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Sharon Dodua Otoo die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle, edition assemblage

Die Geschichte der langsamen Zersetzung einer Ehe sowie der Konsequenzen für Freunde und Familie. Anna verliert ihr Sista, Kareem lernt einer guten Freundin zu misstrauen, die Geschwister Ash und Beth müssen um die Zuwendung ihrer Mutter ringen, Till und seine Lebensgefährtin entgleiten einander. Feinfühlig, schonungslos, mit subtilem Humor erzählt die Frau mit all ihren Rollen, wie sie sich neu kennenlernt - und nicht nur von der erfreulichen Seite.
In dieser Trennungsgeschichte einer in Deutschland lebenden Schwarzen britischen Frau fließen ihre Beobachtungen über Alltagsrassismus und Privilegien mit ein.

»... ihr Buch über die Haken an den Identitäten, die Leute mit sich herumschleppen, [ist] so klug durchgearbeitet [...], dass man damit ein exzellentes Literaturkolleg darüber, was eine Novelle ist, organisieren könnte. Ich kenne das Buch nur, weil ich zum Glück mit Leuten Umgang habe, die politisch antirassistische Arbeit tun.« (Dietmar Dath)

Siegfried Kracauer: Ginster, suhrkamp

Ein »Drückeberger« als Held: Ginster ist 25, als der Erste Weltkrieg ausbricht, ein begabter Frankfurter Architekt. Der patriotischen Begeisterung seiner Zeitgenossen steht er skeptisch gegenüber, und so verwendet er einige Mühe darauf, sich immer wieder vom Kriegsdienst zurückstellen zu lassen – das Vaterland braucht seine Architekten schließlich nicht an der Front, sondern zu Hause, wo etwa Granatfabriken und Ehrenfriedhöfe für die gefallenen Soldaten zu planen sind.

Doch dann ereilt auch Ginster der Gestellungsbefehl. Weit weg von den Schlachtfeldern lernt er, mit militärischer Präzision ein Bett zu bauen, zu schießen und »gegen die Feinde Kartoffeln zu schälen«. Und es festigt sich in ihm die Überzeugung, dass all diese Übungen nicht dem Krieg dienen, sondern der ganze Krieg ein Vorwand für die Übungen ist. Im Frankfurt des Ersten Weltkriegs spielt dieser Roman, der den literarischen Ruhm seines Autors begründete. Es ist das faszinierende Porträt eines Mannes, dessen Haltung zur Welt und ihren Widersprüchen oft mit Chaplin und Keaton verglichen worden ist.

Erich Mühsam: Tagebücher, Bd. 4, Verbrecher Verlag

DAS KRIEGSJAHR 1915: Mühsams Hoffnungen auf ein schnelles Ende des Gemetzels zerschlagen sich, der Friede rückt in immer weitere Ferne. Er braucht das Tagebuch jetzt, um die Wahrheit aus den verlogenen Pressemeldungen herauszufiltern. Wer hat diesen Krieg angezettelt? Wer kann ihn beenden? Wo kann er sich und seine Überzeugungen geltend machen? In der kaisertreuen SPD bahnen sich Umbrüche an – der linke Flügel verweigert neue Kriegskredite, die Spaltung der Partei bahnt sich an. Gespannt verfolgt Mühsam die Entwicklung und sucht nach Verbündeten für eine Antikriegsbewegung unter anarchistischen Vorzeichen: bei Pazifisten, linken Sozialdemokraten, Anarchisten.
Auch in der Münchener Boheme geht der Tod um. Die Reihen lichten sich, die Stammtischkrieger werden immer nervöser. Mühsam muss befürchten, an die Front geschickt zu werden, und ist fest entschlossen, eher zu sterben als zu töten. Derweil drückt die Geldnot schlimmer als je zuvor. Zenzl, die Geliebte, bietet ihm Hilfe und Trost, aber auch sie braucht Unterstützung. Retten kann ihn nur der baldige Tod des Vaters, die große Erbschaft. Und mit dem langersehnten Telegramm tritt endlich die Wende ein: Mühsam heiratet Zenzl, gründet einen Hausstand und will Dramen und Gedichte schreiben – doch es bleibt nur Zeit für das Tagebuch, das längst zu seinem Hauptwerk geworden ist.

Albertine Sarrazin: Astragalus, Hanser-Verlag

Den Sprung von der Gefängnismauer in die Freiheit bezahlt Anne mit einem Bruch des Sprungbeins, des Astragalus. Verletzt schleppt sich die Neunzehnjährige an den Straßenrand und wird dort von Julien aufgelesen. Beide erkennen im anderen die eigene Lebenswelt, die Welt des Knastes, der Kleinkriminalität und verlieben sich: zwei Menschen, unbedingt in ihrem Drang nach Freiheit und zugleich existentiell angewiesen auf die Nähe und den Halt des anderen. Als „L’Astragale“ 1965 in Frankreich erschien, sorgte es für eine Sensation: „Zum ersten Mal spricht eine Frau über ihre Gefängnisse“, schrieb Simone de Beauvoir. Fünfzig Jahre später gilt es, diesen Text in neuer Übersetzung wieder zu entdecken, seine Kraft und seine rauhe Poesie.

»Es ist ein lange verschwundenes Frankreich, das in Sarrazins Geschichte einer Jugend wieder aufersteht. Die düstere, doch auch seltsam unschuldige Welt der fünfziger Jahre: Das Zusammenleben der Großfamilien, winzige Wohnungen ohne Bad, Landleben am Rande der Stadt, billige Hotels, ständiger Alkohol- und Nikotinkonsum, Armut, kleinbürgerlicher Muff und große Hoffnungen. Man fühlt sich erinnert an die frühen Filme Godards und Truffauts, die Photos Robert Doisneaus. […] Doch am stärksten in Erinnerung bleibt die Erzählerin selbst – und ihr unnachgiebiger Wille zum Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung, ungebrochen angesichts aller Niederlagen.« (Hessischer Rundfunk)

