buchhandlung drift

Anke Stelling: Bodentiefe Fenster, Verbrecher Verlag

Von den 68er-Müttern im Aufbruch hat eine Töchtergeneration den Auftrag erhalten, die Welt zu verbessern – das Waldsterben und die Aufrüstung zu stoppen, ein Zimmer für sich allein zu haben, gemeinsam stark zu sein –, und diesen Auftrag kann Sandra nicht vergessen.
Mit vierzig Jahren und als Mutter zweier Kinder ist aus ihr eine Art Kassandra vom Prenzlauer Berg geworden. Sie sieht, dass die Ideale der Elterngeneration im Alltag verloren gehen, auf dem Spielplatz versanden, im Plenum der Hausgemeinschaft ad absurdum geführt werden. Alles auszusprechen, ist offenbar keine Lösung, weggehen kann sie jedoch auch nicht, außerdem genießt sie ihre Privilegien. Sie feiert die Kindergeburtstage wie früher, wie Pippi Langstrumpf, doch der Kern der Utopie ist nicht mehr da. Und die bodentiefen Fenster machen den Alltag allzu durchsichtig.
In schöner Sprache und mit viel Ironie erzählt Anke Stelling von den Hoffnungen, Kämpfen und Widersprüchlichkeiten des Mutterdaseins.

Georges Perec: Die Dinge, diaphanes

Perec beschreibt in diesem schmalen Buch das Leben des jungen Paares Jérôme und Sylvie als ganz und gar von Dingen bestimmt, die sie besitzen oder besitzen wollen und denen sie alle ihre menschlichen Beziehungen unterordnen. Beide haben ihr Studium aufgegeben und betreiben nun mit Versatzstücken aus Psychologie und Soziologie Marktanalysen für eben jene Konsumindustrie, deren exemplarische Zielgruppe sie bilden. Getrieben von der Frage, auf welche Art jenes den anderen offenbar so reichlich zur Verfügung stehende Geld zu beschaffen sei, verlieren sie sich immer tiefer in den »Gefängnissen des Überflusses«, nicht ohne jedoch einen Ausbruch zu wagen…
Perecs Erzählung verbindet literarischen Formwillen mit wacher Gesellschaftsanalyse, schonungslose Beschreibung mit großer Empathie: Literatur als Utopie jenseits aller Tristesse konformer und kristalliner Warenwelten.

»In ›Die Dinge‹ geht es vornehmlich um die Entfremdung in der Moderne, um den verzweifelten Wunsch, in der Warenwelt glücklich zu werden. Selten ist diese Verzweiflung literarisch so erfasst worden wie in Perecs Debütroman.«
(Olaf Kistenmacher, Jungle World)

Joanna Bator: Dunkel, fast Nacht, suhrkamp

Eine Stadt ist in Aufruhr. Drei Kinder sind verschwunden. Die erfolglosen Ermittlungen schüren die Wut der Bürger, befeuern die Gerüchte. Verdächtigungen und Schuldzuweisungen greifen um sich. Gehetzt wird gegen die »Katzenfresser«, die Zigeuner. Im Radio und im Internet lodert die Sprache des Hasses.
Alicja Tabor hat diese Stadt früh verlassen. Nun kehrt sie als Journalistin zurück, um Nachforschungen über die rätselhaften Entführungen anzustellen. Sie quartiert sich im alten Haus ein, das seit dem Tod des Vaters leer steht; die Atmosphäre ist düster, die Stimmung im einst so geliebten Garten unheimlich. Ständig fühlt sie sich beobachtet, um sie herum ereignen sich unerklärliche Dinge.

Ein Roman über die Brüchigkeit einer Gesellschaft, die ihre gemeinsame Sprache verloren hat.

»Joanna Bator verdichtet die nicht aufgearbeiteten Traumata der polnischen Geschichte und die Herausforderungen der Gegenwart ... . Ein düsteres Epochenportrait und eine Kriminal- und Framiliengeschichte, die man bis zur letzten Seite nicht aus der Hand legen kann, weil sie so ungeheuerlich ist.« (WDR)

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe, Arche Literatur Verlag

Ihre Storys zeugen von einem unsteten Leben voller Brüche. Es sind Frauen wie sie, deren Schicksal sie festhält: alleinerziehende Mütter, Alkoholikerinnen auf Entzug, Haushaltshilfen, Krankenschwestern und Sekretärinnen. Es geht um Mütter und Töchter, scheiternde Ehen und schwangere Mädchen, um Immigranten, Reichtum und Armut, um Einsamkeit, Liebe und Gewalt. Die Orte des Geschehens sind Waschsalons, Cafés und Restaurants, Krankenhäuser und Arztpraxen. Hier ereignet sich das Unerwartete, hier zeigen sich die kleinen Wunder des Lebens, entwickeln sich Tragödien, denen Lucia Berlin mal mit feinem Humor, mal voller Melancholie, aber stets mit ergreifender Empathie auf den Grund geht.

