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Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen Teenager..., Matthes & Seitz

Gudrun Ensslin eine Indianersquaw aus braunem Plastik und Andreas Baader ein Ritter in schwarzglänzender Rüstung? Die Welt des kindlichen Erzählers dieses mitreißenden Romans, der den Kosmos der alten BRD wiederauferstehen lässt, ist nicht minder real als die politischen Ereignisse, die jene Jahre in Atem halten und auf die sich der 13-Jährige seinen ganz eigenen Reim macht. Frank Witzel ist es in dieser groß angelegten fantastischen literarischen Rekonstruktion des westlichen Teils Deutschlands gelungen, ein Spiegelkabinett der Geschichte im Kopf eines Heranwachsenden zu errichten. Erinnerungen an das Nachkriegsdeutschland, Ahnungen vom Deutschen Herbst und Betrachtungen der aktuellen Gegenwart entrücken ihn dabei immer weiter seiner Umwelt. Das dichte Erzählgewebe ist eine explosive Mischung aus Geschichten und Geschichte, Welterklärung, Reflexion und Fantasie: ein detailbesessenes Kaleidoskop aus Stimmungen einer Welt, die ebenso wie die DDR 1989 Geschichte wurde.

»Im Roman übermalt Witzel jenes 'Weiß, das entsteht, wenn Erinnerung reißt', mit der subjektiven Geschichtswahrnehmung des Protagonisten und öffnet Räume, die ein zwischen Fiktion und Fakten changierendes Bild der Nachkriegsgesellschaft zeichnen, ein Bild, das den Zusammenbruch des Teenagers mit dem Verdrängen der nationalsozialistischen Vergangenheit, der Autoritätshörigkeit gegenüber der Kirche und der Paranoia nach Gründung der RAF kurzschließt.« (Jonas Engelmann, jungle world)

Édouard Louis: Das Ende von Eddy, S.Fischer

Mit unglaublicher Sprachgewalt erzählt der junge französische Autor Édouard Louis die Geschichte einer Befreiung aus einer unerträglichen Kindheit: inspiriert von seiner eigenen. Armut, Homophobie, Gewalt.

»Ich rannte weg, ganz auf einmal. Gerade hörte ich meine Mutter noch sagen ›Was soll der Scheiß jetzt wieder?‹. Aber ich wollte nicht bei ihnen bleiben, ich weigerte mich, diesen Moment mit ihnen zu teilen. Ich war schon weit weg, ich gehörte nicht mehr zu ihrer Welt, der Brief besagte es. Ich kam zu den Feldern und wanderte einen Großteil der Nacht herum, auf den Feldwegen, in der Kühle Nordfrankreichs, in dem zu dieser Jahreszeit so intensiven Geruch der Rapsfelder. Die ganze Nacht über entwarf ich mein neues Leben fern von hier.«

»Jedes traditionsbewusste Dorf scheint für sich allein zu existieren, sich den Horizont der weiten Welt auf ein überschaubares und verträgliches Mass zurechtzustutzen. Alles, was von ausserhalb in diesen Organismus eindringt – seien es Zuzügler, Umsiedler oder urbane Flüchtlinge –, bleibt für die Ortsfesten ein misstrauisch beäugter Fremdkörper, eine Fremdzelle, die oft auf Lebenszeit offen oder hinter vorgehaltener Hand stigmatisiert wird. Eine Trutzburgmentalität greift um sich, die schnell bereit ist, in Ressentiments gegen das nächstgelegene Dorf oder das gekünstelt scheinende Gebaren der Städter umzuschlagen. Aber auch das, was von innen auf eine Gemeinschaft bedrohlich wirkt, kann von der Mehrheit abgestossen werden.« (Neue Zürcher Zetung)

Georges Perec: Geboren 1936, diaphanes

Dass das Autobiographische als Schlüssel zu Perecs gesamtem Werk zu lesen ist, zeigt dieser Band. Er umfasst zehn autobiographische Versatzstücke aus den Jahren 1959 bis 1981 – von den Umständen der eigenen Geburt (»Ich bin geboren«) über eine Skizze zur Gedächtnisarbeit oder eine Vorfassung seines Ellis-Island-Projekts bis hin zur Aufzählung »einiger Dinge, die ich wirklich noch machen müsste, bevor ich sterbe«. Sie sind Teil eines unvollendeten Komplexes, von dem Perec nur »W oder die Kindheitserinnerung« abgeschlossen hat und in dem er gänzlich neue autobiographische Strategien erproben wollte: im besessenen Sammeln von Mikroerinnerungen, im Verschlüsseln von Gedächtnismomenten, die verborgen bleiben sollen – oder als ein Fallschirmspringer, der sich kopfüber in die Erkundung der eigenen Identität stürzt.

»Perec schrieb nicht in erster Linie als Erzähler, sondern folgte Regeln, die außerhalb des Erzählens liegen. [...] In welcher Weise er seine Erinnerungen als erzählerisches Material zu organisieren versuchte, und wie er diese Versuche selbst reflektierte, zeigt der 1990 posthum erschienene, nun auf deutsch neu aufgelegte Sammelband.« (DRadio Kultur)

Alain Mabanckou: Morgen werde ich zwanzig, Liebeskind

Pointe-Noire, Ende der Siebzigerjahre. Der Kongo hat längst seine Unabhängigkeit erlangt, und der zehnjährige Michel strebt danach, es seinem Heimatland gleichzutun. Aber während die Radionachrichten vom Sturz des persischen Schahs berichten und von der Vertreibung der Roten Khmer, muss Michel sich um seine eigenen Krisenherde kümmern. Seine zwölfjährige Freundin Caroline verlangt mehr Aufmerksamkeit und droht, ihn für einen Angeber aus der Fußballmannschaft zu verlassen. Sein Onkel René, selbst ernannter kapitalistischer Kommunist, kommt zwar für Michels Schulbildung auf, schielt aber unverhohlen auf das Erbe der verstorbenen Großmutter. Und zu allem Überfluss hat ein Schamane Michels Mutter eingeredet, dass sie keine weiteren Kinder bekommen könne, weil ihr Sohn den Schlüssel zu ihrem Bauch versteckt habe ...