Ernst Haffner: Blutsbrüder, Metrolit-Verlag

Anfang der 1930er Jahre lebten in Berlin und anderen deutschen Großstädten infolge der prekären wirtschaftlichen Verhältnisse tausende Jugendliche auf der Straße. Sie verdingten sich als Tagelöhner und Laufburschen, aber häufig führte ihr Weg sie auch in die Kriminalität oder Prostitution. Zuflucht und ein wenig Sicherheit und soziale Wärme fanden sie in selbstorganisierten Cliquen. Davon erzählt der 1932 unter dem Titel» Jugend auf der Landstraße Berlin« erschienene Roman von Ernst Haffner. Von den Nazis verboten und öffentlich verbrannt, wurde das Buch vergessen und erscheint nun, 80 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, ein zweites Mal.
Man kann diesen Roman also eine Wiederentdeckung nennen, aber das trifft es nicht wirklich. Vielmehr ist es eine Offenbarung, eine intensive, erschütternde und ungemein authentische Lektüre, die das Schicksal einiger Jugendlicher schildert, die sich zu der Clique der »Blutsbrüder« zusammengeschlossen haben. Poetisch und mit einem tieftraurigen Realismus erzählt, folgt Haffner den Mitgliedern der Jugendbande und beschreibt ihren grausamen Überlebenskampf und ihren Freiheitswillen, der sich in einer Jugendsubkultur äußerte, die heute vergessen ist.

»Trotz seiner fabulösen Überspitzung sexueller Delinquenz ist "Blutsbrüder" ein so erhellender wie spannender Roman über die Zeit kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die der linken Jugendkultur mit der Hitlerjugend Konkurrenz machen wollten. Von heute aus gelesen erscheint die Clique, die Haffner beschreibt, als Metapher für eine Gesellschaft, die hin- und hergerissen ist zwischen dem Wunsch nach Individualität und Unabhängigkeit und dem Bedürfnis nach einem Führer, der sie aus der wirtschaftlichen Unsicherheit führt.« (taz)

Almudena Grandes: Der Feind meines Vaters, Hanser

Nino, das Kind eines Polizisten der Guardia Civil, ist neun und lebt in einem Dorf in Andalusien. Im Sommer 1947 lernt er den geheimnisvollen Pepe kennen, der sein Freund und Vorbild wird. Mit ihm entdeckt er seine Leidenschaft für die Abenteuerromane von Jules Verne. Doch was hat Pepe mit dem Freischärler Cencerro zu tun, der in den Bergen gegen die Franco-Diktatur kämpft? Nino gerät mehr und mehr selbst in ein Abenteuer und muss sich entscheiden, auf wessen Seite er steht.
Almudena Grandes erzählt die Geschichte einer gefährlichen Freundschaft.

»Almudena Grandes ergründet in "Der Feind meines Vaters" nicht nur perspektivisch, wie der Einzelne sich dem großen Machtapparat einer Diktatur beugt oder ihm Widerstand leisten kann - in Ninos kleiner Welt formiert sich nach und nach ein politisches Bewusstsein -, die Autorin greift damit auch wie in ihrem letzten Roman "Das gefrorene Herz" ein historisches Thema auf, das im politischen Diskurs Spaniens bis heute weitgehend der Verschwiegenheit unterliegt. Mit General Francos Tod im Jahr 1975 kam zwar das Ende seiner Diktatur, doch die Transición - der Übergang Spaniens in eine Demokratie - erfolgte mitunter über das Amnestiegesetz, welches die Verfolgung aller politisch motivierten Verbrechen aus der Franco-Ära untersagt.« (Fatma Aydemir, taz)

Bernardo Kucinski: K. oder Die verschwundene Tochter, Transit-Verlag

São Paulo in den siebziger Jahren. K., Besitzer eines Geschäfts für Herrenmode, wartet seit vielen Tagen auf ein Lebenszeichen seiner Tochter, Dozentin an der Universität São Paulo: dort sei sie seit zwei Wochen nicht mehr erschienen. Er fragt ihre Freunde, Bekannte, geht mit ihrem Foto zur Polizei – bis er schließlich auf Umwegen erfährt, dass sie seit Jahren ein Doppelleben führte und mit ihrem Mann verdeckt politisch arbeitete. Für K. ist das aus mehreren Gründen schockierend: Er glaubte seine Tochter, sein Lieblingskind, genau zu kennen und hielt sie für völlig unpolitisch. Und er begreift nicht, warum gerade er, der Mitte der dreißiger Jahre in Polen selber Mitglied einer jüdischen Widerstandsgruppe und nach einer Haftstrafe nach Brasilien geflohen war, auffällige Indizien im Verhalten seiner Tochter komplett falsch eingeschätzt hatte. Er hätte es wissen müssen und sie retten können. Sein Leben besteht danach aus einer doppelten Suche: Er will herausfinden, wer seine Tochter wirklich war, und, am wichtigsten: ob sie noch lebt.
Diese Suche provoziert Erinnerungen an seine eigene Jugend, wichtige Phasen seines Lebens, die er vorher immer verdrängt hatte. So verschränkt sich brasilianische überraschend mit europäischer Geschichte.

»Bernardo Kucinskis Erzählung leistet Aufklärung und Gedächtnisarbeit im allerbesten Sinne – ein politisches Buch von hoher literarischer Qualität.« (taz)