»Eine präzise und überaus literarische Erkundung des Überlebenskampfes einer alleinerziehenden Mutter, Trinkerin, Putzfrau und Schriftstellerin.« (literaturkritik.de)

Razel Reid: Movie Star, Albino Velag

Für Jude ist die Schule ein großes Filmset: Da gibt es Crewmitglieder, Statisten und Hauptdarsteller – und jeder fügt sich in seine Rolle. Nur Jude ist im Drehbuch nicht vorgesehen. Als schrille Diva in High Heels und Glamour-Make-up zieht er die Blitzlichter der Paparazzi magisch an und mischt den Schulalltag gewaltig auf. Und als er das Undenkbare wagt und um das Herz seines Angebeteten kämpft, überschlagen sich die Ereignisse. Aber was wäre ein Blockbuster ohne dramatischen Höhepunkt? Eine ebenso rasante wie berührende Geschichte über das Anderssein — schonungslos erzählt und voller bissigem Humor.

»Seine Fähigkeit, noch über die düstersten Szenen ein wenig Glitzer zu streuen, ist so verstörend wie faszinierend. Und Reid zieht diesen Eskapismus, über dessen Auswüchse man manchmal lachen, manchmal schlucken muss, mit bewundernswerter Konsequenz durch. Selbst den dunkelsten Momenten ringt der Erzähler eine Poesie von betörender Schönheit ab. [...] Auch das ist ein Stück Realität. Und Reids großes Verdienst, Jude nicht als Heiligen zu verklären, sondern einen mal liebenswerten, mal narzisstischen, mal anlehnungsbedürftigen, mal anmaßenden Helden zu erschaffen, der letztendlich Opfer seines homophoben Umfelds wird.« (Fixpoetry)

Dietmar Dath: Venus siegt, Hablizel

Auf dem Planeten Venus findet in einigen hundert Jahren ein gewaltiges soziales Experiment statt. Man will herausfinden: Gibt es eine Form der Zusammenarbeit, in der Menschen, Roboter und räumlich ungebundene künstliche Netzintelligenzen gleichberechtigt leben können? Eine Revolution hat diese Nachbarwelt der Erde von der kolonialen, wirtschaftlichen und politischen irdischen Herrschaft befreit. Gegen äußere und innere Feindschaft muss sich das neue Regime, das verspricht, alle Formen des Denkens und Arbeitens von Ausbeutung und Abhängigkeit zu befreien, mit harten Maßnahmen behaupten. Die Politikerin und Programmiererin Leona Christensen errichtet eine Diktatur. „Venus siegt“ erzählt ihre Geschichte aus der Perspektive eines Elitenkindes der neuen Ordnung: Nikolas Helander ist der Sohn des Kulturlenkers und ersten Gehilfen der Diktatorin. Sein Leben, seine Liebe und sein politischer Weg zwischen Loyalität, Opposition und Krieg sind die drei Stränge einer großen Erzählung von Befreiung und Terror, Zwang und Emanzipation unter den Bedingungen höchstentwickelter Technik.

»Dath bringt die deutschsprachige Science-Fiction voran. [...] Lupenreine Fantastik.« (literaturkritik.de)

Klaus Bittermann: Sid Schlebrowskis kurzer Sommer der Anarchie und seine Suche nach dem Glück, Edition Tiamat

Die 16-jährige Nancy fährt mit dem Citroën ihres Vaters nach Italien und nimmt unterwegs den 17-jährigen Sid mit. Beide sind von zu Hause weggelaufen. Sid ist ein etwas naiver Punk und Nancy eine verwöhnte Tochter aus gutem Hause, die von einer unbändigen Reiselust getrieben ist. Einer Zeitungsmeldung zufolge hinterlässt »das junge Paar in Luxushotels unbezahlte Rechnungen und bestohlene Hotelgäste«. Und weiter erfährt man: »Das Mädchen trat betont selbstbewusst auf und trug stets einen teuren Pelzmantel.« Klaus Bittermann hat die Zeitungsnotiz ausgeschnitten und über 35 Jahre lang aufbewahrt, um nun die Geschichte dazu zu erfinden.

