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Jonathan Lethem: Der Garten der Dissidenten, Klett-Cotta

Wegen der Affäre mit einem schwarzen Polizisten wird Rose Zimmer aus der kommunistischen Partei Amerikas ausgeschlossen. Zuvor war bereits ihr deutsch-jüdischer Ehemann Albert als Spion in die DDR verbannt worden. Dennoch hält die »Rote Königin« von Queens stur und tyrannisch an ihren politischen Überzeugungen fest. Ihre Tochter Miriam kann vor Roses erdrückendem Einfluss nur in die aufkommende New-Age-Bewegung fliehen. Miriams Sohn wächst dagegen in einer Welt auf, in der gesellschaftliche Ideale bloß noch belächelt werden. Und doch kämpfen all diese unvollkommenen Menschen darum, ihre utopischen Träume in einem Amerika zu verwirklichen, in dem jedem radikalen Lebensentwurf mit Hass oder Gleichgültigkeit begegnet wird.

»Jonathan Lethem hat in seinem neuen Roman der New Yorker Linken ein Denkmal gesetzt […] Dabei interessiert sich Lethem nicht für pompöse linke Selbstinszenierungen, sondern spürt den oft unscheinbaren Formen des Widerstands nach [...] Der Gefahr, dabei ins Banale abzugleiten, begegnet er, indem er das Randständige kurzerhand zum Zentrum erklärt. So sind seine Helden keine Chefideologen und Gewerkschaftsbosse, sondern linienuntreue Grenzgänger, die nicht selten mit den Apparatschiks ihrer eigenen Gesinnungsgenossen in Konflikt geraten. [...]Stets droht dem von rebellischem Schwung getragenen Roman die Idealisierung seiner dissidenten Helden, doch Lethem bannt diese Gefahr auch immer wieder. « (Kerstin Cornils, jungle world)

Zadie Smith: London NW, KiWi

Zadie Smiths tragikomischer Roman erzählt von vier Londonern – Leah, Natalie, Felix und Nathan –, die zwar den sozialen Wohnungsbau ihrer Kindheit verlassen haben, doch bis zum heutigen Tag im Londoner Nordwesten leben, dem eigentlichen Zentrum der Stadt.
Leah, Natalie, Felix und Nathan wachsen in einer Hochhaussiedlung auf, wie es sie in jeder Großstadt gibt – immer das Ziel vor Augen, Caldwell eines Tages zu verlassen und etwas Größeres, Besseres aus ihrem Leben zu machen. Dreißig Jahre später sind sie zwar erwachsen, doch richtig weit gekommen sind sie nicht. Nur Natalie hat es scheinbar geschafft. Als erfolgreiche Anwältin gibt sie mit ihrem Mann vornehme Dinnerpartys, auf denen sich ihre weit weniger zielstrebige Freundin Leah und deren Mann Michel alles andere als wohlfühlen. Überhaupt sind Natalie und Leah blind für die Probleme der jeweils anderen und neiden einander das vermeintlich perfekte Leben. Als eine Fremde an Leahs Tür klingelt und sie um Hilfe bittet, überschlagen sich die Ereignisse …
Zadie Smiths Roman über North West London, das jenseits der Touristenströme liegt, ist ein sehr heutiger, schneller, eindringlicher Text über einen multikulturellen Stadtteil und die Schicksale seiner Bewohner.

Joanna Bator: Wolkenfern, suhrkamp

Polnische Geschichte(n) ausgrabend - die Fortsetzung von "Sandberg".
Nach einem Verkehrsunfall erwacht Dominika aus dem Koma, umsorgt von ihrer Mutter und Grazynka Rozpuch, einer alten Familienfreundin, die ihr den Platz in der Spezialklinik bei München verschafft hat. Statt nach Polen zurückzukehren, bricht Dominika, von Fernweh getrieben, ins Ungewisse auf.
Hineingewoben in diese weibliche Odyssee ist die Geschichte Grazynkas, die vor dem Krieg als Findelkind von einem Frauenpaar, den »Teetanten«, aufgezogen wird. Als die SS im Städtchen die polnische Bevölkerung deportiert, gelingt es den Teetanten, das Kind in die Obhut einer Nonne zu geben. Aus dem KZ zurückgekehrt, sehen sie, wie ihre Nachbarn sich um die Besitztümer der verschwundenen jüdischen Familien streiten. Und von Grazynka keine Spur…
Zeiten und Erzählebenen kunstvoll verknüpfend, rollt Joanna Bator ein großes Panorama aus, das sich über Kontinente und ein ganzes Jahrhundert erstreckt.

»Joanna Bator schrammt knapp am Kitsch entlang. Egal. Entscheidend ist ihre überbordende Erzählfreude.« (taz)

»In Wolkenfern treibt Bator ihre tollkühne, von Esther Kinsky atemberaubend gut übersetzte Prosa in neue Erzählraffinessen, dreht das Verschachteln und miteinander Verknüpfen in schwindelnde Höhen, lässt immer neue Personen aufund zwischen den Generationslinien weiblicher Netzwerke abtauchen.« (Emma)

David Peace: GB84, Liebeskind

Großbritannien, 1984. George Orwells düstere Vision ist Wirklichkeit geworden. Die Bergarbeiter sind in Streik getreten und kämpfen um ihre Arbeitsplätze, um ihre Zukunft. Doch die Premierministerin und ihre Handlanger sind gnadenlose Gegner. Sie hetzen die Presse auf, lassen Gewerkschaften bespitzeln, säen Gewalt. Inmitten dieser Eskalation, die das Land an den Rand eines Bürgerkrieges treibt, beginnt ein Spiel um Leben und Tod. Terry Winters, der als Gewerkschaftsführer schon bald mit dem Rücken zur Wand steht, hat in Stephen Sweet, dem zwielichtigen Strippenzieher der Regierung, einen gefährlichen Kontrahenten. Der Geheimdienst schickt David Johnson los, der die Jobs erledigt, die anderen zu schmutzig sind. Aber dann läuft ein Auftrag schief, und es gibt die ersten Toten. Spuren und Zeugen müssen beseitigt werden, wobei Johnson schließlich selbst ins Visier rückt. Als seine Frau entführt wird, gerät er außer Kontrolle …
Unnachgiebig zerrt David Peace die Leichen aus dem Keller der englischen Zeitgeschichte. »GB84« ist ein finsteres, atemloses Epos über den Verrat moralischer Werte und die Verzweiflung von Menschen, die alles verlieren können – und deshalb zu allem bereit sind.