Imre Kertész: Letzte Einkehr, Tagebücher 2001-2009, rowohlt

Im Gegensatz zu seinem berühmten "Galeerentagebuch", das eine Komposition aus den jahrzehntelangen Aufzeichnungen während der inneren Emigration im sozialistischen Ungarn darstellt, handelt es sich bei den hier vorgelegten späten Tagebüchern von Imre Kertész um ein unbearbeitetes, ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit gedachtes "journal intime" von überraschender, oft verstörender Offenheit. Es umfaßt die Jahre seiner äußeren Emigration - die Loslösung von Ungarn, dessen postsozialistische Entwicklung ihn immer stärker an präfaschistische Zeiten erinnert, und die Niederlassung in der Wahlheimat Berlin, wo ihn 2002 die "Glückskatastrophe" des Nobelpreises ereilt.
Das damit verbundene "rare Geschenk guten Lebens" weiß er nach Jahrzehnten äußerster Einschränkung zwar durchaus zu genießen - exklusive Restaurants in Berlin, Paris und New York oder die Luxushotels von Gstaad und Madeira -, doch stärker sind die Aufzeichnungen ab jetzt von den Klagen über die "erwürgenden Anforderungen des Ruhms" und die dadurch einsetzende Selbstentfremdung grundiert, über das Nachlassen der Schaffenskraft und den "unerträglichen Terror des Alters". Ein "Trivialitäten-Tagebuch" nennt er sein Diarium schließlich.
Von der gewohnten Schärfe seiner zeitdiagnostischen und ästhetischen Reflexionen, der Prägnanz der Momentaufnahmen haben seine Tagebücher indes nichts verloren. Leitmotiv bleibt das Schreiben, das Ringen um die Gestaltung der in diesen Jahren entstehenden Prosawerke "Liquidation" und "Dossier K." sowie des geplanten "Sonderberg"-Romans. Schreiben ist für ihn die einzige Legitimation seines Lebens. Als Krankheit und Schmerzen dominieren, macht er sich mit unerhörter Kühnheit zum gnadenlosen Chronisten des eigenen Verfalls "im Vorzimmer des Todes".

Jeanette Winterson: Warum glücklich statt einfach nur normal?, Hanser-Verlag

Die Adoptivmutter, eine Pfingstlerin, hatte Jeanette Winterson zur Missionarin bestimmt. Doch mit 16 verliebt sie sich. In eine Frau. Als Jeanette auszieht, um mit ihrer Geliebten glücklich zu werden, stellt die Mutter ihr die Frage: „Warum glücklich statt einfach nur normal?“ Viele Jahre später trifft Jeanette Winterson auf ihre leibliche Mutter und fragt sich, was aus ihr geworden wäre ohne die hungrigen Stunden im Kohlenkeller, ohne die stets dräuende Apokalypse, vor allem aber ohne das allgegenwärtige Wort der King-James-Bibel. Wintersons scharfer Witz und die kraftvolle poetische Sprache machten bereits ihren autobiographischen Debütroman zum Bestseller - hier übertrifft sie sich selbst.

 

»Jeanette Winterson hat einen erfrischend zeitgenössischen Roman geschrieben, der feministische Konventionen aufbricht und die Ambivalenz zwischen selbstbestimmtem Handeln und der eigenen Opferrolle […] schonungslos aufzeigt.« (taz)

Siegfried Kracauer: Georg. Roman, suhrkamp

Weimarer Republik: Die Gesellschaft ist im Umbruch und Georg mittendrin. Als Journalist beim »Morgenboten« wird er wiederholt vor schwere Entscheidungen gestellt. Dann trifft er auch noch den jungen Fred und stürzt sich Hals über Kopf in eine Liebe, die sein Leben auf den Kopf stellt …

»Mit mannigfachen ererbten Anschauungen behaftet, tritt Georg zu Beginn des Romans ins öffentliche Leben. Er ist dumpf und ahnungslos und unterhält eine unmögliche, leicht erotisch betonte Freundschaft zu einem jungen Menschen namens Fred. Nun wird er ins Spiel der Welt gemischt ... Je weiter die Handlung fortschreitet, desto mehr wird er entzaubert. Er liquidiert die Beziehung zu Fred, er löst sich aus den verschiedenen falschen Bindungen. Zuletzt durchschaut er die Kläglichkeit der Gesellschaft, in der er lebt, und da er aus seiner Meinung über sie keinen Hehl macht, wird er wieder aus der Zeitung entlassen. Klar, hell, illusonslos bleibt er zurück.«
So beschreibt Siegfried Kracauer selbst seinen Roman, den er 1934 abschloß, nachdem er nach Frankreich ins Exil gegangen war.

Thomas Meinecke: Analog, Verbrecher Verlag

Thomas Meinecke erzählt von seinem Dasein als DJ, der Entstehung von Plattensammlungen, ersten Erfahrungen mit dem, was angesagt ist, und natürlich von Musik: über Musiker und Musikerinnen, Platten und Labels, Clubs und ein Lebensgefühl. Meinecke schildert, wie Techno und House die Menschen in London, Berlin, Schmalkalden, Bahia oder New York miteinander verbinden.

„Analog“ versammelt die Kolumnen Meineckes aus dem Magazin Groove der Jahre 2007 bis 2013. Jeder Kolumne ist eine farbige Zeichnungen der Künstlerin und Musikerin Michaela Melián zur Seite gestellt.

»Kaum einer versteht es, so über Musik zu schreiben, wie Thomas Meinecke das seit Jahren tut. [...] Da ist ein Groove in diesen Sätzen, den Meinecke auch in seine Romane (z. B. ’Tomboy’, ’Hellblau’, ’Jungfrau’) bringt und der diese zu einer nicht immer leichten, aber immer faszinierenden Lektüre werden lässt.« (Tina Manske, CULTurMAG)

Ned Beauman: Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort, Dumont

Egon Loeser hat es nicht leicht. Der expressionistische Bühnenbildner ist nur einen Buchstaben vom loser entfernt, und er weiß es. Die tollen Frauen kriegt alle Bertolt Brecht ab, den extrem paarungsbereiten Egon übersehen sie sträflich. Als er seine ehemalige Schülerin Adele Hitler (nicht verwandt oder verschwägert) nach Jahren wiedersieht, scheinen sich die Wolken zu lichten. Leider mutiert die achtzehnjährige Unschuld vom Lande zum nymphomanen Zentrum des Berliner Nachtlebens, um schließlich zu verschwinden – nicht ohne vorher Brecht getroffen zu haben. Egons Obsession treibt ihn in die Absinth-Bars von Paris und die Geheimlabors von Los Angeles, immer auf den Spuren Adeles und dreier Geheimnisse, die es zu entschlüsseln gilt: Was hat es mit der geheimnisvollen Teleportation auf sich, die im 17. Jahrhundert fünfundzwanzig Theaterzuschauer das Leben kostete? Warum kriegt ein gut aussehender, kluger und vor allem bescheidener Kerl wie er ums Verrecken keine Frau ins Bett? Und was zum Teufel macht Brecht schon wieder hier?