Auf ihrer Reise durch Norditalien treffen Nancy und Sid auf üble, aber auch hilfsbereite und andere absonderliche Gestalten wie einen Bordellbesitzer auf der Flucht, den Bassisten der Clash, einen alten Spanien-Kämpfer und eine Ringerin aus Berlin. Aber irgendwann geht der kurze Sommer der Anarchie zu Ende. Die beiden verlieren sich. Für Sid beginnt die verzweifelte Suche nach Nancy, die ihn nach Barcelona und auf eine kleine griechische Insel verschlägt.

»Beeindruckend ist der leichte Sound der Story, die mit dem Drive eines Alfa Romeo daherkommt und gleichzeitig nostalgisch ist wie der Anblick eines rostigen Fiat Uno. Die Erzählung ist eine Liebeserklärung an die Liebe, an die Jugend, an die Musik des Punk, an die Literatur, an die Mode: Nancy und Sid hätten es verdient, zu einem Sommerhit zu werden.« (Jens Uthoff, taz)

Laurent Binet: Die siebte Sprachfunktion, rowohlt

Paris, Frühjahr 1980: Roland Barthes wird von einem bulgarischen Wäschelieferanten überfahren. Barthes kommt von einem Essen mit dem Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten, François Mitterrand, und trägt ein Manuskript unter dem Arm. Ein Passant, Michel Foucault, wird Zeuge des Unfalls und behauptet, es war Mord.

Der Tod des Autors ist für Kommissar Bayard ein Rätsel. Er mischt sich unter die Poststrukturalisten, besucht Vorlesungen von Foucault und hört Vorträge von Julia Kristeva, Philippe Sollers, Jacques Derrida und anderen. Da er nichts versteht, macht er den jungen Sprachwissenschaftler Simon Herzog zu seinem Assistenten.

Der Roman ist auch ein Gesellschaftsporträt Frankreichs der achtziger Jahre. Bayard ermittelt unter den Nach-Achtundsechzigern, die er nicht ausstehen kann, diesen linken Nichtsnutzen, die mit Joints und langen Haaren vor der Uni herumlungern und mit lüsternen Professoren, die von sexueller Freiheit labern und sich unzüchtig benehmen, Frankreichs Kultur gefährden.
Das Manuskript, das Barthes bei sich hatte, bleibt spurlos verschwunden. Auch der bulgarische Geheimdienst interessiert sich dafür. Ein bulgarischer Mörder greift Simon Herzog mit einer vergifteten Regenschirmspitze an. Aber im letzten Moment wird Herzog von zwei Japanern gerettet. Sie sind ebenfalls hinter dem Manuskript her. Eine heiße Spur führt zu dem italienischen Semiotiker Umberto Eco. Also bewegt sich der Tross – Kommissar und Assistent, Bulgaren und Japaner, nach Italien. Die Reise geht noch lange weiter, sie führt sogar auf einen amerikanischen Campus, wo Foucault über die Sexualität der Elefanten philosophiert.

Mercè Rodoreda: Auf der Plaça del Diamant, suhrkamp

Mit ungewöhnlicher Eindringlichkeit schildert der Roman die Lebensgeschichte von Colometa, einer in Traditionen verhafteten jungen Frau, die im Spanischen Bürgerkrieg ihren Mann verliert und gezwungen ist, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen.
Dieser faszinierende Roman machte die katalanische Autorin Mercè Rodoreda weltberühmt. Er wurde in über 20 Sprachen übersetzt und ist heute der Klassiker der katalanischen Literatur.
Mercè Rodoreda (1908–1983) lebte während der Franco-Zeit im französischen Exil und begann erst nach ihrer Rückkehr wieder mit großem Erfolg zu schreiben und zu veröffentlichen.