»Eine Kindheit zwischen kommunistischer Propaganda, kongolesischem Geisterglauben und der Entdeckung von Literatur und Liebe. Das Ganze erzählt Mabanckou - wie immer - mit einer gehörigen Portion Lust am Lachen und am Geschichtenerzählen.« (Deutschlandfunk)

Sibylle Berg: Der Tag, als meine Frau einen Mann fand, Hanser

Chloe und Rasmus sind seit fast zwanzig Jahren verheiratet, und ja, alles bestens, man hat sich entwickelt, man ist sich vertraut. Aber dass dieses Leben nun einfach so weitergehen soll, ist auch nicht auszuhalten. Rasmus will es noch einmal wissen: Eine neue Welt erobern, weit weg von zu Hause; zeigen, was er kann. Chloe ist immer bei ihm. Bis sie Benny trifft und sich noch einmal verliebt, wild und leidenschaftlich: Nicht an morgen denken, Sex die ganze Nacht, noch einmal jung sein, verdammt nochmal. Chloe erlebt den besten Sex ihres Lebens, und Rasmus die größte Katastrophe. Sibylle Berg stellt die Frage, die alle Paare irgendwann einmal beschäftigt: Ist Sex lebensnotwendig? Oder doch eher die Liebe?

»... gespickt mit böse-sarkastischen Bonmots, rasanten Formulierungen und schwarzsichtiger Kultur- und Kapitalismuskritik im unverwechselbar drastischen Sibylle-Berg-Stil.« (Deutschlandradio)

Gertraud Klemm: Aberland, Droschl

Elisabeth, 58, versucht würdevoll zu altern. Ihr gutbürgerliches Leben ist am ehesten charakterisiert durch das, was sie alles nicht getan hat: sie hat nicht studiert und nicht gearbeitet, sie hat ihre Kinder nicht vernachlässigt und ihren Mann nicht mit dem Künstler Jakob betrogen, sie hat der Schwiegermutter nicht die Stirn geboten und stellt noch immer nicht den Anspruch, ins Grundbuch der Jugendstilvilla eingetragen zu werden. Mit Zynismus und verhaltener Selbstreflexion beobachtet sie das Altern der Frauen um sie herum.
Und sie beobachtet ihre Kinder, vor allem Franziska, 35, die zu Wutausbrüchen neigt, mit den Anforderungen der Gesellschaft an ihre Mutterrolle hadert und die theoretische Gleichberechtigung von Mann und Frau im Alltag nicht einlösen kann. Auch sie hat ihre Visionen nicht verfolgt, weder beruflich noch privat, und begnügt sich mit einem fast fertigen Studium und einem fast geliebten Mann. Es scheint, als habe sich dieser zahnlose Feminismus von einer Generation an die nächste vererbt.

»Aberland ist eine oft bitterböse Sprach- und Denkanalyse weiblicher Selbsttäuschung und ein feministischer Apell - beklemmend gefühlsecht beschrieben.« (Deutschlandfunk)

Caitlin Moran: All About a Girl, carl's books

England 1990, die Happy Mondays sind in den Top of the Pops, Margaret Thatchers Regierungszeit neigt sich dem Ende zu, und das Land ächzt unter der Arbeitslosigkeit: Wie soll man bloß in einer Sozialsiedlung in Wolverhampton inmitten einer chaotischen Familie erwachsen werden – mit einem Vater, der seit zwanzig Jahren von einer Karriere als Rockstar träumt und einer Mutter, die, obwohl sie schon drei Kinder hat, eine erneute Schwangerschaft bis zum Geburtstermin als Magenverstimmung deutet? Reicht Johanna Morrigans Trickkiste aus schwarzem Eyeliner, Doc Martens, derben Sprüchen, einem wilden Partystil und einem immensen Wissen über angesagte Popmusik aus, um sich neu zu erfinden, endlich Sex zu haben und die Familie aus der Misere zu retten? Ein intelligenter, sprühend witziger Roman über das Erwachsenwerden, trügerische Rollenbilder und das Glück, ein Kind der Neunzigerjahre zu sein.

»Moran vermittelt, wie es sich anfühlt, als Teil der Arbeiterklasse in einer klassenbasierten  Gesellschaft groß zu werden. Die Autorin beschreibt das materielle Elend und seine Banalität sehr genau: wie nervig es einfach ist, zum Beispiel kein Geld für Damenbinden zu haben.« (konkret)

»Nicht bloß ein weiteres Coming-of-Age-Lehrstück, es ist ein energischer Weckruf, die Alltagslethargie mit Leidenschaft zu bekämpfen. Dann schafft man es auch raus aus Wolverhampton.« (Rolling Stone)