»Historischer Roman, Fantasy, Sciencefiction, Horror, Agententhriller, Schmonzette, Farce, Künstlerroman, alles mixt Beauman virtuos zusammen, steckt oben noch eine Kirsche mit Verschwörungstheorien darauf und heraus kommt ein Cocktail, der seine Leser angenehm beduselt zurücklässt, wie zuletzt nach der Lektüre von Alexandre Dumas oder Jules Verne.» (Bayern 2)

Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur, rowohlt (Kopie 1)

"Dann Telefonat mit einem mir unbekannten, älteren Mann in Westdeutschland. Noch am Tag der Histologie war Holm abends auf einer Party mit dem Journalisten T. ins Gespräch gekommen, dessen Vater ebenfalls ein Glioblastom hat und noch immer lebt, zehn Jahre nach der OP. Wenn ich wolle, könne er mir die Nummer besorgen. Es ist vor allem dieses Gespräch mit einem Unbekannten, das mich aufrichtet. Ich erfahre: T. hat als einer der Ersten in Deutschland Temodal bekommen. Und es ist schon dreizehn Jahre her. Seitdem kein Rezidiv. Seine Ärzte rieten nach der OP, sich noch ein schönes Jahr zu machen, vielleicht eine Reise zu unternehmen, irgendwas, was er schon immer habe machen wollen, und mit niemandem zu sprechen. Er fing sofort wieder an zu arbeiten. Informierte alle Leute, dass ihm jetzt die Haare ausgingen, sich sonst aber nichts ändere und alles weiterliefe wie bisher, keine Rücksicht, bitte. Er ist Richter. Und wenn mein Entschluss, was ich machen wollte, nicht schon vorher festgestanden hätte, dann hätte er nach diesem Telefonat festgestanden: Arbeit. Arbeit und Struktur."

»Was im Blog als Tages- oder Wochenration daherkam, als Lichtblitz manchmal und gelegentlicher elektronischer Kurztrost, dass da noch immer einer ist, der weiterschreibt, erreicht im Buch eine Dichte und entwickelt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Wie seltsam ist doch dieses Erzählarrangement! Da stirbt einer und macht sich Notizen, und wer ihn liest, der weiß immer schon um seinen Tod, sein Ende, und liest diese Sätze doch wie die stets aufs Neue beglaubigte Hoffnung auf einen neuen Tag, ein paar weitere Zeilen, eine Stunde, einen Abend, einen Augenblick, die letzte Klappe stets vor Augen. Nie verfällt Herrndorfs Text in die Larmoyanz des Selbstmitleids, den stummen Schrei einer nicht auszudenkenden Verzweiflung. Dass seine Cowboy-Pose ihm immer wieder aufhilft und sich zugleich als überlebensnotwendige Farce erweist, macht "Arbeit und Struktur" so anrührend. Der "Abwehrzauber des Weiterarbeitens", den Herrndorf immer wieder beschwört, zum Ende hin versagt er immer wieder seinen Dienst, weicht zurück vor der Kälte der Mortalitätsraten, der Sterbestatistik, den Studien und Prognosen, die Herrndorf dem großen Google-Orakel beständig aus den Rippen leiert.« (jungle world)

Franz Jung: Der Weg nach unten. Autobiographie, Edition Nautilus

Als expressionistischer Dichter, Dada-Trommler, Freiwilliger und Deserteur des 1. Weltkriegs, Aktivist des Spartakusbundes, Mitbegründer der KAPD, Vagabund, Schiffsentführer, Leiter einer russischen Zündholzfabrik, Wirtschaftsanalytiker und Börsenspekulant war Franz Jung schon zu Lebzeiten eine Legende. Er war oft im Gefängnis, vielfach auf der Flucht, schrieb ca. 30 Romane, mehr als zehn Theaterstücke sowie Essays, Radiofeatures, ökonomische und politische Analysen.
Er war der Inbegriff des Abenteuertums, des Aufbruchs und Ausbruchs. »Ein Charakter, wie man sie heutzutage nur noch auf Leinwänden trifft«, beschreibt ihn Günter Kunert. Jung war immer kompromißlos und ist dadurch in diesem »Jahrhundert des Verrats« zu einer paradigmatischen Figur geworden. Zur Zertrümmerung der großen Illusionen und Ideologien hat er einen bedeutenden Teil beigetragen.
»Einer der imponierenden Väter, in deren Fußstapfen wir traditionell sicherer stehen könnten in unserem Land«, sagt Günter Herburger über ihn und Michael Rohrwasser bezeichnet den Weg nach unten als eines der wichtigsten Bücher, die nach dem Krieg erschienen sind.

Paul Mattick: Die Revolution war für mich ein großes Abenteuer. Paul Mattick im Gespräch mit Michael Buckmiller, unrast

Interview und autobiografische Zeugnisse eines bedeutenden Rätekommunisten

Paul Mattick ist vielleicht der exemplarische Arbeiterintellektuelle:
Seine furiose Abrechnung mit John Maynard Keynes, seine Kritik an Herbert Marcuse, die dieser übrigens als einzig taugliche Kritik von links akzeptierte, seine sprichwörtliche Marx-Orthodoxie, mit der er den tendenziellen Fall der Profitrate gegen allerlei ›Modernisierer‹ verteidigte, machten den Deutsch-Amerikaner in den 1960er und 1970er Jahre zum kommunistischen Gewissen und Stichwortgeber der antiautoritären Revolte.

Mattick hat um seine Biografie kein Aufheben gemacht, Heldengeschichten waren ihm zuwider. Aber er gab trotzdem Auskunft: 1976 führte der Hannoveraner Politologe Michael Buckmiller ein langes autobiografisches Interview mit ihm. Das Interview wurde bis dato nie publiziert, Jahrzehnte war es unter Verschluss. Erst vor Kurzem haben es Marc Geoffroy und Christoph Plutte ausgegraben. Das Interview übertrifft tatsächlich die Erwartungen: Es ist ein lebenssatter Bericht, in dem uns Mattick als ebenso lakonischer wie unabhängiger Rätekommunist begegnet, dem alle Parteischablonen und alles friedfertig sich beschränkende Denken zuwider waren.