»Der Krieg zerstört das Idyll eines unaufgeklärten Lebensentwurfs, in dem die Dinge als Gegeben erscheinen und der Lebenslauf als gottgewollte Unabdingbarkeit hingenommen wird. Das ist die andere Botschaft dieses Romans. Er schildert ein aufgeklärtes Erwachen. Denn das Ende des Idylls ist zugleich der Beginn aufgeklärter Autonomie. Colometa ahnt, was das bedeutet: Von nun an wird sie immer für ihr Leben verantwortlich sein. Sie wird entscheiden müssen, ob sie zulässt, dass und wie andere ihr Leben beeinflussen. Diese Erkenntnis bedeutet letztlich Freiheit.« (literaturkritik.de)

Liza Cody: Miss Terry, Argument/ariadne

Ein Reihenhaus nah am Fluss, mitten in der Stadt. Eine ruhige kleine Straße. Für Nita Tehri scheint es gut zu laufen: Sie hat Arbeit, eine hübsche Wohnung und einen sorgsam geregelten Tagesablauf. Sicher, sie sieht ein bisschen anders aus als ihre Nachbarn. Aber das ist kein Problem. Bis eines schönen Wintertags in der Guscott Road ein Müllcontainer aufgestellt wird …

Plötzlich beginnt eine Hetzkampagne, für die Nita nicht gewappnet ist. Schließlich muss sie sich fragen: Wem nützt es, sie zum Opfer zu machen? Wer hat hier wirklich Dreck am Stecken?

»In 'Miss Terry' lässt Liza Cody Vorurteile auf Arglosigkeit treffen. Die britische Pionierin des feministischen Krimis zeigt sich als äußerst gewitzte Erzählerin.« (DRadio Kultur)

Lily Brett: Lola Bensky, suhrkamp, rowohlt

Lola Bensky ist neunzehn, als Keith Moon von The Who vor ihren Augen die Hosen runterlässt und Cher sich ihre falschen Wimpern borgt. Es sind die Sixties, und Lola ist als Reporterin in London und New York unterwegs, um Interviews mit Musikern zu führen. Sie unterhält sich mit Mick Jagger über Sex und Diäten, mit Jimi Hendrix über Mütter, Gott – und Lockenwickler. Ihre Leser sind vermutlich eher an Tratsch interessiert, aber Lola war schon immer etwas unkonventionell. Zum Glück ahnen ihre Eltern nichts davon, dass sie mit Menschen zu tun hat, die mit freier Liebe und Drogen experimentieren. Sie haben das Konzentrationslager überlebt, aber das würde sie ins Grab bringen. Und Lola fühlt sich schon schuldig genug, dass sie Übergewicht hat und keine Anwältin geworden ist. Doch sie ist fest entschlossen, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen.

»Lily Brett erzählt in ihrer unaufgeregten schlichten Sprache triviale Pop-Rebellion aus der Perspektive des historischen Grauens und relativiert durch Lolas scheinbar naiven Blick, aber auch durch viele humorvoll erzählte, mitunter comichafte Szenen, die selbstverliebte Nabelschau der Generation Rock.« (Stefan Maelck, NDR Kultur)

Gioacchino Criaco: Schwarze Seelen, Folio Verlag

Armut, archaische Riten, organisiertes Verbrechen – eine Geschichte aus dem gottverlassenen Süden Italiens: Drei Freunde aus dem Bergdorf Africo in Kalabrien wollen sich weder dem Schicksal noch den lokalen Paten ergeben. Die Söhne armer Ziegenhirten, die bereits als Kinder reiche entführte Industrielle aus dem Norden in den dichten Wäldern des Aspromonte-Gebirges bewachten, wollen dem Kreislauf von Tradition und Not entkommen. Beginnend mit kleinen Diebstählen steigen sie in das internationale Drogengeschäft Mailands ein – und werden zum Spielball undurchdringlicher Mächte.

»Ein starker Roman, dessen Stoff gerade in der kühlen, beiläufigen und dennoch sehr präzisen Art des Erzählens, seine Kraft entfaltet. Doch sie verleiht ihm auch eine gewisse Sprödigkeit. So liegt diese hoch konzentrierte, spannende Geschichte zwar offen da, wirkt bisweilen aber dennoch so verschlossen, wie die Bergbewohner, von denen sie erzählt.« (SWR 2)