Stephan Thome: Gegenspiel, suhrkamp

Maria ist achtzehn und möchte raus aus Portugal. Mitte der Siebzigerjahre bietet das Land einer jungen Frau wenig Perspektiven. Maria aber will nicht heiraten und Kinder kriegen, sie will mehr vom Leben. Als das neue Jahrzehnt anbricht, geht sie nach Berlin, beginnt ein Studium und eine Beziehung mit einem rebellischen Theatermacher, die bald scheitert. Allen Plänen vom unabhängigen Leben zum Trotz findet sich Maria schließlich als Ehefrau und Mutter in der nordrhein-westfälischen Provinz wieder und schaut ihrem Mann Hartmut beim Karrieremachen zu. Lang arrangiert sie sich mit den Verhältnissen, aber als die Tochter erwachsen und auf dem Sprung aus dem Haus ist, trifft Maria eine Entscheidung.
Lissabon nach der Nelkenrevolution, die Hausbesetzerszene in Westberlin, die deutsche Provinz vor und nach der Wende: ein berührender und manchmal verstörender Roman über Täuschung und Selbsttäuschung, über Aufbruch und Verantwortung, auch gegenüber dem eigenen Leben – ein Roman voller Empathie und psychologischer Raffinesse.

»Gemeinsame Lebenslügen sind komplizierte Gebilde, aber das zugrundeliegende Prinzip ist simpel: Der eine will nicht hören, was der andere sich nicht zu sagen traut.«

Barbara Honigmann: Chronik meiner Straße, Hanser

Barbara Honigmann lebt in Straßburg, weit weg vom berühmten Zentrum. Hier gibt es keine Parks, kein Europaparlament und keine Kathedrale. Was es gibt, ist Vielfalt: orthodoxe und weniger orthodoxe Juden, einen dreibeinigen Hund, eine ältere Dame, die nicht zurückschreckt vor der Bepflanzung fremder Balkone, einen dunkelhäutigen Priester in weißem Gewand und einen Splitternackten mit dem Po in der Sonne.
Barbara Honigmann begegnet in ihrer Straße der ganzen Welt im Kleinen, erfährt von Tragödien, schließt Freundschaften, stellt sich den Enttäuschungen, aber auch Träumen ihrer Nachbarn.

»Mit dieser Chronik ist nicht nur ein vielgesichtiges Buch über jüdisches Leben im heutigen Europa entstanden, sondern auch eines über einen lebbaren Alltag mit wechselnden Nachbarschaften.« (Neue Zürcher Zeitung)

Antonio Ortuño: Die Verbrannten, Verlag Antje Kunstmann

Santa Rita, ein unbedeutendes Kaff im Süden Mexikos. In einer Notunterkunft für zentralamerikanische Flüchtlinge auf dem Weg in die USA wird ein Feuer gelegt, dem zahlreiche Männer, Frauen und Kinder zum Opfer fallen. Irma, genannt La Negra, wird zur Untersuchung des Vorfalls zum lokalen Büro der Nationalkomission für Migration geschickt.
Dort sind ihre Nachforschungen wenig willkommen und in einem Klima der Angst ist keiner der Überlebenden bereit, zu den Ereignissen in der Nacht des Anschlags auszusagen – bis auf die zwanzigjährige Yein, die zu Irmas einziger Zeugin wird. Doch in einem Land, wo Zentralamerikaner allenfalls als Menschen zweiter Klasse betrachtet werden und wo Behörden, Polizei und kriminelle Banden gemeinsam ein zynisches Geschäft betreiben, das noch den letzten Peso aus den Flüchtlingen herausquetscht, kann es tödliche Folgen haben, den Dingen auf den Grund zu gehen.
In diesem vielstimmig orchestrierten und schonungslos rauen politischen Roman porträtiert Antonio Ortuño ein menschenverachtendes System, das die Schwächsten ausraubt, vergewaltigt, verbrennt und schließlich in Massengräbern verschwinden lässt.

»Dieses Buch überzeugt sowohl durch die dokumentarische Deutlichkeit, mit der es die furchtbaren Ereignisse ausbreitet, als auch durch sprachliche Vielfältigkeit - und seinen bösen Sarkasmus.« (Deutschlandradio Kultur)

Erika Tophoven: Godot hinter Gittern. Eine Hochstaplergeschichte, Verbrecher Verlag

Karl Franz Lembke war ein Mann mit vielen Gesichtern. Für die einen, die ihn kennenlernten, war er der Dr. Allwissend, erfahren in Politik, Medizin, Pferdezucht und was immer gerade gefragt war, für andere, zu anderen Zeiten, ein mitleiderregender Zuchthäusler, doch stets ein Mann mit außergewöhnlichen Qualitäten.
KFL wusste seine Talente geschickt zu nutzen – in Deutschland ebenso wie in Frankreich. Als junger, mehrmals straffällig gewordener Mann verlässt er sein Heimatland, gelangt im Zuge der Emigrantenströme nach Paris, wo er sich mit Charme und Verführungskunst in höhere Regierungskreise einschmeichelt, Generäle und Verwaltungsbeamte düpiert, bei Ausbruch des Krieges nach Südfrankreich flüchtet und mit allerhand Hochstapeleien seine Haut vor dem Zugriff der deutschen Besatzer rettet.
Nach dem Krieg vagabundiert er durch Westdeutschland, betört Frauen durch märchenhafte Geschichten und erdichtet sich immer neue Identitäten. Er landet im Knast, bringt eine Aufführung von »Warten auf Godot« in eigener Übersetzung zustande, wechselt herzerweichende Briefe mit dem Autor Samuel Beckett und beschäftigt die deutsche und die französische Justiz nach seiner Freilassung noch jahrzehntelang.