Das Buch, das alle wissenschaftlichen Standards erfüllt, aber in erster Linie schnell zugänglich ist, wird ergänzt durch literarische (verschlüsselt autobiografische) Texte Matticks, eine kommentierte Bibliografie zum Stichwort Rätekommunismus und ein ausführliches Nachwort Michael Buckmillers, der die Figur des Arbeiterintellektuellen anhand von bis dato noch nie publizierten Briefen Matticks darstellt.

Erich Mühsam: Tagebücher, Bd. 4, Verbrecher Verlag

DAS KRIEGSJAHR 1915: Mühsams Hoffnungen auf ein schnelles Ende des Gemetzels zerschlagen sich, der Friede rückt in immer weitere Ferne. Er braucht das Tagebuch jetzt, um die Wahrheit aus den verlogenen Pressemeldungen herauszufiltern. Wer hat diesen Krieg angezettelt? Wer kann ihn beenden? Wo kann er sich und seine Überzeugungen geltend machen? In der kaisertreuen SPD bahnen sich Umbrüche an – der linke Flügel verweigert neue Kriegskredite, die Spaltung der Partei bahnt sich an. Gespannt verfolgt Mühsam die Entwicklung und sucht nach Verbündeten für eine Antikriegsbewegung unter anarchistischen Vorzeichen: bei Pazifisten, linken Sozialdemokraten, Anarchisten.
Auch in der Münchener Boheme geht der Tod um. Die Reihen lichten sich, die Stammtischkrieger werden immer nervöser. Mühsam muss befürchten, an die Front geschickt zu werden, und ist fest entschlossen, eher zu sterben als zu töten. Derweil drückt die Geldnot schlimmer als je zuvor. Zenzl, die Geliebte, bietet ihm Hilfe und Trost, aber auch sie braucht Unterstützung. Retten kann ihn nur der baldige Tod des Vaters, die große Erbschaft. Und mit dem langersehnten Telegramm tritt endlich die Wende ein: Mühsam heiratet Zenzl, gründet einen Hausstand und will Dramen und Gedichte schreiben – doch es bleibt nur Zeit für das Tagebuch, das längst zu seinem Hauptwerk geworden ist.

Otto Dov Kulka: Landschaften der Metropole des Todes. Auschwitz und die Grenzen der Erinnerung und der Vorstellungskraft, DVA

Die Metropole des Todes, das ist Auschwitz-Birkenau. Als Kind wird Otto Dov Kulka zusammen mit seiner Mutter erst in das Ghetto Theresienstadt und dann nach Auschwitz deportiert. Er überlebt die zweimalige Liquidierung des sogenannten Familienlagers und verlässt Auschwitz schließlich im Januar 1945 auf einem Todesmarsch. Lange Zeit hat er über seine Erlebnisse geschwiegen, sich als Historiker allein streng wissenschaftlich mit dem Mord an den Juden befasst. In diesem außergewöhnlichen Text erkundet Kulka nun die Fragmente seiner Erinnerung an Auschwitz, die wiederkehrenden Träume und Bilder, die sein Leben begleiten und unauslöschlich prägen. Eine beeindruckende literarische Reflexion, die unsere Wahrnehmung der Vergangenheit verändert.

»Kulka hat ein Buch geschrieben, in dem man sich nicht orientieren kann und das einen Raum öffnet, in dem man, wenn man es gelesen hat, weiterhin leben und nachdenken und empfinden wird, dazu gibt es zu viele Fragen, zu viele Gedanken, zu viel Schmerz auch, mit dem man nicht abschließt, und eine unablässige Wahrheit, die bleibt, lange nachdem man das Buch gelesen hat. […] Kulka versucht nicht, eine Antwort auf die Frage zu geben, was Auschwitz bedeutet. Frage, Antwort, das sind wohl Kategorien, die nicht greifen in diesem Zusammenhang. Und es gibt einen Zusammenhang, auch mit uns; das ist es, was Kulka mit diesem Buch schafft, und so ist es für mich eines der wichtigsten, die ich gelesen habe.« (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

John Jeremiah Sullivan: Pulphead - Vom Ende Amerikas, suhrkamp

Kann man ganz Amerika in ein Buch packen? Geschichte und Gegenwart? Popkultur und Frömmigkeit? Glänzende Oberfläche und enttäuschte Versprechen? Mit Pulphead hat John Jeremiah Sullivan bewiesen, dass das möglich ist. In der Tradition von Meistern wie Tom Wolfe und Hunter S. Thompson verwischt er die Grenze zwischen Literatur und Journalismus, Erzählung und Reportage, Hochliteratur und Unterhaltung, Hemingway und Hollywood. Wie in einem Panoptikum entsteht aus Artikeln über Axl Rose, christliche Rockfestivals, Reality TV, die Tea-Party-Bewegung, vergessene Naturforscher und den heruntergekommenen Süden das Panorama eines Landes, das der Rest der Welt immer weniger versteht.

»Sullivan beherrscht die Kunst des suggestiven Schreibens perfekt, denn egal über welche Geschichte oder über welche Menschen er schreibt, er versteht es, einen sofort hineinzuziehen. [...] Man zieht keinen großen Erkenntnisgewinn aus den Reportagen, aber man kommt aus dem Staunen kaum heraus. Sie stehen für sich, ganz singulär, sie bereiten einem großen Genuss, und das tun sie, weil sich Sullivan nie über seinen Gegenstand erhebt und von oben herab doziert und trotzdem durchaus polemisch und gemein sein kann.« (taz)

Hendrik Wallat Oktoberrevolution oder Bolschewismus Studien zu Leben und Werk von Isaak N. Steinberg, Edition Assemblage

Isaak N. Steinberg (1888-1957) stand als linker Sozialrevolutionär und jüdischer Intellektueller im Auge des Sturms des „Katastrophenzeitalters“ (E. Hobsbawm): in der Oktoberrevolution als exponierter Konkurrent des Bolschewismus, im deutschen und amerikanischen Exil als Anwalt der verfolgten europäischen Juden. Einst unterlegen, heute vergessen, steht Steinberg für historische Alternativen von bleibender Aktualität.