Margarete Stokowski: Untenrum frei, rowohlt

SEX. MACHT. SPASS. UND PROBLEME.
In ihrem Debüt «Untenrum frei» schreibt die Autorin und Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski über die kleinen schmutzigen Dinge und über die großen Machtfragen. Es geht darum, wie die Freiheit im Kleinen mit der Freiheit im Großen zusammenhängt, und am Ende wird deutlich: Es ist dieselbe. Mit scharfsinnigem Blick auf die Details gelingt ihr ein persönliches, provokantes und befreiendes Buch.
Stokowski erzählt von dem frühen Wunsch, unbedingt als Mädchen wahrgenommen zu werden, von unzulänglichem Aufklärungsunterricht, von Haaren und Enthaarung, von Gewalterlebnissen, von Sex, von Liebe und vom Feminismus. Und sie verbindet ihre wunderbar erzählten persönlichen Erlebnisse mit philosophischen, politischen und wissenschaftlichen Analysen und zeigt damit: Sie ist mit ihren Erfahrungen nicht alleine. Wir fühlen uns als freie, aufgeklärte Individuen, aber erst wenn wir Geschichte um Geschichte zusammentragen, wird die kollektive Schieflage, die strukturelle Ungleichheit sichtbar. Dennoch: «Wenn ich Geschichten aus meinem Leben erzähle, dann nicht, um langsam, aber sicher ein Bild von mir als Vollopfer aufzubauen», schreibt Stokowski – im Gegenteil. Ihr geht es um eine «Ent-Opferung». Humorvoll und klug geht sie damit der Frage nach, wie politisch das Private noch immer ist.

»Der Feminismus erklärt mir nicht, warum der Bus nicht auf mich wartet. Aber er erklärt mir, warum ich mich für mein Zuspätkommen entschuldigen werde, auch wenn ich nicht schuld war, sondern der Bus zu früh gefahren ist. Er erklärt mir, warum viele der Frauen, die ich kenne, sich auch noch entschuldigen würden, wenn sie von einem Meteoriten getroffen werden.«

Felix Klopotek/Peter Scheiffele (Hg.): Zonen der Selbstoptimierung, Matthes & Seitz

Ob bei der Arbeit, in Schule und Familie, in der Therapie oder beim Stylisten, in der Kneipe oder im Club, im Fitnessstudio oder im Doppelbett: In allen Sphären des Lebens hat sich das Diktat der Leistungssteigerung durchgesetzt. Überall wird optimiert, verglichen und bewertet, um noch besser zu funktionieren und noch mehr herauszuholen. Doch die verschiedenen Zonen der Selbstoptimierung lassen sich auch mit der besten App nicht unter einen Hut bringen. Gute Eltern können nur bedingt coole Hipster sein, und die Herausforderungen des Nachtlebens werden zum Risiko für den Job. Irgendwann verkeilen sich die optimierten Abläufe, die modernen Performer geraten ins Straucheln, und die schreckliche Müdigkeit stellt sich ein.
Dieser Band versammelt polemische, gesellschaftskritische, spöttische und poetische Berichte aus den Zonen der Selbstoptimierung. Sie beleuchten die konkreten Folgen unserer tragikomischen Betriebsamkeit und zeigen den gestressten Menschen, dessen Durst nach vollem Leben sich im überhitzten Leerlauf erschöpft.

»Das Buch liefert das soziologische Porträt der urbanen Mittelschicht, deren Alltag an Tempo zugelegt hat. Es zeigt, wie dem Beschäftigtsein ein absoluter Wert zugeschrieben wird, während Zu-Viel-Zeit-Haben Scheitern bedeutet, genauso wie zu wenig Likes in den sozialen Netzwerken, wie auch der Permanentblick aufs Smartphone Angst enthüllt: Keine Nachricht hieße, sozial nicht eingebunden zu sein. [...] Wie man dem Hamsterrad des allumfassenden Zweckdenkens entkommt, darüber findet sich hier nichts. Aber indem die Autorinnen und Autoren das Phänomen entblättern und zeigen, dass Schönheit, Schlau- und Schnellsein das Leben nicht leichter machen, liefern sie einen nützlichen Beitrag.« (DRadio Kultur)

Shereen El Feki: Sex und die Zitadelle. Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt, Hanser

Dieses Buch wagt sich an ein Tabu: Fünf Jahre lang hat Shereen El Feki Frauen und Männer in den arabischen Ländern, vor allem in Ägypten, befragt, was sie über Sex denken und welche Rolle er in ihrem Leben spielt. El Feki schildert bewegende Schicksale, erläutert historische Hintergründe und liefert aufschlussreiche Daten. Anhand der verschiedenen Aspekte von Sexualität eröffnet sie völlig neue Einblicke in das Innenleben der sich wandelnden arabischen Welt. Sie betont, dass den Islam eigentlich eine positive Haltung zur Sexualität auszeichnet, vertritt aber zugleich die provokante These, dass ohne einen freieren, offeneren Umgang damit die politisch-soziale Entwicklung in den arabischen Gesellschaften weiterhin stagnieren wird.