Georges Perec: Denken/Ordnen, diaphanes

In »Denken/Ordnen«, seinem letzten Buch, forscht Georges Perec den kleinen Privat-Bürokratien nach, die jeder Einzelne entwickelt, um die Dinge der Welt zu versammeln, zu zerlegen und zum Verschwinden zu bringen: Anleitungen, Übungen, Listen, Methoden; seitenweise Kochrezepte (aber nur für Seezunge, Kalbsbries und Kaninchen!), verschiedene Arten, ein Bücherregal zu ordnen; Überlegungen über die Unmöglichkeit des Aufräumens und über die verschiedenen Arten körperlichen Aufenthalts beim Lesen (auf der Toilette, auf Reisen, beim Essen, im Bett …) – und nicht zuletzt einige Seiten wunderbare Betrachtungen über Brillen, die für jeden, der selbst davon betroffen ist, fortan unerlässlich sein werden. Und das alles ist, wie stets bei Perec, nicht nur ungeheuer anregend, sondern zutiefst komisch und traurig zugleich.

»Er beschreibt genau, wie sehr Kontrolllust und Kontrollverlust einander bedingen. [...] Fantastisch und philosophisch ... In insgesamt 13 Texten entstehen Perec-Universen en miniature: Selbsterforschungen, die auch den sprachphilosophischen Essay ›Über einige Anwendungen des Verbs wohnen‹ einschließen. Auf nur drei Seiten macht er die Kontextabhängigkeit jeder Äußerung mit schwindelerregendem Witz deutlich.« (Der Tagesspiegel)

Jennifer Clement: Gebete für die Vermissten, suhrkamp

Ladydi wächst in den mexikanischen Bergen auf, inmitten von Mais- und Mohnfeldern, in einem Dorf ohne Männer, denn die sind auf der Suche nach Arbeit über die Grenze oder längst tot. Es ist eine karge und harte Welt, in der ein Mädchenleben wenig zählt. Eine Welt, in der verzweifelte Mütter ihre Töchter als Jungen verkleiden oder sie in Erdlöchern verstecken, sobald am Horizont die schwarzen Geländewagen der Drogenhändler auftauchen. Aber Ladydi träumt von einer richtigen Zukunft, sie träumt von Freundschaft und Liebe und Wohlstand. Ein Job als Hausmädchen in Acapulco verspricht die Rettung, doch dann verwickelt ihr Cousin sie in einen Drogendeal. Und plötzlich hält sie ein Paket Heroin in den Händen, und ein gnadenloser Überlebenskampf beginnt.

»Jennifer Clements Roman scheint selbst ein Akt des Widerstands zu sein, in einem Land, in dem sich weder Justiz noch Polizei noch Politik um das Problem der entführten Frauen kümmern.« (WDR 5)

Simon Borowiak: Sucht, Knaus

Cromwell hat sieben Hausärzte am Start, die nichts voneinander wissen und ihm reichlich Aufputsch- und Beruhigungsmittel verschreiben. Das geht natürlich nicht ewig gut, und so beschließen seine Freunde, den Tablettensüchtigen zur Entgiftung in die Klinik einzuweisen.

Simon Borowiak gelingt das Meisterstück, über das Innenleben einer psychiatrischen Notaufnahme, über die Abgründe von Süchtigen und die Schmerzen der Depression so schreiben, dass jede Zeile Spaß macht. Denn Borowiak erzählt von eigenen leidvollen Erfahrungen, weiß aber sehr genau: Die schlimmsten Dinge im Leben kann man nur als Komödie erzählen.

»Humor ist tatsächlich einer meiner Hauptcharakterzüge, um mit wirklich harten und trostlosen Sachen auf eine würdige und adäquate Weise umgehen zu können - ohne sie zu verniedlichen. Andere Bücher sind so überheblich: Sie wissen, wovon sie chemisch sprechen, haben aber keine Ahnung von dem Leiden, das dahintersteckt.« (Simon Borowiak)

Wolfgang Herrndorf: Bilder deiner großen Liebe, rowohlt

Ein Mädchen steht im Hof einer Anstalt. Das Tor geht auf, das Mädchen huscht hinaus und beginnt seine Reise, durch Wälder, Felder, Dörfer und an der Autobahn entlang: »Die Sterne wandern, und ich wandre auch.«
Isa heißt sie, und Isa wird den Menschen begegnen – freundlichen wie rätselhaften, schlechten wie traurigen. Einem Binnenschiffer, der vielleicht ein Bankräuber ist, einem merkwürdigen Schriftsteller, einem toten Förster, einem Fernfahrer auf Abwegen. Und auf einer Müllhalde trifft sie zwei Vierzehnjährige, einer davon, der schüchterne Blonde, gefällt ihr.

An dem Roman über die verlorene, verrückte, hinreißende Isa hat Wolfgang Herrndorf bis zuletzt gearbeitet, er hat ihn selbst noch zur Veröffentlichung bestimmt. Eine romantische Wanderschaft durch Tage und Nächte; unvollendet und doch ein unvergessliches Leseerlebnis.
»Ich halte das Tagebuch wie einen Kompass vor mich hin. Pappelsamen schneien um mich herum, und der süße Duft der Lichtnelken strömt durch die Nächte. Ich sehe einen Wald, aus dem vier hohe Masten aufragen über die Baumwipfel. Am Waldrand steht eine kleine Hütte, die Teil eines Wanderwegs ist, wie drei eingekastelte Zeichen verraten. Ein schwarzer Gedankenstrich, eine gelbe Schlange, ein rotes Dreieck. Mein Name.«

Michelle_Tea: Valencia, Zaglossus

Der Wüste Arizonas und einer dem Untergang geweihten Liebesaffäre soeben entronnen, kommt Michelle als junge Schriftstellerin nach San Francisco. Dort trifft sie auf die ältere Petra, die auf gefährliche Spiele steht und in die Michelle sich sehnsüchtig verliebt; die traurige Poetin Gwynn, die so viel raucht, bis ihre Katze wie ein Aschenbecher stinkt; sowie die jungenhafte Iris, mit der Michelle sich in eine intensive Liebesbeziehung stürzt, nach der sie mit gebrochenem Herzen und verdammt, für immer über sie zu schreiben, zurückbleibt. Mit entblößender Ehrlichkeit beschreibt Michelle Tea in unkonventioneller poetischer Sprache das Lebensgefühl der aufblühenden Riot-Grrrl- und queeren Punkrock-Szene in San Francisco und eröffnet einen einzigartigen Einblick in ihr Leben zwischen Slam-Poetry-Veranstaltungen, politischem Aktivismus und der Suche nach der Wahrheit in der Liebe.