Erika Tophoven, deren Mann Elmar unmittelbar in das Geschehen involviert war, rekonstruiert in einem spannenden Text den kurvenreichen Weg dieser Beckett’schen Bühnenfigur. Es ist ihr gelungen, anhand von unveröffentlichten zeitgeschichtlichen Dokumenten einen Blick auf die Lebensverhältnisse des vorigen Jahrhunderts diesseits und jenseits des Rheins zu werfen.

Miranda July: Der erste fiese Typ, KiWi

Cheryl Glickman ist eine Mittvierzigerin mit System: Sie besitzt nur, was sie wirklich benötigt (z.B. einen Teller, eine Gabel, einen Löffel …) und bündelt ihre Energien maximal (»Wenn Sie schon ein Buch lesen müssen, dann tun Sie es doch gleich neben dem Bücherregal und halten den Finger in die Lücke, damit Sie es dann wieder zurückstellen können!«). Cheryl arbeitet bei einer Firma, die Selbstverteidigung zu Fitnesszwecken lehrt, sie ist seit Jahren verliebt in den 20 Jahre älteren Philipp (der wiederum eine 16-Jährige begehrt) und von dem Gedanken überzeugt, dass sie beide eigentlich seit Jahrtausenden ein Paar sind (Höhlenmann und Höhlenfrau). Als die Tochter ihrer Chefs bei ihr einzieht, wird ihre Ordnungs-Obsession gnadenlos zerstört: Clee, 20 Jahre alt, ist ein Messie, hat Schweißfüße und keinerlei Manieren. Und sie greift Cheryl körperlich an. Bald kämpfen die beiden nach Vorlage der alten Selbstverteidigungsvideos von Open Palm. Eine Choreografie, die Cheryl ganz neue körperliche Erfahrungen verschafft. Die beiden werden ein Paar, zumindest eine Art Paar, und als Clee schwanger wird, übernimmt Cheryl die Rolle ihres Lebens.

»Zentrale Themen von Miranda Julys Werk sind Entfremdung und Einsamkeit: Denn der so expressive wie egozentrische Individualismus führt trotz unzähliger Kommunikationskanäle immer nur wieder dazu, dass jeder allein ist. « (Bayern 2)

»Miranda July ist die Meisterin des geistreichen Trosts.« (Die Zeit)

César Aira: Der Beweis, Matthes & Seitz

»Wollen wir ficken?« Maos Liebeserklärung nach Punk-Art hält die blonde Marcia für einen schlechten Scherz. Sie hat gerade die Talsohle einer schweren Depression hinter sich, Übergewicht und wenig Lust auf derlei Angebote. So versucht sie, sich der aufdringlichen Mao zu entziehen. Vergeblich. Bald fühlt sich Marcia dem Gespött der Leute um sie herum preisgegeben. Doch es kommt schlimmer, auch Maos schweigsamer Schatten, die Punkerin Lenin, verliebt sich in die mollige Schülerin. Der lesbischen Ménage à trois bleibt nicht viel Zeit für philosophische Diskurse über die Liebe. Ein Beweis muss her, ein Liebesbeweis. Diesen inszeniert Aira als infernalischen Schlussakkord dieses gradlinigen, an einen Action-Thriller erinnernden Kurzromans, der unter dem Titel »Aus heiterem Himmel« kongenial verfilmt wurde.

»Wer raffinierte literarische Spielereien liebt, verschlungene Gedankengänge und schwarzen Humor, wer die Absurditäten und Ungereimtheiten der globalisierten Welt einmal mit anderen Augen sehen möchte, sollte unbedingt zu den schmalen Romanen von César Aira greifen, der längst zu den Kultautoren Argentiniens gehört.« (Bayern 2)

Juliet Escoria: Black Cloud, Maro Verlag

Die Geschichten von Juliet Escoria gehen ans Eingemachte, gewähren Einblick in die Seele einer jungen Frau, die das Leben vor allem von seinen Schattenseiten her kennt. Sie zerren einen an Orte, die man sich deutlich glamouröser vorgestellt hätte – New Yorker Nachtclubs, kalifornische Strandhäuser, Hotels in Atlantic City – und sie zeichnen auf diese Weise eindringliche Porträts von der Kehrseite des amerikanischen Traums. Das alles in einer offenen, direkten Sprache, mal hart, mal anrührend, mal mit schwarzem Humor, in jedem Fall aber ohne Rücksicht auf Verluste.

»Dieses abgewirtschaftete Leben lässt sich nur im Rausch ertragen, und so wird meistens zu viel getrunken in ihren Geschichten, man nimmt zu viele Drogen oder schiebt eine schnelle Nummer mit dem Freund der besten Freundin, weil Leere, Langeweile und Hoffnungslosigkeit eben noch weniger zu ertragen sind. Typische Ennui-Geschichten also, die Postadoleszenten so einfallen, wenn sich die erste Desillusionierung einstellt. In der deutschen Literatur wird das seit einiger Zeit gern im Modus des immerwährenden Berliner Club-Exzesses erzählt, um dem Scheitern noch etwas verruchten Glamour abzugewinnen. Von dieser bürgerlichen Leidenskoketterie sind Escorias Erzählungen jedoch in der Regel frei. Sie situiert ihre Mittzwanziger-Passionsgeschichten eben gerade nicht in der „Mitte“, sondern am Rand und nicht selten in den Absteigen der Junkies, Säufer und Verarmten. Hollywood mag nebenan liegen, ist aber unerreichbar – und das verstärkt noch einmal den Frust der vom Wohlleben Ausgeschlossenen« (taz)