»...liefert keine Analyse, ist aber eine Fundgrube für alle, die sich Zusammenhänge selber erklären können.« (konkret-literatur 38/2013)

»Zusammenfassend spricht die Forscherin von einer enormen "Heuchelei", die das Sexleben in der arabischen Region dominiere und belaste. Man sagt das eine und tut das andere, die Angst vor Entdeckung regiert. Was fehlt, sind individuelle Rechte, insbesondere für Frauen, vor allem aber Offenheit, um die Probleme zu benennen und mit der unwürdigen Heuchelei aufzuräumen.« (Deutschlandfunk)

Feustel/Grochol/Prüwer/Reif (Hg.): Wörterbuch des besorgten Bürgers, Ventil Verlag

Von »Asylindustrie« über »Merkeljugend« bis »Volkstod«: In Kreisen besorgter Bürger machen dieser Tage Begriffe die Runde, deren Unsinn nicht selbstverständlich ist.

Dieses Wörterbuch kartografiert und kritisiert – unvollständig und selbst wertend – in 150 Einträgen den sprachlichen Zauber, der weite Teile der politischen Öffentlichkeit erfasst hat und der beharrlich mit stilisierten Ängsten spielt. Konsequent aus einer falschen Opferperspektive werden Tabubrüche inszeniert, um noch so derbe Zumutungen als verkannte Wahrheit zu deklarieren. Neben der politischen Schärfe, welche die Aufarbeitung besorgter Sprache unweigerlich zeigt, kommt auch (ungewollt) Komisches zum Vorschein: Wer etwa von »Volksverdünnern« spricht, hat nicht darüber nachgedacht, dass Besorgte – um im Bild zu bleiben – dann die Arterien der Gesellschaft verstopfen.

Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne, suhrkamp

Die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs war eines der zentralen Versprechen der »alten« BRD – und tatsächlich wurde es meistens eingelöst: Aus dem Käfer wurde ein Audi, aus Facharbeiterkindern Akademiker. Mittlerweile ist der gesellschaftliche Fahrstuhl stecken geblieben: Uniabschlüsse bedeuten nicht mehr automatisch Status und Sicherheit, Arbeitnehmer bekommen immer weniger ab vom großen Kuchen. Oliver Nachtwey analysiert die Ursachen dieses Bruchs und befasst sich mit dem Konfliktpotenzial, das dadurch entsteht: Selbst wenn Deutschland bislang relativ glimpflich durch die Krise gekommen sein mag, könnten auch hierzulande bald soziale Auseinandersetzungen auf uns zukommen, die heute bereits die Gesellschaften Südeuropas erschüttern.

»Nachtwey betreibt Gesellschaftsanalyse im besten Sinne: Er beschreibt nicht nur, sondern erklärt auch die Veränderungen; er geht von den ökonomischen Produktionsverhältnissen aus, behält die Gesellschaft aber im Blick; er diskutiert eine Fülle soziologischer Fachdiskurse, verliert sich aber nicht darin; er schreibt für ein breites Publikum, ohne dabei trivial zu werden.« (kritisch-lesen.de)

Anna Kaminsky: Frauen in der DDR, Ch. Links

Wie lebten Frauen in der DDR? Im Rückblick erscheinen sie oft wie »siebenarmige Göttinnen«, die es offenbar spielend schafften, Berufstätigkeit, Mutterschaft und Emanzipation unter einen Hut zu bringen und bei alldem fröhlich durchs Leben zu gehen. Ihnen standen viele Wege offen, da, so die offizielle Lesart, der Staat vorbildlich für »seine Frauen« sorgte. Frauen in der DDR waren aber zugleich zwischen all ihren Rollen zerrissen - wie die Heldinnen aus den Erzählungen von Brigitte Reimann oder Maxie Wander, die sich gegen die ihnen gesetzten Grenzen auflehnten, und oftmals scheiterten.

Anna Kaminsky wagt einen Gesamtblick auf die Situation von Frauen in der DDR, der das politische Leben genauso einschließt wie das berufliche und das private. Fotografien sowie biografische Porträts werfen Schlaglichter auf die Vielfalt weiblicher Lebensentwürfe.