»Michelle Tea scheint durch San Francisco zu rasen, organisiert ihre open-mic-Veranstaltungen, probiert Drogen aus, fährt mit dem Fahrrad, bis es gestohlen wird, bricht ins Gewerkschaftsbüro der mackrigen Anarchisten ein, um Zines zu produzieren, und verliebt sich nebenbei oder doch hauptsächlich in eine Frau nach der anderen und hat massenhaft Sex. Und ob eine so ein Leben haben will oder nicht, ist egal, die Authentizität, mit der Michelle Tea erzählt, ist mitreißend.« (Paula Bolyos)

Ute Wieners: Zum Glück gab es Punk, Edition Region + Geschichte

Ute Wieners erzählt, wie aus einem verschlossenen, unglücklichen Mädchen eine selbstbewusste junge Frau wird. Denn: Zum Glück gab es Punk.
Utes Kindheit ist geprägt von Lieblosigkeit, Einsamkeit und Gewalt. Vor dem Horror der Familienverhältnisse, dem Mobbing in der Schule und dem Mief der Provinzmetropole Hannover flieht sie in Traum- und Parallelwelten. Doch nach dem Besuch eines Punkkonzerts weiß sie, wohin die Reise gehen wird. Ute ändert ihr Leben und wird Punk. Aber es ist nicht einfach, sich den gewalttätigen und sexistischen Strukturen der Gesellschaft zu entziehen, denn auch diejenigen, die sich dagegen stellen, kennen nichts anderes.
Ute Wieners entwirft ein Sittenbild der 1960er bis 1980er Jahre. Schonungslos berichtet sie von der hannoverschen Studentenbewegung, die sie als Kind erlebte, von Straßenschlachten mit der Polizei und von den Chaostagen. Böse und ironisch erzählt sie von gewalttätigen Skinheads und Normalbürgern, von kurzzeitigen Drogenfluchten, von der Gründung der Anarchistischen Pogopartei und zeichnet eine radikal subjektive Geschichte des Punk – nicht nur in Hannover.

»Überzeugend beschreibt sie, wie aus dem passiven Leid vereinzelter Außenseiter ein arrogantes und aggressives Statement vieler werden konnte. Der Leser erfährt aber auch so einiges über die chauvinistischen Hackordnungen in der damaligen Punkszene, und wie sie sich gerade in Geschlechterfragen als ein "Haufen von verkleideten Spießern und Kleinbürgern" erwies.« (taz)

Sarah Schmidt: Eine Tonne für Frau Scholz, Verbrecher Verlag

Nina Krone wohnt im letzten unsanierten Mietshaus der Gegend, klar, dass man hier noch mit Kohle heizt. Und keiner der Nachbarn ist unter 50 Jahre alt. Eines Tages kann sie es nicht mehr ertragen, das Leiden an der Welt, das ihre Nachbarin, Frau Scholz, vor sich herträgt. Um ihr demonstratives Schnaufen beim Kohleschleppen nicht mehr mit ansehen zu müssen, beginnt sie damit, ihr jeden Tag einen Eimer Briketts vor die Tür zu stellen. Das freut Frau Scholz zuerst gar nicht, doch dadurch kommen sie ins Gespräch …

Auch Nina hat ihr Päckchen zu tragen: Ihre Arbeit frustriert sie, ihr Chef wird immer seltsamer und ihre Freunde, tja, da gibt es nicht viele. Sie steckt in einer Sinnkrise, und zu allem Überfluss konfrontiert ihr Sohn Rafi sie mit der Nachricht, dass er und sein Freund zusammen mit einem lesbischen Pärchen ein Kind bekommen möchten. Ihre Tochter Ella wiederum wirkt so diszipliniert und nur auf ihr berufliches Fortkommen fixiert, geradezu unheimlich ...

»Gerade durch den Wegfall von vermeintlich berlintypischen Szenen wie dem ganzen Clubgeschehen und geilen After Hours gelingt der Kreuzbergerin Schmidt genau das: ein Berlin-Roman. Und zwar einer, der durch seine Scharfzüngigkeit, seinen Humor und seine genaue Analyse mit Abstand zum Besten gehört, was in letzter Zeit über Berlin geschrieben worden ist!« (Siegessäule)

Liza Cody: Lady Bag, Argument/Ariadne

Sie ist die Frau ohne Gesicht. Manche beleidigen sie, manche ignorieren sie. Manche geben etwas. Manche nur wegen des Hundes an ihrer Seite. Eines Abends läuft ihr in der Londoner Innenstadt der Teufel über den Weg. Statt sich zu verstecken, beschließt sie ihn zu beschatten. Eine Entscheidung, die schwerwiegende Folgen hat … Zornig, schlau, verkorkst, tragisch, witzig und (meistens) ehrlich: Die rotweingetränkte Schilderung der Baglady ist ein wilder, temporeicher Kriminalroman und ein literarischer Kommentar zur Lage, insbesondere seit der Krise.
Kann eine Obdachlose verhindern, dass der Teufel noch mehr Unschuldige in den Abgrund reißt? Die Story der namenlosen Baglady ist ein Kriminalroman, ein gestochen scharfes Großstadtporträt und ein Gegenwartsdrama mit realsatirischen Momenten.

»Nein, das ist überhaupt nicht kitschig, sondern knallhart grotesk aus der nur ein klein wenig zugespitzten Underdog-Perspektive geschrieben, die Liza Cody auch sprachlich beherrscht wie keine Zweite. Siebzig ist sie im April geworden, und sie ist kein bisschen leise. Sie jagt ihre unwiderstehliche Lady Bag durch brennende Häuser, schenkt ihr einen transsexuellen Beschützer, lässt sie die Kriminellen von der Straße austricksen und den Bullen zeigen, wie man unter Mordverdacht ein verschärftes Verhör ad absurdum führt.« (Tobias Gohlis, Die Zeit)

Ned Beauman: Glow, Hoffmann und Campe

Smarte, junge Helden versuchen zwischen dem burmesischen Dschungel und dem Londoner Underground die Welt zu retten. Es geht um Geld, Macht und Drogen. Alles beginnt in einem Londoner Waschsalon, wo ein illegaler Rave in vollem Gang ist. Hier hört Raf von Glow, angeblich die beste Droge der Welt. Doch bevor er sie probieren kann, verliebt er sich Hals über Kopf in Cherish, Tochter einer Burmesin und eines amerikanischen Ingenieurs, der für den Minenkonzern Lacebark arbeitet. Ein höchst suspektes Unternehmen, wie Raf bald erfährt, das sehr an der Zusammensetzung von Glow interessiert ist und deshalb mit weißen Vans Jagd auf Burmesen macht. Doch auf welcher Seite steht Cherish? Und was haben die Füchse zu bedeuten, die plötzlich in ganz London auftauchen?