Friedrich Ani: Der namenlose Tag, suhrkamp

Kriminalhauptkommissar Jakob Franck ist seit zwei Monaten im Ruhestand und glaubt nun, ein Leben jenseits der Toten beginnen zu können. Vor zwanzig Jahren hatte er sieben Stunden, ohne ein Wort zu sagen, der Mutter einer toten Siebzehnjährigen beigestanden.
Jetzt wird der Kommissar von dieser Konstellation eingeholt: Ludwig Winther tritt mit ihm in Kontakt; er ist der Vater des jungen Mädchens und Ehemann jener Frau, der Franck so viel Aufmerksamkeit widmete.
Zwanzig Jahre sind vergangen, und der Vater glaubt noch immer nicht an den – laut polizeilichem Untersuchungsergebnis eindeutig feststehenden – Selbstmord der Tochter durch Erhängen: Seiner Meinung nach kann es sich nur um Mord handeln.
Ex-Kommissar Jakob Franck macht sich also daran, die näheren Umstände ihres Todes aufzuklären, »einen toten Fall zum Leben zu erwecken«. Jakob Franck folgt dabei seiner ureigenen Methode, der »Gedankenfühligkeit«: Diese ist unnachahmlich und unübertroffen bei der Lösung der kompliziertesten und überraschendsten Fälle.

Marion Brasch: Wunderlich fährt nach Norden, S.Fischer

»Wunderlich war der unglücklichste Mensch, den er kannte.« Als Marie ihn verlässt, versinkt er in Selbstmitleid. Doch schon bald schubst ihn eine anonyme SMS zurück ins Leben, und Wunderlich tritt eine Reise an. Eine Reise, die vieles verändert und bei der nicht alles mit rechten Dingen zugeht.
›Wunderlich fährt nach Norden‹ ist die Geschichte eines Mannes, der Entscheidungen scheut und sich dem Zufall überlässt. Auf seiner Fahrt wird Wunderlich zum Abenteurer. Doch vor allem entdeckt er, was er vergessen wollte, und findet, was er nicht gesucht hat.

» […] Geschichte, die jede Menge Assoziationen weckt. An ziellose Losgelöstheit der Jugend. An verpasste Elternschaft. An Verlockungen des Rauschs. Eben alles, was ein guter Bluessong braucht.« (taz)

Lillian Hellman: Die Zeit der Schurken, Wagenbach

Als Lillian Hellman und ihr Lebensgefährte, der berühmte Krimi-Autor Dashiell Hammett, zu den McCarthy-Verhören geladen werden, verlieren die beiden nicht nur viel Geld und Aufträge, sondern vor allem viele vermeintliche Freunde, die sich plötzlich von ihnen abwenden.
Gegen den Rat ihres Anwalts verweigern beide die Auskunft über andere und nehmen die Folgen dieses mutigen Entschlusses in Kauf. Voller Wut und doch nüchtern gibt Hellman einen genauen Bericht über ein Land, das gestern wie heute seinem Überwachungs- und Verfolgungswahn nachgeht, mit allen verfügbaren Mitteln.

»An den amerikanischen Intellektuellen übt Hellman wütende Kritik. Sie hätten in der Mehrzahl gar nicht erst versucht, sich zu widersetzen und ihre Vernunft vorschnell der um sich greifenden Panik geopfert. Sie selbst versucht nur ansatzweise, den Terror und seine Gründe zu analysieren. Es geht ihr vor allem darum, zu rekapitulieren, was ihr widerfahren ist. Dabei verhehlt sie nicht, welche Anstrengung das kostet. Dass diese Anstrengung sich nicht im Stil niederschlägt, der ganz im Gegenteil leicht und beschwingt ist, geistreich, witzig und mit einer großartigen respektlosen Selbstironie, wie wir sie aus alten Hollywoodfilmen kennen, reflektiert die Gebrochenheit dieser Biographie.« (Buchladen zur Schwankenden Weltkugel, Berlin)

Thomas Edlinger: Der wunde Punkt. Vom Unbehagen an der Kritik suhrkamp

Kritik ist Volkssport. Jeder kritisiert jeden – im Wirtshaus, im Internet, an der Universität. Gleichzeitig werden die Defizite der Kritik kritisiert. Sie greife zu kurz oder gehe zu weit, sei autoritär, dekorativ oder schlicht wirkungslos. In Anlehnung an Jean-Luc Godard könnte man sagen: »Kritik ist nicht die Beurteilung der Wirklichkeit. Kritik ist die Wirklichkeit der Beurteilung.«
Auf jeden Fall verändert Kritik die Welt – zumindest indirekt: als relativistische Hyperkritik, die Gemeinsamkeiten sabotiert, als Kapitalismuskritik, die den Kapitalismus fit hält, oder als Miserabilismus, der sich am Übel in der Welt ergötzt.  Thomas Edlinger spürt der Fetischisierung der Kritik dort nach, wo es wehtut, und zeigt, wie sich der Unmut in postkritische Haltungen übersetzt.

