnahmezustand, Reprodukt

Wie konnte das passieren? Diese Frage beschäftigt 2016 nach der Präsidentschaftswahl in den USA nicht nur die halbe Welt, sondern auch Mark, der mit dem Zerfall seiner Beziehung fertig werden muss. Zwischen Trauer und Wut, zwischen Lähmung und dem Versuch, sein Leben neu aufzustellen, erlebt der zweifache Vater zärtliche Momente mit seinen Kindern – Vorfreude auf den Weihnachtsmorgen, Kekse nach einem nächtlichen Wutanfall. Hoffnung bleibt bestehen, obwohl die Zeit stillzustehen scheint.
James Sturm nutzt den Verfremdungseffekt vermenschlichter Tiere, um den Blick des Lesers auf menschliches Verhalten zu schärfen. “Ausnahmezustand” ist eine Liebesgeschichte von heute, eingefangen in klaren, ruhigen Bildern.

»Mittels Verfremdung schafft Sturm eine Distanz, die ihn die US-amerikanische Gegenwart unbefangener betrachten lässt. Aus dieser Distanz hat er einen klaren Blick auf die gesellschaftlichen Realitäten, auf Klassenverhältnisse, Abhängigkeiten und Ausgrenzungen« (Jonas Engelmann, Jungle World)

Julie Doucet: Julie Doucets allerschönste Comic Strips, Reprodukt

Mit ihrer Heftreihe “Dirty Plotte” betrat Julie Doucet Anfang der 1990er-Jahre in vielerlei Hinsicht neues Terrain. Die Verspieltheit ihrer Zeichnungen, ihre Umkehrung und Neufindung von Stereotypen brachen Dämme und öffneten Comics plötzlich auch für ein weibliches Publikum. Und noch wichtiger: Julie Doucet wurde Vorreiterin für viele Zeichner*innen, die das Bild der Comics vollständig veränderten.  “Julie Doucets allerschönste Comics Strips” vereint erstmals auf Deutsch übersetzte Comics der “Dirty Plotte”-Reihe aus den 1990er-Jahren und die Bände “Wahre Haushaltscomics”, “Schnitte” und “Traumgeburten” in einem Sammelband.

»Ohne Julie Doucet würden viele von uns heute keine Comics zeichnen. Sie ist die Königin der Independent Comics!« (Anna Haifisch)

»Es wimmelt von Details. Die Panels sind randvoll und eröffnen gleichwohl Räume: für psychoanalytische, psychedelische, feministische, intertextuelle und jede Menge anderer Lesarten. Das lohnt.« (Marie Schröer, Tagesspiegel)