»Es geht mir um grundsätzliche Fragen der Emanzipation, die nicht nur politische, sondern ‚philosophische‘ und sozialtheoretische Dimensionen aufweisen. Im Grunde folge ich hiermit dem historischen Erfahrungskern der klassischen kritischen Theorie: der Erfahrung des Scheiterns der Revolution, die es weiterhin bzw. erneut zu reflektieren gilt.« (Hendrik Wallat in einem Interview)

Shereen El Feki: Sex und die Zitadelle. Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt, Hanser

Dieses Buch wagt sich an ein Tabu: Fünf Jahre lang hat Shereen El Feki Frauen und Männer in den arabischen Ländern, vor allem in Ägypten, befragt, was sie über Sex denken und welche Rolle er in ihrem Leben spielt. El Feki schildert bewegende Schicksale, erläutert historische Hintergründe und liefert aufschlussreiche Daten. Anhand der verschiedenen Aspekte von Sexualität eröffnet sie völlig neue Einblicke in das Innenleben der sich wandelnden arabischen Welt. Sie betont, dass den Islam eigentlich eine positive Haltung zur Sexualität auszeichnet, vertritt aber zugleich die provokante These, dass ohne einen freieren, offeneren Umgang damit die politisch-soziale Entwicklung in den arabischen Gesellschaften weiterhin stagnieren wird.

»...liefert keine Analyse, ist aber eine Fundgrube für alle, die sich Zusammenhänge selber erklären können.« (konkret-literatur 38/2013)

»Zusammenfassend spricht die Forscherin von einer enormen "Heuchelei", die das Sexleben in der arabischen Region dominiere und belaste. Man sagt das eine und tut das andere, die Angst vor Entdeckung regiert. Was fehlt, sind individuelle Rechte, insbesondere für Frauen, vor allem aber Offenheit, um die Probleme zu benennen und mit der unwürdigen Heuchelei aufzuräumen.« (Deutschlandfunk)

Lee Miller: Krieg. Mit den Alliierten in Europa 1944-1945. Reportagen und Fotos, Edition Tiamat

Sie war eine der wenigen Frauen, die als Kriegskorrespondentinnen akkreditiert waren, und eine der neuen Stars des Journalismus, die plötzlich am Himmel aufgingen. Ihre Berichte und Fotos erschienen in der Vogue , denn selbst die Leser des Mode-Magazins wollten wissen, was es mit den Krauts auf sich hatte. Ihre Reportagen aus der Hölle, aus der unbekannten und fremden Welt mit dem Namen Drittes Reich gehören auch im Nachhinein zum Erhellendsten, was über Deutschland und seine Bewohner geschrieben wurde.
Dieser Band enthält zum ersten Mal alle ihre Kriegsreportagen und zahlreiche ihrer berühmten Fotos, außerdem Briefe und Artikel über das befreite Paris und ihre Gespräche mit Picasso, Cocteau, Aragon, Eluard und Colette.

»Ihr Humor, ihre Empathie und Unsentimentalität, aber auch ihr starkes Selbstbewusstsein dringt aus den Texten. Vielleicht unmittelbarer noch als die Fotos geben sie den Blick frei auf eine außergewöhnliche Frau und Künstlerin.« (Deutschlandfunk)

outside the box - Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik #4: ARBEIT

Besonderes in Form von Handwerkerinnenprotokollen und kleinen Textschnipseln zu den Herausgeberinnen und Autorinnen und der Arbeit während des Zeitungmachens, Allgemeines in Form von alles umfassenden feministisch-gesellschaftskritischen Artikeln, künstlerische Auseinandersetzungen rund um Arbeit und weibliche Subjektivität in der DDR, Diskussionen und Gespräche über Psychoanalyse und die Zurichtung und Wichtigkeit von Arbeit und natürlich vieles vieles mehr könnt ihr diesmal im Buchformat begrüßen.

»Die outside the box #4 (ist) ein Geschenk, zudem und gerade, weil sie neben wertgeschätzten Zweifeln und Unsicherheiten kluge feministische Fragestellungen und Auseinandersetzungen beschert. Was kann sich eine politische Zeitschrift mehr wünschen als ihre Leser*innen zu berühren und nebenbei das Denken und Nachdenken auch mal ins Straucheln geraten zu lassen – ohne deshalb gleich den freien Fall zu provozieren oder anspruchsvolle Unterhaltung vor politisch einwandfreiem Hintergrund zu suggerieren, wenn die Zustände entweder zum Heulen oder eher zum Schreien sind?« (Claudia Krieg, preposition.de)

Mark Fisher: Kapitalistischer Realismus ohne Alternative? Eine Flugschrift, VSA Verlag

Warum ist es einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus? Nach 1989 hat sich der Kapitalismus als das einzig realistische politische und ökonomische System dargestellt. »There is no alternative« brachte Margret Thatcher es auf den Punkt. Ein Wissen davon, dass die Dinge anders sein könnten, ist längst verloren.

Der britische Kulturtheoretiker Mark Fisher analysiert die Effekte, die dieser »kapitalistische Realismus« auf unsere Arbeit, unser psychisches Wohlbefinden, die Organisation unserer Schulen und die uns umgebende Popkultur, vom Gangster Rap bis zum Reality-TV, hat. Und er stellt eine wichtige Frage: Ist es möglich, sich eine Alternative zum Kapitalismus vorzustellen, die kein Schritt zurück zu diskreditierten Modellen staatlicher Kontrolle ist?