»Wer zwischen der Skylla der Hyperkritik und der Charibdis des Miserabilismus hindurchwill, wer beiden Sackgassen entgehen möchte – wer also trotz allem kein Zyniker werden möchte, wer sich auch als Linker über die Grenzöffnung freut und dennoch versucht, eine kritische Position zu retten, der lese bei Edlinger nach, ob dieser einen Ausweg findet.« ( Isolde Charim, taz)

Markus Liske / Manja Präkels (Hg.): Vorsicht Volk! Oder: Bewegungen im Wahn, Verbrecher Verlag

25 Jahre nach Unterzeichnung des Einheitsvertrages erobern überall in Deutschland wahnhafte Bewegungen die Straßen. Sie nennen sich Pegida, HoGeSa, Montagsmahnwachen, Reichsbürger oder Friedenswinter.
Einige dieser Zusammenschlüsse sind offen antisemitisch, andere islamophob und wieder andere beides. Sie haben Angst vor Flüchtlingen, "Homosexualisierung", Kondensstreifen oder einem geheimen weltjüdischen Kontrollrat. Ihre Helden heißen Wladimir Putin und Thilo Sarrazin, ihr gemeinsamer Gegner ist die »Lügenpresse«. Mal sehen sie sich als Linke, mal als Rechte, und ihr gemeinsamer Schlachtruf lautet: "Wir sind das Volk!" Stimmt das? Sind sie "das Volk"? Und wenn ja: Was genau will dieses Volk?
In "Vorsicht Volk!" erörtern Autorinnen und Autoren essayistisch die Ursachen, Hintergründe und Gemeinsamkeiten der neuen Wahnbewegungen.

Sama Maani: Respektverweigerung. Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten. Und die eigene auch nicht, Drava Verlag

Heute scheint auch der Weltoffene, wenn es um Fremde geht, nicht ohne ausdrückliche Betonung von deren Zugehörigkeit zu einer »anderen Kultur« auszukommen. Mehr noch: Als Mensch mit Migrationshintergrund wird der Fremde seine Zugehörigkeit zu einer »fremden Kultur« auch in den Folgegenerationen nicht los. Welches Konzept von Gesellschaft steckt hinter der Inflation des Begriffs »Kultur« in der aktuellen Debatte (»fremde Kultur«, »unsere Kultur«, »Leitkultur«, »Multikulturalität« etc.)? Welche Art Unterschiede sollen »kulturelle« Unterschiede denn sein? Gelten für Angehörige »anderer Kulturen« andere Maßstäbe hinsichtlich Demokratie, Freiheit und Recht? Im untertitelgebenden Essay plädiert Sama Maani eindrücklich dafür, derartigen »Kultur«zuschreibungen den Respekt zu verweigern.

»Eine Sammlung von sechs Essays, die durch eine prägnante Analyse, sorgfältige Argumentation und intellektuelle Aufrichtigkeit überzeugen.« (Jungle World)

 

 

Heiko Werning, Volker Surmann (Hrsg.) Ist das jetzt Satire oder was? Beiträge zur humoristischen Lage der Nation, Satyr Verlag

Was darf Satire? Was kann Satire? Was soll Satire? 38 Autorinnen und Autoren – bekannt von Lese- und Kleinkunstbühnen, aus Titanic und taz-Wahrheit – ergründen das Verhältnis der Deutschen zur Satire.
Nach dem Attentat auf Charlie Hebdo wurde auch hierzulande viel über das Wesen und die Aufgabe von Satire diskutiert. Die Lage ist kurios: Das Genre ist so populär wie nie zuvor,  das Netz voll mit humoristischen Seiten, doch das Satireverständnis scheint abzunehmen.
Ein Lesebuch mit famosen Satiren, ausgesuch-ten Beleidigungen, gefakten Reportagen, wütenden Reaktionen und Spitzenreflexionen zu Macht und Grenzen einer häufig missverstandenen Kunstform.

»Die größten Feinde der Satire sind eben keine fremdländischen Despoten, sondern die eigenen Leser, das wird in dieser unterhaltsamen Anthologie rasch klar.« (DeutschlandRadio Kultur)

Eike Geisel: Die Wiedergutwerdung der Deutschen. Essays und Polemiken, Edition Tiamat

»Some of my best friends are German«, machte sich Eike Geisel gerne über das antisemitische Stereotyp lustig, demzufolge einige Juden zu den besten Freunden zählen. Eike Geisel war aber nicht nur ein unnachgiebiger Kritiker des deutsch-jüdischen Verbrüderungskitsches und der Entsorgung deutscher Vergangenheit, sondern machte als Historiker mit seinen Arbeiten u.a. über den jüdischen Kulturbund und das Berliner Scheunenviertel aufmerksam. Dieser Band versammelt Geisels große essayistische Arbeiten wie über den Antisemitismus des »anderen Deutschland« und den Mythos vom Widerstand des 20. Juli.

»Eike Geisel gehörte zu der raren Gattung der materiell wie intellektuell Unkorrumpierbaren. In seinen Artikeln hat Geisel stets den moralischen Analphabetimus ins Visier genommen, den staatsoffiziellen ebenso wie den der linksalternativen Gutmenschen.« (Allgemeine Jüdische Wochenzeitung)

»Hier ist von Anpasserei, Lügen und Doppelmoral die Rede. Hier bleibt einem manche Formulierung im Halse stecken, und das war beabsichtigt. Keine leichte Kost, aber klar und unverblümt formuliert, häufig gallebitter, selten humorvoll, garantiert nicht ausgewogen und manches Mal mit dem Hang zur Besserwisserei. Nachsicht hatte der Leser nicht zu erwarten, dazu erschienen Eike Geisel die Zustände in diesem Land viel zu selbstgefällig. [...] Hier schrieb einer, der nicht an Denkfaulheit ersticken wollte.« (Süddeutsche Zeitung)

Alice Goffman: On the run. Die Kriminalisierung der Armen in Amerika, Kunstmann Verlag