»Wer von einem Roman Tempo und intelligenten schwarzen Humor, die bewusstseinserweiternden Nachtgedanken eines polyphasisch schlafenden Drogen- und Partyhoppers, scharfe asiatische Kochrezepte und Metaphern mit Wow-Faktor […] erwartet, kommt in „Glow“ auf seine Kosten.« (FAZ)

Angelika Klüssendorf: April, KiWi

Die Kindheit ist vorüber, aber erlöst ist das Mädchen deshalb noch lange nicht. Nach ihrem hochgelobten Roman »Das Mädchen« schreibt Angelika Klüssendorf die Geschichte ihrer jungen Heldin fort. Ihr Weg führt aus einer Jugend ohne Jugend in ein eigenes Leben – das den Umständen abgetrotzt werden muss.
Am Anfang stehen ein Koffer mit ihren spärlichen Habseligkeiten und ein Zimmer zur Untermiete. Das Mädchen, das sich mittlerweile April nennt – nach dem Song von Deep Purple –, hat die Zeit im Heim hinter sich, die Ausbildung abgebrochen und eine Arbeit als Bürohilfskraft zugewiesen bekommen. Zwischen alten Freunden und neuen Bekannten versucht sie sich im Leipzig der späten 70er-Jahre zurechtzufinden, stößt dabei oft an ihre eigenen Grenzen und überschreitet lustvoll alle, die ihr gesetzt werden, am Ende mit ihrer Ausreise auch die zwischen den beiden Deutschlands. Aber jedem Ausbruch folgt ein Rückfall, jedem Glücksmoment eine Zerstörung, jedem Rausch die Ernüchterung. Und immer ist da die Frage nach den Kindheitsmustern, der Prägung durch die verantwortungslose Mutter und den alkoholkranken Vater.
Ohne Pathos, nüchtern und souverän erzählt sie von einem Weg aus der scheinbar ausweglosen Vergangenheit – mit psychologischem Feingefühl und klarem Blick für die gesellschaftlichen Zustände. Es entsteht ein Doppeltes: ein erschütternder Adoleszenzroman und ein nüchternes Porträt der sozialen Zustände im untergegangenen real existierenden Sozialismus – und im West-Berlin der frühen 80er-Jahre.

Zülfü Livaneli: Serenade für Nadja, Klett-Cotta

Eigentlich soll Maya den deutschstämmigen Professor Maximilian Wagner nur während eines Kongresses in Istanbul betreuen. Doch dann wird sie hineingezogen in dessen Lebensgeschichte und erfährt, was es auf sich hat mit der Serenade, die Wagner während des Naziterrors für seine jüdische Geliebte komponiert hat.
Ein 87-jähriger Mann spielt am Ufer des Schwarzen Meers bis zu seinem Zusammenbruch Geige. Er tut dies zum Gedenken an seine jüdische Geliebte Nadja, die auf der Flucht vor den Nazis dort ertrank. Maya, eine junge Türkin von heute, kommt von dem tragischen Schicksal der beiden nicht los. Und liest aus den Parallelen den Auftrag heraus, in ihrem eigenen Leben noch einmal ganz neu zu beginnen. Wieder gelingt es Zülfü Livaneli in einem lebensklugen Roman, große Gefühle mit einer packenden, zeitgemäßen Handlung zu verbinden.

» ... so ist "Serenade für Nadja" nicht nur ein großartiges Buch über eine lebenslange Liebe und über die deutsch-türkische Vergangenheit, sondern auch ein Porträt der türkischen Gesellschaft, die bis heute daran krankt, dass die Wunden der Vergangenheit nicht aufgearbeitet werden.« (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Franz Jung: Das Jahr ohne Gnade, Edition Nautilus

Das Jahr ohne Gnade ist ein hochmoderner Roman, ergreifend und aktuell in dem Versuch, ein verlorenes Leben doch noch zu verstehen und zu retten. Franz Jung erzählt vom letzten Lebensjahr seiner Tochter Dagny, die 1945 unter ungeklärten Umständen in der Psychiatrie in Wien starb, Jungs Überzeugung zufolge ein Opfer der Euthanasie. Mit schonungsloser Offenheit und großem Einfühlungsvermögen erzählt Jung das Schicksal seiner Tochter, stellt es aber in den verheerenden Kontext der Geschichte. Ein erschütternder Bericht über eine Vater-Tochter-Beziehung. Franz Jung schrieb diesen Roman 1946 in Italien, nach der Flucht und Rückkehr aus dem KZ Bozen, und nur ein Jahr nach dem Tod seiner Tochter.

»Es ist auch eine Geschichte über den Alltag im Nationalsozialismus, ohne dass das System als solches explizit herausgearbeitet wird, hier Nazis, dort Oppositionelle. Das System ist längst von innen verfault. Seine Existenz wird nur durch Zynismus und Gewalt zusammengehalten.« (Annett Gröschner im Vorwort)

Stuart Christie: Meine Oma, General Franco und ich. Autobiografie, Edition Nautilus

Sommer 1964: Die Beatles führen die europäischen Hitparaden an, Nelson Mandela wird zu lebenslanger Haft verurteilt, Lyndon B. Johnson unterzeichnet die Aufhebung der Rassentrennung – und in Madrid wird ein langhaariger achtzehnjähriger Schotte namens Stuart Christie aufgegriffen, den Rucksack voller Sprengstoff für ein Attentat auf General Franco.
»Granny made me an anarchist«, heißt diese Geschichte im Original, in der Christie so spannend wie humorvoll berichtet, wie er zu Großbritanniens berühmtestem Anarchisten wurde. Dem Glasgower Proletariat entstammend, kam er durch diese Großmutter schon früh mit anarchistischer Moral in Berührung und engagierte sich politisch.
Nach dem Attentatsversuch wurde er von einem spanischen Militärgericht zu zwanzig Jahren Haft wegen Banditentums und Terrorismus verurteilt, saß jedoch nur drei Jahre dieser Strafe ab, nachdem der internationale Druck (u. a. durch Kampagnen von Bertrand Russell und Jean-Paul Sartre) sowie ein Gnadengesuch seiner Mutter für seine Freilassung sorgten. Fünf Jahre später stand er wegen vermeintlicher Beteiligung an Bombenanschlägen der britischen Angry Brigade, einer Stadtguerilla-Gruppe in England, wieder vor Gericht, wurde aber freigesprochen.
»Meine Oma, General Franco und ich« gibt einen lebendigen Eindruck der politischen Bewegungen und Umbrüche der sechziger und siebziger Jahre in Großbritannien und Europa und ist außerdem ein packender Schmöker.