»Es ist das Verdienst dieses Buches, das Missverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Gleichberechtigung in der DDR aufzudecken.« (Deutschlandfunk)

Cederström, Carl & Spicer, André: Das Wellness-Syndrom. Die Glücksdoktrin und der perfekte Mensch, Edition Tiamat

In diesem Buch argumentieren Carl Cederström und André Spicer, dass sich der allgegenwärtige Druck, unser Wohlbefinden zu maximieren, inzwischen gegen uns richtet, uns schlecht fühlen lässt und dazu führt, dass wir uns in uns zurückziehen. Das Wellness-Syndrom folgt Gesundheitsfreaks, die bis zum Äußersten gehen, um die perfekte Diät zu finden, Angestellten, die den Tag mit einer Tanzparty beginnen, und den »Self-Trackern«, die alle Körperdaten messen, einschließlich ihrer Toilettengewohnheiten. Das ist eine Welt, in der sich gut fühlen ununterscheidbar geworden ist von gut sein.
Vorstellungen von sozialer Veränderung sind auf Träume individueller Verwandlung reduziert, politische Debatten werden von ödem Moralisieren ersetzt, und wissenschaftliche Beweise werden gegen New-Age-Täuschungen eingetauscht. Eine anschauliche und witzige Diagnose des Wellnesskults für jeden, der misstrauisch ist gegenüber der unablässigen Suche nach mehr Glück und Gesundheit.

»Immer mehr Menschen führen das eigene Leben wie ein Geschäft und versuchen, noch in ihrer Freizeit effizient zu sein. Cederström und Spicer schildern diesen Wandel von der "Work-Ethic" zur "Workout-Ethic" scharfzüngig, mit einem Auge für absurde Auswüchse. « (DRadio Kultur)

»An den Studien von Christopher Lasch und Richard Sennett zum Narzissmus und den Governmentality Studies orientiert, zeigen die Autoren plausibel, wie der Appell an die positive und ganzheitliche Kraft der Arbeitssubjekte vor sich geht, um damit neue Kontrollformen und Effizienzsteigerung zu etablieren.« (taz)

Anna Hafisch: The Artist, Reprodukt

Ein vogelartiges Geschöpf bewegt sich mehr oder weniger erfolglos in der Kunstwelt und träumt davon, eines Tages ein großer Künstler zu sein. Allerdings wird es immer wieder mit Rückschlägen konfrontiert - quälende Selbstzweifel sind die unausweichliche Folge...

»In liebevollen und anrührenden Sequenzen erzählt sie von den Selbstzweifeln und der Einsamkeit ihres Protagonisten. [...] Eine sich zwischen Tragik und Komik bewegende pointierte Auseinandersetzung und Abrechnung mit Kulturbetrieb und Künstler*innendasein« (Aviva - Online Magazin)

»Die Stimmung, die herrscht, lässt sich als eine depressive Heiterkeit beschreiben, vielleicht. Oder eine heitere Depression.« (comickritik.de)

Jaime Hernandez: Liebe und Versagen, Reprodukt

Bereits seit mehr als drei Jahrzehnten begleitet Jaime Hernandez das Leben seiner Protagonistin Maggie Chascarillo. Ähnlich Harry Angstrom in John Updikes “Rabbit”-Romanen wuchs Maggie gemeinsam mit ihren Lesern heran. Heute ist sie Mitte Vierzig und alle Pfade, die sie betreten hat, sämtliche Entscheidungen, die sie traf, kulminieren in “Liebe und Versagen”.
Wie ein Kaleidoskop führt das Buch Schicksalsschläge, Familiengeheimnisse und Wendepunkte in Maggies Leben zusammen und erzählt eine berührende Geschichte über Erinnerungen und ihre Last auf unserer Gegenwart. Jamie Hernandez gelingt mit “Liebe und Versagen” ein Kunstwerk – kraftvoll und echt –, das uns eindrücklich vor Augen führt, dass wir Ängste und Traurigkeit akzeptieren müssen, uns von ihnen aber nicht versehren lassen dürfen.

Jaime, Gilbert und Mario Hernandez, drei Brüder mexikanisch-amerikanischer Abstammung, haben mit “Love & Rockets” das wohl spannendste und facettenreichste Comic-Universum der letzten dreißig Jahre geschaffen. Ihre Geschichten erzählen vom bewegten Leben südkalifornischer Jugendlicher, von Auseinandersetzungen und Liebesleben sowohl in den Vororten von Los Angeles als auch im fiktiven lateinamerikanischen Dorf Palomar.