Der »War on Drugs«, der seit 40 Jahren in Amerika tobt, hat es nicht geschafft, den Verkauf oder Gebrauch von Drogen zu verhindern, aber er hat einen weitgehend unbekannten Überwachungsstaat in Amerikas ärmsten Nachbarschaften etabliert. Einen Staat, der durch seine »tough on crime«-Politik ganze Viertel kriminalisiert und die Beziehungen, die eigentlich für Stabilität bei Jugendlichen sorgen sollten, in Belastungen verwandelt.
Alice Goffman hat sechs Jahre in so einer Nachbarschaft in Philadelphia gelebt, und ihre genauen Beobachtungen und erschreckenden Erzählungen offenbaren die schädlichen Folgen dieser weit verbreiteten Politik. Goffman stellt uns unvergessliche Charaktere vor, junge afroamerikanische Männer, die in dem Netz von Haftbefehlen und Überwachung gefangen sind. Manche von ihnen sind kleinkriminelle Drogendealer und andere ganz gewöhnliche Jungs, die einfach mit den wenigen Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen, zu kämpfen haben. Doch alle finden sich in der Falle einer unterstellten Kriminalität, der sie nur selten entkommen können.
Ohne die Probleme des Drogenhandels und die Gewalt, die oft damit einhergeht, zu verleugnen, führen uns die fesselnden Berichte von Alice Goffman die menschlichen Kosten dieser verfehlten Politik vor Augen.

Dagmar Brunow (Hg.): Stuart Hall – Aktivismus, Pop und Politik, Ventil Verlag

Stuart Hall, diese »Popikone mit Grips«, wie ihn der Regisseur John Akomfrah einmal nannte, gilt als ­wichtigster Vertreter der britischen Cultural Studies. Sein Themengebiet ist breit gefächert und umfasst Untersuchungen zu Jugendkulturen, Rassismus, ­Polizeipraktiken, Identität, Hybridität, ­Multikulturalismus, Thatcherismus, künstlerischen Praktiken, Film und Fotografie, medialen Repräsentationspolitiken und ihrer Rezeption. Mit seiner kritischen Perspektive auf die Mechanismen von Hegemonie und Macht verortet sich Halls Werk an der Schnittstelle von ­Aktivismus und Akademie, Popkultur und Politik.
Stuart Hall, der die New Left in Großbritannien ebenso geprägt hat wie die Cultural Studies, hat die Grenzen zwischen den Disziplinen gesprengt und wurde vor allem für seine Offenheit, seine Neugier und seine Bereitschaft zum Dialog geschätzt. In teils sehr persönlich gehaltenen Beiträgen berichten deutschsprachige AktivistInnen und KulturtheoretikerInnen von Stuart Halls Inspiration für ihr Denken und ihre Arbeit – auf Stadtforschung, Pop, kritische Theorie, Antirassismus, Kolonialismus, Migration, Hafenstraße, Stilpolitiken und Gentrifizierungskritik. Damit gibt der Band Impulse für die deutschsprachige Hall-Rezeption und zeigt eine Vielzahl von Andockmöglichkeiten seiner Ideen auf. Stuart Hall nannte sein Werk einmal eine »unfinished conversation«. Die Unterhaltung ist noch lange nicht beendet.

Laurie Penny: Unsagbare Dinge, Edition Nautilus

Laurie Penny zerlegt gnadenlos den modernen Feminismus und die Klassenpolitik, wenn sie von ihren eigenen Erfahrungen als Journalistin, Aktivistin und in der Subkultur berichtet. Es ist ein Buch über Armut und Vorurteile, Online-Dating und Essstörungen, Straßenkämpfe und Fernsehlügen. Der Backlash gegen sexuelle Freiheit für Männer und Frauen und gegen soziale Gerechtigkeit ist unübersehbar – und der Feminismus muss mutiger werden! Laurie Penny spricht für einen Feminismus, der keine Gefangenen macht, dem es um Gerechtigkeit und Gleichheit geht, aber auch um Freiheit für alle. Um die Freiheit zu sein, wer wir sind, zu lieben, wen wir wollen, neue Genderrollen zu erfinden und stolz gegenüber jenen aufzutreten, die uns diese Rechte verweigern wollen. Es ist ein Buch, das jenen eine Stimme gibt, denen das Sprechen verboten wird – eine Stimme, die das Unsagbare ausspricht.

»Unsagbare Dinge ist eine wütende und kluge feministische Kampfansage an den Neoliberalismus und die reaktionäre Geschlechterordnung, die ihn fundiert. (...) Penny legt Fiktionen offen und konstatiert einen sexistischen Backlash, der in der analogen wie in der digitalen Welt mit teilweise atemberaubender Brutalität um sich greift.« (taz)

Leslie Jamison: Die Empathie-Tests. Über Einfühlung und das Leiden anderer, Hanser

Ist Empathie eine innere Qualität oder etwas, was man sagt und tut, eine Praxis? Hilft sie anderen oder steht sie uns nur gut zu Gesicht? Leslie Jamison schreibt über das Verhältnis von Ärzten und Patienten, über Elendstourismus, über weiblichen Schmerz, und sie stellt dabei die Frage nach den Möglichkeiten und den Grenzen der Einfühlung. Ihre radikal aufrichtigen Texte kombinieren Reportage, Kulturkritik und persönliches Erzählen in der Tradition von Autoren wie Susan Sontag, Joan Didion oder zuletzt David Foster Wallace und John Jeremiah Sullivan. Und während sie Antworten nur provisorisch akzeptiert, als Anlass für immer neue Fragen, führt sie buchstäblich ihren eigenen Körper ins Feld.