Heike Geißler: Saisonarbeit, Spector Books

Saisonkraft bei Amazon. Ausgerechnet. Für die Autorin und Übersetzerin in Geldnot ist es ein Moment der Misere, für alle anderen ein literarischer Glücksfall. Denn was in den Wochen vor Weihnachten entsteht, ist vieles zugleich: Ein Erfahrungsbericht, der ebenso persönlich wie politisch ist. Kritik an den Verhältnissen mit den Mitteln der Selbstironie. Der Blick in eine Halle, die von der Außenwelt abgeschottet ist und gerade deshalb viel über sie verrät.

In „Saisonarbeit“ geht es um Empfindlichkeit und das Politische des Empfindlichen. Es geht um die Arbeit bei Amazon und darum, dass „mit dieser Arbeit und vielen Sorten Arbeit grundsätzlich etwas faul ist“. Nicht zuletzt auch um Bücher und was sie uns bedeuten können.

»Mit ihrem Text Saisonarbeit, einem radikal subjektiven und doch hoch politischen Erfahrungsbericht über ihre Zeit bei Amazon, hat die Leipziger Autorin Heike Geißler womöglich das Buch der Stunde geschrieben.« (Deutschlandfunk)

Jochen Schimmang: Grenzen. Ränder. Niemandsländer, Edition Nautilus

Eine persönliche transitorische Kulturgeschichte des Verschwindens, des Verstecks und der Poetik des Reisens.

Jochen Schimmang schreibt vom Glück, das an den Rändern verborgen liegen kann. Entlang seiner Autobiografie erzählt er davon, was es heißt, ein Kind der britischen Besatzungszone (und nicht eines deutschen Staates) zu sein. Er berichtet von frühen Grenzerfahrungen im "Zonenrandgebiet" und an der höllandischen Grenze, vom verträumten dänischen Fährhafen Rodbyhavn, vom räumlichen und zeitlichen Ende der Welt, vom Transit BRD-Westberlin und vom Transitorischen im Allgemeinen. Er schreibt eine persönliche Kulturgeschichte des Verschwindens, des Verstecks, des Unsichtbarwerdens und prägender Lektüren.

Diese literarischen Geländegänge führen sowohl in den englischen Klassenkampf wie zu Peter Handke in Chaville. Der Leser darf dem Autor in entlegenste Winkel folgen, auf Dachböden und in kindsgroße Löcher unterm Bahndamm. Festes Schuhwerk ist dazu nicht nötig. Es reichen Neugier und Entdeckerfreude.

»Es sind Flanerien, die noch einmal gedanklich wichtige Orte der eigenen Biografie abschreiten und als Motivation nutzen, um sein Reflexionsvermögen ordentlich auf Trab zu bringen. Und das gelingt Schimmang grandios. Getragen von einer eleganten, unaufgeregten Diktion, grundgelehrt und nicht auftrumpfend, schweifen seine Ortsbeschreibungen ab und aus.« (Frank Schäfer, taz)

The Bodleian Library: Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944, KiWi

Als sich die britischen Soldaten 1944, noch vor Kriegsende also, auf den Weg nach Deutschland machten, steckte dieses Büchlein in ihren Hosentaschen. Eine Anleitung des britischen Außenministeriums, wie mit uns Deutschen umzugehen sei, ein Attest der britischen Zivilisiertheit und eine Warnung vor einem »merkwürdigen Volk«. Die Soldaten sollten psychologisch geschult werden, um nicht auf die Propagandamittel der Nazis hereinzufallen. Es sollte ihnen aber auch deutlich gemacht werden, dass sie sich allen Deutschen gegenüber immer fair zu verhalten hätten. Sehr konkret und teilweise auch ziemlich skurril wird beleuchtet, was wir gerne essen und trinken, welche Sportarten wir betreiben und wie wir feiern. 400.000 Soldaten haben 1944 diesen Leitfaden erhalten, der ihr Bild von uns Deutschen entscheidend geprägt hat. Uns kann er auch heute noch einen Spiegel vorhalten, und das Bild von uns, das wir in diesem Spiegel sehen, ist manchmal erschreckend, manchmal amüsant und oft unfassbar komisch.

»Bestimmend, aber nie unsympathisch ist der Ton der Schrift, getragen von dem Gedanken, anständig und gerecht zu bleiben gegenüber den Deutschen, die man die Demokratie lehren müsse, jedoch ob der Zerstörung und Armut keine Sentimentalität entgegenbringen und schon gar nicht mit ihnen fraternisieren dürfe.[...] Herausragend ist die Beschreibung einer perfiden Mischung aus Sentimentalität und Gefühlskälte.« (taz)

Mark Fisher: Ghosts of my life. Writings on Depression, Hauntology and Lost Futures, Zero Books

Mark Fisher zeigt in seinen Essays, dass uns Gespenster einer Zukunft heimsuchen, die sich nicht einstellen will. Spuren dieser verlorenen Zukunft findet er bei David Peace, Goldie, John Le Carré, Christopher Nolan, Joy Division, Ghost Box, Burial und vielen anderen.

»Mark Fisher weist die Sackgassen auf, in die sich die Popkultur des 21. Jahrhunderts manövriert hat: die Krise des Pop und der Aufstieg des Neoliberalismus gehen Hand in Hand – eine bestechende, extrem spannende Gesellschaftsanalyse.« (Florian Fricke, Bayern 2)

Andreas Förster (Hg.): Geheimsache NSU. Zehn Morde, von Aufklärung keine Spur, Klöpfer & Meyer

Der NSU, der so genannte »nationalsozialistische Untergrund«: Drei Terroristen, zehn Morde – und eine unüberschaubar lange Liste an offenen Fragen, falschen Fährten und rätselhaften Zusammenhängen.
Ein wahres Aufklärungsdesaster

Verschiedene Parlamentarische Untersuchungsausschüsse befassen sich mit dem Fall, in München läuft der Mammutprozess am Oberlandesgericht, der vor dem Frühsommer 2015 schwerlich beendet sein wird. Der ganze Komplex erweist sich freilich immer mehr als politisch hochbrisante Geheim- und Verschlusssache. Statt schonungslos aufzuklären, wie es die Bundeskanzlerin noch versprochen hatte, lenken Behörden ab, die Öffentlichkeit wird getäuscht – und geradezu für dumm verkauft.Der Polizistenmord von Heilbronn scheint der Schlüssel für den ganzen Fall: Zehn renommierte Autoren dokumentieren am Beispiel des NSU-Komplexes die Verhinderung wirklicher Aufklärung, beschreiben anhand noch unveröffentlichter Spuren und Hinweise neue Ermittlungsansätze und analysieren, wie und warum staatliche Behörden, Geheimdienste, Teile der Politik und auch der Medien eine innenpolitische Katastrophe ausblenden (wollen).Alle zehn Autoren befassen sich seit gut drei Jahren mit der NSU-Mordserie, sie beobachten die verschiedenen Untersuchungsausschüsse sowie den laufenden Münchner Prozess, sie haben Hunderte von Ermittlungsakten ausgewertet, pflegen Kontakte zu Insidern, haben Zugang zu »sehr gut unterrichteten Kreisen«.