Wir empfehlen die komplette Reihe in Englisch, erschienen bei Fantagraphics.

Adrian Tomine: Eindringlinge, Reprodukt

Ein Familienschicksal zwischen Krebserkrankung und Stand-up-Comedy. Ein Gärtner mit großen künstlerischen Visionen. Eine junge Frau, die einer bekannten Pornodarstellerin wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Ein ungebetener Gast, der in die eigene Vergangenheit einbricht.
Adrian Tomines Erzählungen über die Last der Liebe und ihrer Abwesenheit, über Ambitionen und die Angst vor dem Leben, über Identität und Verlust zeigen ihn auf der Höhe seines Könnens: unberechenbar, schwarzhumorig und tief bewegend.

»Während Tomine vordergründig im klassischen Format des Comics über die Freiheiten und Unfreiheiten des Lebens als Künstler reflektiert, über das Gefangensein zwischen Brotjobs und Selbstverwirklichung und über die Ignoranz seiner Mitmenschen gegenüber vermeintlich minderwertigen Kunstformen – eine Ignoranz, die auch Comiczeichnern nicht unbekannt sein dürfte –, widmet er sich nebenbei auch ganz anderen Fragen und Problemen. Von tiefsitzendem Rassismus und Vorurteilen erzählt er, von Selbstzweifeln, dem Älterwerden und den Zwängen des Kapitalismus – subtil, ohne den Leser mit der Nase darauf zu stoßen, und aus ungewohnten Perspektiven.« (Jungle World)

Héctor G. Oesterheld, Francisco Solano López: Eternauta, Avant-Verlag

Buenos Aires, 1963: Juan Salvo sitzt mit seiner Familie und Freunden beim Kartenspiel, als es zu schneien beginnt. Der Schnee, der auf die Stadt fällt, ist tödlich, sein Gift dringt durch jede Ritze, wer mit ihm in Berührung kommt, stirbt sofort. Außerirdische haben Buenos Aires erobert, mit Hilfe des Schnees, Rieseninsekten und versklavten Wesen eines anderen Planeten töten SIE die Bewohner der Stadt oder verwandeln sie in Robotermenschen. Juan Salvo und seine Freunde gehören zu den wenigen Überlebenden. Sie entschließen sich, gehen den übermächtigen Feind in den Kampf zu ziehen. Ein Kampf, bei dem Salvo nicht nur sein eigenes Leben aufs Spiel setzt – sondern auch das seiner Familie...

Es ist beinahe undenkbar, Eternauta von Héctor Germán Oesterheld (geb. 1919, vermutlich 1978 ermordet) und Francisco Solano López (1928-2011) nicht als erstaunlich antizipatorisches Porträt der argentinischen Gesellschaft unter der Militärdiktatur zu lesen. Eine Vorwegnahme der durch den Staat ausgeübten Gewalt der 1970er Jahre, der auch Oesterheld und seine vier Töchter zum Opfer fielen. Bis heute zählen sie zu den „Desaparecidos“, den verschwundenen Gegnern der Militärdiktatur. Eternauta ist das Hauptwerk des wichtigsten argentinischen Comicautors, das vor dem Hintergrund seines eigenen Schicksals eine beklemmend prophetische Kraft entfaltet.

Julie Maroh: Blau ist eine warme Farbe, Splitter

Das Leben von Clementine kippt an dem Tag, als sie Emma trifft, eine junge Kunststudentin mit blauen Haaren, die sie alle Facetten der Lust entdecken lässt und ihr ermöglicht, sich dem Blick der anderen zu stellen. Eine einfühlsame Erzählung voller Zärtlichkeit.
Die ebenso sanfte wie tragische und mit autobiografischen Elementen versehene Coming-Out Geschichte über die zwei jugendlichen Frauen Clementine und Emma, die miteinander eine Liebesbeziehung eingehen und deswegen den homophoben Attacken ihrer Umwelt ausgesetzt sind, erhielt auf den Filmfestspielen von Cannes 2013 als Verfilmung »Blue is the Warmest Colour« mit der Goldenen Palme die wohl wichtigste cinephile Auszeichnung der Filmbranche.
Julie Maroh kritisierte den Film wegen des ihrer Meinung nach zu heterosexuellen Blicks scharf. Wie sie ihre Geschichte erzählt hat, können wir jetzt alle nachlesen.