»Ihre Überzeugungskraft ist erstaunlich, denn sie folgt keinen auf der Hand liegenden Argumentationen, ihr Stil ist dicht, präzise und an manchen Stellen sehr poetisch, ihre Reflexionen erfordern an einigen Stellen durchaus eine intellektuelle Anstrengung, weil sie nie nach einfachen Lösungen strebt, sondern in alle Richtungen denkt, und dennoch entwickelt ihr Schreiben einen Sog, der einen nicht mehr loslässt. Was vielleicht auch daran liegt, dass sie sich für ihre Recherchen an unbeachtete und der Öffentlichkeit verborgen gebliebene Orte begibt und Dinge verhandelt, die nicht schon hundertmal verhandelt wurden.« (taz)

Ed Luce: Wuvable Oaf, Fantagraphics

Oaf ist ein großer, haariger, schwuler Ex-Wrestler, der in San Francisco mit seinen Katzen lebt und eindeutig zu viel Morrissey hört. Begleitet Oaf bei seiner Suche nach der großen Liebe – in Gestalt von Eiffel, dem Sänger der Black Metal/Queercore/progressive Disco/Grindcore Band Ejaculoid. Natürlich dürfen Freunde und Feinde, Ex-Liebhaber und Verflossene beider Männer in dieser Geschichte nicht fehlen. Ebensowenig wie Nacktbilder mit Katzen, Dämonen und Bartwettbewerbe.

Mit einprägsamen Zeichnungen und vor dem Hintergrund der queeren Community und Musikszene San Franciscos erzählt Ed Luce eine ebenso ungewöhnliche wie herzerwärmende romantische Komödie.

Paco Roca: Die Heimatlosen, Reprodukt

August 1944: Nach der Irrfahrt durch das vom Faschismus zerrüttete Europa und nordafrikanische Arbeitslager erreicht eine Gruppe spanischer Kommunisten und Anarchisten das nazibesetzte Frankreich. An der Seite der Résistance kämpfen sie bis zur Kapitulation der Deutschen. Doch ihr größter Wunsch, die eigene Heimat von der Diktatur befreit zu sehen, soll noch jahrzehntelang unerfüllt bleiben.
Anhand der Erinnerungen von Miguel Ruiz, einem spanischen Republikaner, rekonstruiert Paco Roca die bisher wenig bekannte Geschichte der spanischen Exil-Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg.

»Paco Rocas Graphic Novel setzt ihnen ein angemessenes Denkmal, das jedes heroische Pathos vermeidet.«(taz)

Jillian Tamaki, Mariko Tamaki: Ein Sommer am See, Reprodukt

Jeden Sommer verbringt Rose mit ihren Eltern die Ferien im selben Haus am See. Dort trifft sie ihre Sommerfreundin Windy. Sie ist für Rose die kleine Schwester, die sie nie hatte. Doch in diesem Sommer ist alles anders. Roses Eltern hören nicht auf, sich zu streiten, und auch zwischen Rose und Windy hat sich etwas verändert. Rose kann den kindlichen Spielen von früher nicht mehr viel abgewinnen, vielmehr beobachtet sie fasziniert und verstört zugleich die älteren Teenager, die schon erste sexuelle Erfahrungen machen.
Eine flirrend leichte Sommergeschichte über die Zeit zwischen der Kindheit und dem Erwachsenwerden – voller Geheimnisse, Sorgen und Erwartungen. Bereits “Skim”, das preisgekrönte erste Buch der kanadischen Cousinen Mariko und Jillian Tamaki, erregte 2008 Aufmerksamkeit weit über die Grenzen des Comics hinaus.

Julian Voloj & Claudia Ahlering: Ghetto Brother. Bronx, NY, Avant-Verlag

Anfang der 70er Jahre ist das Leben in der Bronx geprägt von heruntergekommenen Mietshäusern, Drogen und Kriminalität. Um zu überleben, schließen sich viele junge Bewohner Gangs an. Die größte Gang mit annähernd 2000 Mitgliedern sind die Ghetto Brothers, angeführt von Benjamin Melendez, einem Sohn jüdischer Einwanderer aus Puerto Rico. Melendez wurde 1971 in das Licht der Öffentlichkeit gerückt, als er ein vielbeachtetes Friedensabkommen zwischen den New Yorker Jugendgangs initiierte. Statt durch Bandenkriege machte die Bronx nun durch Musik, DJs und die Graffiti-Szene von sich reden. In dieser Aufbruchsstimmung begab sich Benjamin Melendez auf eine andere Reise: der Suche nach seinen jüdischen Wurzeln.
Ghetto Brother erzählt die wahre Geschichte von Benjamin Melendez, einem vergessenen Akteur der urbanen Stadtgeschichte New Yorks.

Simon Hanselmann: Hexe Total, Avant-Verlag

Megg ist eine depressive, drogenabhängige Hexe. Ihre schwarze Katze heißt Mogg und dann gibt es da noch ihren Freund Eule, eine anthropomorphe, äh, Eule. Die drei hängen öfter mit Werwolf Jones ab. Was auf den ersten Blick als episodische Sitcom daherkommt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ausgefeilte Charakterstudie der Vorstadtlangeweile, die es mit Werken von Todd Solondz, Matt Groening oder Flaubert aufnehmen könnte.
In der abgedrehtesten Stoner-Comedy aller Zeiten wird das Genre tatsächlich vorangetrieben: Diese Charaktere kämpfen auf eine Art und Weise mit Depressionen, Drogenkonsum, Sexualität, Armut, Arbeitslosigkeit und ihren Gefühlen zueinander, die sie im Nu zu den beliebten Stars von Simon Hanselmanns Girl Mountain Tumblr-Seite machten.