Barbara Kirchner: Dämmermännerung: Neuer Antifeminismus, alte Leier, konkret Literatur Verlag

Wo die Voraussetzung der Emanzipation die Genußverweigerung ist, denkt man sie als neue Spielart der vulgärliberalen Selbstzerstörung als Selbstoptimierung, die man an den männlichen winners studieren kann, wenn man will, auch wenn’s bei denen nicht der Sexus ist, den sie sich abklemmen – ich kenne ein paar dieser Sieger aus der chemischen Industrie, der Medienwelt, der Kulturschickeria, der Univerwaltung: Sie ernähren sich von Scheiße, ihre Beziehungen sind Mondlandschaften, sie fressen Muntermacher zum Dranbleiben und Hirntöter zum Abschalten. Wer darauf neidisch ist, wer in dieser Liga dieses Spiel mitspielen will, hat höchstwahrscheinlich einen schweren Dachschaden.

»Eine Schneise ins Geschwätz.« (taz)

»Auch wenn Barbara Kirchner auf rund 100 Seiten viele Themenfelder und Diskussionen rund um das Stichwort Emanzipation anreißt, gelingt es ihr auf vieles den radikalen Blick zu werfen, der bisher allzu oft gefehlt hat. Dabei macht sie deutlich, warum sich die feministische und alternative Bewegung festgetreten hat.« (Missy-Magazin)

Ulrike Heider: Vögeln ist schön Die Sexrevolte von 1968 und was von ihr bleibt, Rotbuch

1968 das Jahr, das die Bundesrepublik veränderte wie wenig andere: Die junge Generation begehrte gegen das Establishment und den "Muff von tausend Jahren" auf, propagierte freie Liebe und wollte Ehe und Familie abschaffen. Zugleich schwappte mit Oswalt Kolle die erste Sexwelle über Deutschland, und die Kommerzialisierung von Liebe und Sexualität begann. Heute scheinen die Kämpfe ausgefochten, aber der Schein trügt. Der Erfolg von Büchern wie "Feuchtgebiete" oder "Fifty Shades of Grey", die anhaltende Diskussion um die "Homoehe" oder das von der Regierung vertretene Frauenbild beweisen: die Entwicklung geht wieder zurück und ein sexueller Neokonservatismus ist auf dem Vormarsch.
In "Vögeln ist schön" blickt Ulrike Heider auf die Sexualdiskurse der letzten 50 Jahre zurück. Von der späten Adenauer-Ära und der Studentenrevolte über die Frauen- und Schwulenbewegung bis zu den aktuellen Debatten über Pornographie, Sadomasochismus oder der Pädophilie-Debatte bei den Grünen geht sie der Frage nach, wie sich Sexualität zur historischen und politischen Entwicklung verhält. Sie vergleicht die Ideale von damals mit heutigen Normen, Tabus und Moralvorstellungen, benennt Auswirkungen, Erfolge und Versagen der Sexrevolte.

Jonathan Crary: 24/7 -Schlaflos im Spätkapitalismus, Wagenbach

Die globale Infrastruktur des pausenlosen Einkaufens, Arbeitens und Kommunizierens 24 Stunden am Tag und an sieben Tagen der Woche hält mittlerweile bereits die gesamte Menschheit wach. Antischlafmittel sind das neue Lifestyleprodukt, um dauerhaft leistungsfähig zu bleiben. Der Nachthimmel ist schon längst nicht mehr dunkel. Dabei blieb der Schlaf, während die anderen Grundbedürfnisse wie Hunger, Durst und Sex schon früh finanziell ausgeschlachtet wurden, lange Zeit der einzige nicht kontrollierbare Rückzugsort vor den Zwängen des Kapitalismus. Noch vor hundert Jahren verbrachten die Menschen regelmäßig zehn Stunden schlafend. Der heute allgegenwärtige Schlafmangel ist Symptom eines beschleunigten Lebens, bei dem die persönlichen Gedanken und Gefühle an den Rand gedrängt werden.
Ab ins Bett, schließt die Augen, fordert uns der Autor daher auf, damit wir uns in den Gefilden der Pause und der vermeintlichen Leere zumindest zwischendurch befreit fühlen können. Denn es ist die leere Zeit, die besonders kostbar ist.

»In der Zeit des Schlafens können wir von einer besseren Zukunft träumen. Crary sieht hier das Potential für Widerstand gegen die Zwänge des gegenwärtigen Kapitalismus und für eine Rettung der Menschheit vor ihrer eigenen Zerstörung.« (Michael Hardt, Artforum)

Gabriele Goettle: Haupt- und Nebenwirkungen. Zur Katastrophe des Gesundheits- und Sozialsystems. Reportagen, Kunstmann

Wir alle sind – auf Gedeih und Verderb – auf unser Gesundheits- und Sozialsystem angewiesen. Aber wer weiß schon genau, wie die Systeme funktionieren? Wie sie sich verändert haben? Wer begreift noch den Sinn und die Auswirkungen staatlicher Verordnungen, der »Reformen« der letzten Jahre? Ein Nachmittag bei Lobbycontrol in Berlin, ein Besuch bei dem Rentenexperten Otto Teufel, zu Gast bei einer renitenten Putzfrau – das öffnet den Blick für Zusammenhänge.
Gabriele Goettle gelingt es, in ihren Reportagen sowohl die Haupt- wie auch die Nebenwirkungen der neoliberalen Sozial- und Wirtschaftspolitik kenntlich zu machen, die immer massiver in die Lebensumstände der Bürger eingreift. Wie massiv, begreift man mit diesem Buch. Intelligent, empathisch und mit gnadenloser Hellsicht leuchten Goettles Gespräche unsere Gegenwart und Zukunft aus. »So kann’s einfach nicht weitergehen!«, sagt Susanne Neumann, Putzfrau aus Gelsenkirchen.
Und wer dieses aufregende Buch gelesen hat, wird ihr aus vollem Herzen zustimmen.