»Fishers bezwingend zu lesendes Buch ist einfach die beste Diagnose unseres Dilemmas, die es gibt! Mit Beispielen aus Alltagsleben und Populärkultur zeichnet er, ohne die theoretische Stringenz zu opfern, ein schonungsloses Porträt unserer ideologischen Misere ... Es ist ein ernüchternder Appell an geduldige theoretische und politische Arbeit.« (Slavoj Žižek)

Jonas Engelmann: Gerahmter Diskurs. Gesellschaftsbilder im Independent-Comic, Ventil Verlag

»Gerahmter Diskurs« zeigt anhand der Werke von Art Spiegelman, Marjane Satrapi, Charles Burns, Julie Doucet, Joann Sfar, David B. und anderen, wie aktuelle Independent-Comics über das Zusammenspiel von Inhalt und Ästhetik eine Gesellschaftsanalyse und -kritik zum Ausdruck bringen und sich mit Themen wie Rassismus, Krankheit und Religion auseinandersetzen.
Jonas Engelmann führt in die Entstehung, die Geschichte, die Ästhetik und die Theorie unabhängiger Comicproduktion ein, wirft einen Blick auf avantgardistische Comic-Experimente in Südafrika und Frankreich und die Geschichte des jüdischen Comics und schließt mit einem Plädoyer für die Loslösung des Comics von den Erwartungen bürgerlicher Kultur.

»Alleine die Auswahl zeigt, dass Engelmann sich die Crème de la Crème innovativer Comic-Kunst vorgenommen hat. Und dass auch noch ein 'Plädoyer für die Loslösung des Comics von den Erwartungen bürgerlicher Kultur' inkludiert ist, beweist, dass Engelmann sein Analyseherz am rechten Fleck hat. Nämlich dort, wo die originäre Qualität von Comics ruht – und nicht dort, wo Comics zu bebilderter Literatur zurecht gestutzt werden.« (Curt Cuisine, Skug. Journal für Musik)

Enno Stahl: Diskurspogo. Über Literatur und Gesellschaft, Verbrecher Verlag

Warum ist realistische Literatur oft nur pseudorealistisch und die sogenannte Popliteratur lediglich ein erfolgreiches Marketingprodukt?
In drei Kapiteln analysiert Enno Stahl – teils kritisch und konfrontativ, teils verwundert - die aktuel­len gesellschaftlichen Veränderungen, die Politik unserer Zeit und die (fehlende) Auseinander­setzung damit in der deutschen Gegenwartsliteratur. Er untersucht u. a. Christian Kracht, Ernst-Wilhelm Händler und Juli Zeh mit ideologiekritischer Verve, analysiert die Social-Beat-Bewegung, Poetry-Slams und die Anfänge des deutschen Punk im Ratinger Hof in Düsseldorf.
Außerdem geht es um Ausbeutung in der heutigen Arbeitswelt, von der katastrophalen Lohnsitua­tion bis hin zum Schlafentzug. Diese wird in der Gegenwartsliteratur kaum thematisiert, da Er­werbsarbeit hier keine Rolle zu spielen scheint. Demgegenüber entwickelt Stahl eine Programmatik, in der er zeitgenössisches literarisches Engagement fordert, eine Literatur, die sich den gesell­schaftlichen Aporien stellt.

Behrens/Engelmann/Peglow/Vogel (Hg.): testcard #22 Fleisch, Ventil Verlag

In der Politik, im Feuilleton, in der Philosophie – überall wird die Frage nach Fleischkonsum und Fleischverzicht heiß debattiert. »testcard« #22 mischt sich kritisch in die aktuelle Debatte ein und zeichnet nach, inwiefern das Fleisch in der Popkultur schon lange Thema ist – als Überzeugungskampf wie auch als Ausdrucksmittel.
Als Lady Gaga bei den MTV Music Awards 2010 Fleisch trägt, wird die Popbühne zum Ort der Auseinander­setzung mittels und um das Fleisch. Das Kleid hängt mittlerweile konserviert im Museum, während die Frage »Fleisch oder nicht Fleisch?« weiterhin entzweit.
»Ich liebe Würste, aber ich esse sie nicht«, sagt Jonathan Safran Foer und übt Verzicht für einen schöneren Körper und eine gesündere Zukunft. Paul McCartney hat schon in den 1960ern auf Gemüse gesetzt und die »Smile«-Ses­sions der Beach Boys mit einem Sellerie-Solo bereichert, die Smiths haben es in den 1980ern ­gesungen: »Meat is Murder«. Wer hätte damals gedacht, dass sich diese Position mal ihren Weg in die Mehrheitsgesellschaft ­bahnen würde.

»testcard« #22 analysiert, was das für die Musik, den Underground und die Kultur bedeutet. Welche Vorstellungen, Diskurse und Praktiken sind an das Fleisch geknüpft und weshalb ist das Thema gerade jetzt so wirkmächtig?

Annika Mecklenbrauck / Lukas Böckmann (Hg.) The Mamas and the Papas Reproduktion, Pop & widerspenstige Verhältnisse, Ventil-Verlag

Kinder verändern das Leben. Diese Veränderungen werden von einem breitgefächerten Angebot an ­Ratgeberliteratur begleitet, die »den richtigen Umgang« mit den Sprösslingen vorstellen, ein Bild von der perfekten Schwangerschaft bieten oder vermitteln, was Eltern brauchen, können, müssen und sollen, damit die Kleinen zu vollkommenen, gesunden und glücklichen Menschen heranwachsen können.

Abgesehen von wenigen Ausnahmen in Blogs oder Zeitschriften existiert keine Literatur, die das Thema Elternschaft in eine gesellschaftskritische Perspektive setzt. »The Mamas and the Papas« trägt Gedanken und Erfahrungen zum Leben mit Kindern zusammen und stellt die Fragen, wie sich das popkulturelle Leben durch den Nachwuchs verändert, (gefühlte) Szenezugehörigkeiten sich verschieben oder auflösen. Wissenschaftliche Beiträge und persönliche Erfahrungsberichte stehen nebeneinander und bilden unterschiedliche Stimmen ab, die sich mit dem Thema »Kinder und Elternschaft« im Rahmen von Feminismus, der »Linken« und Popkultur beschäftigen.

Das Buch umfasst Themen wie: alternative Familienbilder und -modelle, die gesellschaftliche Wahrnehmung des schwangeren Körpers, eine Diskursanalyse des Stillens, Grenzen und Möglichkeiten von Erziehung und Feminismus, Verteilung von (Reproduktions­-)Aufgaben, Muttermythen und Medizintechnik, (Kinder-)Musik und Literatur, Schule und Stadt.