»Man sollte dieses Buch in Millionenauflagen drucken und in Schulen, Krankenhäusern und 'Arbeitsagenturen' verteilen.« Michael Sailer, konkret

Wolfgang Müller: Subkultur Westberlin 1979 - 1989, Philo Fine Arts

Angeschoben von den Impulsen des Punk entwickelt sich in Westberlin Ende der Siebziger eine vielfältige Subkultur. Super-8-Kinos, Bands und Minilabels werden gegründet, Fanzines kopiert, illegale Bars und Punkclubs wie das Risiko werden zu Treffpunkten der »Antiberliner«: Punks, Alternative, Industrial und Elektronikfans, Polit-Anarchos, Lesben, Schwule, Queers und Künstler mit oder ohne Werk. In diesem Umfeld erscheint im Merve Verlag 1982 das Manifest des subkulturellen Westberlin: Geniale Dilletanten – benannt nach der »Großen Untergangsshow« im Tempodrom. Herausgeber des Bändchens ist Wolfgang Müller, Mitbegründer der Gruppe Die Tödliche Doris. Die Band spielt sowohl in besetzten Häusern als auch in Kunstkontexten. In seiner nun vorliegenden, furios erzählten Geschichte der Westberliner Subkultur der Jahre 1979 bis 1989 setzt Wolfgang Müller Die Tödliche Doris in den Fokus damaliger Entwicklungen und Verhältnisse. Selbst Protagonist jener Geschehnisse, die er beschreibt, liefert er ein Stück Zeitgeschichte aus Insider-Perspektive: kenntnisreich, witzig, respektlos. So treten neben vielen anderen auf: Gudrun Gut, Die Einstürzenden Neubauten und Iggy Pop in einer Telefonzelle, Christiane F., der spätere Loveparade-Gründer Dr. Motte und Ratten-Jenny, die 1978 Martin Kippenberger attackierte. Aber auch Orte werden aufgerufen – die Flohmärkte oder illegale Kulturstätten wie der Kuckuck. Subjektiv, geistreich und aus dem Vollen schöpfend schließt Wolfgang Müller eine Lücke im Verständnis dieser Zeit.

»Auf 600 Seiten arrangiert Wolfgang Müller Anekdoten aus dem alten Westberlin zu einem Sittengemälde der Mauerstadt/West, wo Punk und Kunst, queere Kultur und Politaktivismus fließend ineinander übergehen.« (Ulrich Gutmair, taz)

Jürgen Roth: Was Mist ist. Essays und Sottisen, Westfälisches Dampfboot

Die Zumutungen „dieser unserer“ (H. Kohl) Zeit, die Zustände in diesem Lande und in dieser unserer Welt, sie sind schlichtweg nicht mehr auszuhalten. Die Dummheit wütet unbehelligt vor sich hin, die mediale Vertrottelung nimmt Ausmaße an, von denen Karl Kraus nicht mal albzuträumen vermochte, Infamie und Perfidie sind im Kultur-, Politik- und Kapitalbetrieb zum Regelfall geworden.

Jürgen Roths sprach-, kultur- und gesellschaftskritische Invektiven sind dringend gebotene, zuspitzende Erörterungen, Erledigungen und Abrechnungen – mit dem Unflat, der sich in den vergangenen Jahren in den Medien und, ganz allgemein, „in der besten aller Welten“ (Leibniz) aufgetürmt hat.

Eduardo Galeano: Der Ball ist rund, Unionsverlag

Virtuos und bilderreich erzählt Eduardo Galeano die Geschichte des Fußballs: Charakterisierungen von berühmten Spielern und Spielen, überraschende Anekdoten, Episoden und Sternstunden des südamerikanischen und europäischen Fußballs. Dieses Werk ist eine Hommage an ein volksnahes Spektakel mit anarchischer Kraft. Der heiter-verspielte Ton Galeanos schlägt dort in bissige Kritik um, wo er seine Abscheu gegenüber den Technokraten des modernen Supermarkt-Fußballs zum Ausdruck bringt, die im Namen von Profit und Effizienz die Schönheit und Lust aus dem Spiel zu verbannen drohen. Eduardo Galeanos von Fantasie sprühende Sprache macht diese Sammlung literarischer Fußballkostbarkeiten auch für Nicht-Fans zum reinsten Genuss.

»Eduardo Galeanos Feuilletonsammlung gehört zum Erfreulichsten dieses viel strapazierten Genres. Dies, weil der Mann aus Montevideo nicht mehr will, als kleine, aber feine Kapitel der unendlichen Fußballgeschichte erzählen. Und weil er nicht wie viele Kollegen alles Erdenkliche in eine aufgeblasene Kugel projiziert.« Neue Zürcher Zeitung  

Chloé Cruchaudet: Das falsche Geschlecht, Avant-Verlag

Um den Schrecken der Schützengräben zu entkommen wird Paul zum Deserteur. Ihm gelingt es, sich nach Paris durchzuschlagen, wo er sich mit Hilfe seiner Frau Louise versteckt. Als Fahnenflüchtiger mit dem Tode bedroht ist er dazu verdammt, sich für immer in den gleichen vier Wänden aufzuhalten — oder sich zu verwandeln. Als „Suzanne“, die beste Freundin von Louise, verkleidet, traut sich Paul wieder auf die Straße. Aus der Maskerade in Frauenkleidern wird eine Jahrzehnte andauernde neue Identität. Als Suzanne wird Paul Teil der Pariser Travestie-Szene und das „falsche“ Geschlecht immer mehr zu seinem richtigen.

Nach einer wahren Geschichte erzählt die französische Zeichnerin Chloé Cruchaudet nuanciert und subtil von einer ungewöhnlichen Transgender-Beziehung im Paris der zwanziger Jahre.

»Ein spannend erzähltes Werk, das in die Wunden des Krieges bohrt und sich einfühlsam durch die Wirrungen von Genderidentitäten und Rollenerwartungen tastet.« (taz)

Alison Bechdel: Wer ist hier die Mutter? Ein Comic-Drama, KiWi

Nach ihrer Graphic Novel »Fun Home«, in der Alison Bechdel ihrem Vater nachspürte, erscheint nun ihre gewitzte, melancholische Abrechnung mit ihrer Mutter, die das Leben der Tochter bis heute bestimmt. Mit ihrer unverwechselbaren Kunst, Bilder und Worte gegeneinander zu setzen, pflügt Alison Bechdel das oft beackerte Terrain der Mutter-Tochter-Beziehung ganz neu um und ermöglicht einen vollkommen frischen Blick auf die erste Beziehung unseres Lebens.
»Ich kann dieses Buch nicht schreiben, wenn ich meine Mutter nicht aus dem Kopf kriege«, erzählt Bechdel ihrer Therapeutin. »Aber ich kriege sie nur aus dem Kopf, wenn ich dieses Buch schreibe.« Den komplexen Prozess, mit der eigenen Geschichte und den eigenen Eltern klarzukommen, zeichnet Alison Bechdel auf noch nie dagewesene Weise nach und auf. Sie bewegt sich dabei ebenso elegant auf den Spuren Virginia Woolfs wie in den Schriften des Psychoanlytikers Donald Winnicott, den sie gern als Mutter gehabt hätte. Kaum verwunderlich bei einer Mutter, die im echten Leben urplötzlich aufhört, die Tochter zu küssen, und immer auf Abstand bleibt. Fast jede Tochter hat ungeklärte Konflikte mit der eigenen Mutter, aber wenige sind dabei so ehrlich wie Alison Bechdel.

David Small: Stiche. Erinnerungen, Carlsen Verlag

David Small beschwört die Welt der Fünfzigerjahre, als man noch glaubte, die Wissenschaft könne alle Probleme lösen. Als man über vieles nicht sprach, schon gar nicht mit Kindern. Vor der kafkaesken Familiensituation flieht der kleine David in seine Zeichnungen. Mit 14 Jahren verliert er bei einer Operation seine Stimme. Dass er Kehlkopfkrebs hatte und man damit rechnete, dass er sterben würde, findet er ebenso selbst heraus wie die Ursache dafür: Sein Vater, ein angesehener Radiologe, hatte ihn in seiner Kindheit regelmässig mit Röntgenstrahlen "behandelt".

»Es ist große Kunst, wie David Small die Allegorien seiner Illustrationsbilder in den Erzählfluss einfügt, ohne dass sie so penetrant wirken wie jemand, der ständig in bedeutungsgeladenen Aphorismen spricht. Der stetige Wechsel zwischen realistischem Elend und befreiendem Traum, zwischen ernsten und humoristischen Tonlagen, zwischen Cartoons, losen Stimmungsbildern und Illustrationen macht ihn zu einem virtuosen Erzähler. Was auf den ersten Blick wie ein Sammelsurium der Grausamkeit scheint, fügt sich zu einem geschlossenen Ganzen zusammen.« (Waldemar Kesler, Tagesspiegel)

»Man sollte diesen graphischen Roman mindestens zweimal lesen: Einmal ganz und gar ergriffen vom Weg des Helden, wie einen Lebensfilm, der die ungeheuerliche Arbeit von Überleben und Befreiung aus dem Gefängnis einer sehr grauen Lebensfeindlichkeit vor unseren Augen entfaltet. Und einmal mit dem Interesse für die Einzelheiten in der Zeichenkunst David Smalls, der in einem einzigen Panel so viel an Leere, Angst und Zorn unterbringt, dass nur das allerletzte Bild, ein Traum, die Erlösung bringen kann.« (Georg Seeßlen, Jungle World)

Mawil: Kinderland, Reprodukt

Ostberlin im Sommer 1989: Mirco Watzke steckt in der Klemme. Der sonst so vorbildliche Schüler der Klasse 5a hat Ärger mit den blöden FDJlern, und der Einzige, der ihm dabei helfen kann, ist ausgerechnet dieser unheimliche Neue aus der Parallelklasse…

»Skrupulöser, detailversessener Dokumentarist des Profanen. [...]. „Kinderland“ ist bei aller Verve, mit der er seinen Coming-of-Age-Plot hier abspult, ein wahres Exerzitium in Alltagsbeobachtung. Die Kleidung der Schüler, ihre Sprüche, der doktrinäre Jargon der Parteitrompeterin, die Interieurs, Straßenzüge, die Schilder und Autos, die Geräusche beim Öffnen einer Omnibus-Tür – das Buch lässt das Ostberlin der späten Achtziger hier so authentisch wiederauferstehen, dass Zeithistoriker diesen Comic als 1-a-Quelle benutzen können.« (Rolling Stone)

Terry Moore: Rachel Rising. Tochter des Todes, schreiber & leser

Bei Morgengrauen erwacht Rachel im Wald. Mühsam schleppt sie sich nach Haus. Erst allmählich merkt sie an den Reaktionen ihrer Umwelt, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Sie ist tot.
Terry Moore erzählt vom wahren Horror: der täglichen Realität in unseren Kleinstädten.
Rachel Rising bekam 2012 den Harvey Award als beste neue Serie.

»Eher Mystery-Thriller, denn Zombie-Story. Ein spirituell aufgeladener Kleinstadt-Krimi, an dessen vielschichtigen weiblichen Figuren Joss Whedon seine wahre Freude hätte.« (Intro)

Thierry Smolderen, Alexandre Clérisse: Das Imperium des Atoms, Carlsen

1952. Das Atomzeitalter beginnt. Paul, ein scheinbar normaler amerikanischer Bürger mit Frau und Kind, ist Science-Fiction-Autor. Doch seine besondere Gabe ist die Telepathie. Seit frühester Kindheit hat er Kontakt zu einem galaktischen Helden aus der fernen Zukunft. Das will der skrupellose Geschäftsmann Zelbub ausnutzen und versucht, Paul mittels Hypnose unter seine Kontrolle zu bekommen.
Diese SF-Geschichte ist wunderbar überdreht und großartig im Retrolook der 1950er Jahre gezeichnet. Thierry Smolderen, der unter anderem das Szenario zur Serie GYPSY geschrieben hat, erzählt souverän und mit vielen Anspielungen auf andere Comics und SF-Geschichten, wie sich Paul gegen den finsteren Zelbub zur Wehr setzt.

»Eine vielschichtige Graphic Novel, nicht nur für Science Fiction-Liebhaber, aber für die besonders.« (Ox-Fanzine)

Thomas Wellmann: Pimo & Rex, Rotopol Press

Pimo und Rex sind zwei galante Bonvivants und keine Kinder von Traurigkeit. Gemeinsam heizen sie auf ihren Rössern durch die Wälder. Die kleinen Plagen des Künstlerdaseins haben die beiden in der nächsten Taverne schon wieder vergessen. Schließlich hat Rex auch beste Neuigkeiten zu verkünden. Sein Freund Leopold hat ihm endlich einen Antrag gemacht, versüßt mit einem zauberhaften Verlobungsgeschenk: einer Schriftrolle, die Rex bei Bedarf sofort ins traute Heim beamt. Nicht ahnend, wie nützlich dieses Geschenk noch sein wird, feiern die beiden erst mal das freudige Ereignis.

Zwei spannende Abenteuer mit zwei tollkühnen Helden, die selbst verkatert noch eine gute Show liefern. In den Nebenrollen: eine magische Muse, ein tyrannischer Totenbeschwörer und ein paar gelangweilte Wiedererweckte.