Berthold Seliger: Das Geschäft mit der Musik. Ein Insiderbericht, Edition Tiamat

Jeder hört Musik, doch kaum einer weiß wirklich, wie sie zum »Produkt« gemacht wird. Dieses Buch ist eine instruktive Einführung in fast alle Facetten des Geschäfts mit der Musik. Es wird erklärt, wie das Tourneegeschäft, die Plattenfirmen, das Copyright, Sponsoring oder die Gema funktionieren, und der Autor diskutiert die aktuellen Geschäftsmodelle und befasst sich mit der Rolle der Künstler und Kulturarbeiter, aber auch mit ihrer miserablen sozialen Situation.
Doch dieses Buch ist auch eine Streitschrift für eine andere Kultur. Fast alle Bereiche des Musikgeschäfts werden heute von Großkonzernen dominiert – die Vielfalt der Kultur ist längst in Gefahr. Gleichzeitig erleben wir den Quotenterror – es zählt nur noch, was sich »verkauft«.
Die Verhältnisse werden von Monopolen und der Politik, die den »Staatspop« fördert, bestimmt. Dem setzt Seliger ein Plädoyer für eine selbstbestimmte Kunst entgegen, die nach anderen Kriterien bewertet werden sollte.

»Dass solche Analysen immer mit einem Bein in den Kulturpessimismus-Topf gestoßen werden, liegt auf der Hand, gehören sie doch zu den dezidierten Spielverderbern, die noch dazu auch all das penibel auflisten, was früher zwar auch nicht ideal, aber jedenfalls besser gewesen ist. Seligers Forderungen idealisieren daher auch kein irgendwie besseres Gestern, ihnen geht es eher um die Ermöglichung eines Zukünftigen.« (Didi Neidhart, Versorgerin)

Biko (Hg.): Kunst, Spektakel und Revolution #3 Zum Verhältnis von Kunst, Politik und radikaler Gesellschaftskritik , Katzenberg Verlag

Die meisten Texte dokumentieren den dritten Themenblock der Veranstaltungsreihe Kunst, Spektakel & Revolution, der in der ACC Galerie Weimar stattfand und sich verschiedenen Vorträgen mit den fünf menschlichen Sinnen – Tastsinn, Hören, Sehen, Riechen, Schmecken – auseinandergesetzt hat. Es geht u.a. um das problematische Verhältnis von Vernunft und Sinnlichkeit, welches für die Ästhetik zentral ist, aber auch um die Aspekte von Herrschaft, Sphärentrennung, Verdinglichung, Arbeit, Geschlechter- und Klassenverhältnis, usw.

Anselm Lenz / Alvaro Rodrigo Piña Otey (Hg.) Das Ende der Enthaltsamkeit Über Bars, Cocktails, Selbstermächtigung und die Schönheit des Niedergangs, Edition Nautilus

In sieben mysteriösen Zirkeln und unter prophetischer Mitgift von 21 trinkfesten Autorinnen und Autoren fächert die Cocktailbar »Golem« am Hamburger Fischmarkt die Welt der Spirituosen mit Humor, kritischer Distanz, historischem Bewusstsein und heiterm Wahnsinn auf:
Roger Behrens schreibt über den kulturhistorischen Hintergrund von Alkohol, Thomas Ebermann fragt sich, was Herbert Marcuse über Hedonisten dächte, gäbe es sie denn tatsächlich wie behauptet im Golem, Tino Hanekamp berichtet vom Selbstversuch ohne Saufen, Heinz Strunk stellt Trinker gegen Abstinenzler (also Gut gegen Böse), Georg Seeßlen begeistert mit dem kurzen Theaterstück »Zwei Bier – Einakter«, der Philosoph Fahim Amir wagt sich in das bisher noch recht unerforschte spannungsreiche Themenfeld Tiere und Alkohol und so manches mehr, von Clemens Hell, Kerstin Stakemeier, Hermann L. Gremliza, Armin Chodzinski, Nis-Momme Stockmann, Dirk von Lowtzow, Oline Brandes, Dennis Poser, Philipp Meier von Rouden, Xenobia von Fortaille, Hans Stützer, Oliver Bulas und einigen anderen.
Neben Praktischem – wie 16 Rezepten für exquisite Cocktails, der Anleitung für die perfekte Hausbar und illustrierten Beispielen für die Eleganz der Dekadenz – geben die Herausgeber einen Einblick in die Geheimnisse der Selbstermächtigung (oder das, was sie dafür halten).

»›Das Ende der Enthaltsamkeit‹ ist ein abgedrehtes, ein durchgedrehtes Buch, ein Buch mit mehr Umdrehungen als eine Flasche Stroh Rum. Aber ist es auch ein gefährliches Buch? Was entgegnet man all den Bedenkenträgern, die dieses Buch wie zuvor ähnliche Bücher riskant schimpfen werden und dabei auf Alkoholikerstatistiken zeigen? 
Vielleicht, dass es doch schön ist, wenn die Jugend nicht nur säuft. Sondern auch was Sinnvolles macht. Kluge Gespräche beim Saufen zum Beispiel. Und sie in ein Buch drucken.« (Spiegel-online)

Geneviève Castrée: Ausgeliefert, Reprodukt

Die Tagträumerin Goglu wächst in den 1980er und 90er Jahren bei ihrer jungen, überforderten Mutter und einem feindseligen Stiefvater auf und ist der Willkür der Erwachsenen ausgesetzt. Um sich zu schützen, schottet sich das sensible Mädchen ab und findet Zuflucht im Zeichnen und in der Musik.
Ergreifend schildert Geneviève Castrée eine Kindheit, deren Protagonistin früh lernt, erwachsener zu handeln als die Erwachsenen um sie herum. Die emotionale Zeichnung der Figuren transportiert eine unvoreingenommene, kindliche Wahrnehmung, die Schritt für Schritt die Härte der ihr entgegengebrachten Abweisung erkennt, bis hin schließlich zur selbstbewussten Abnabelung von einem unsicheren Familiengefüge.

»Wie die Zeichnerin das in einfach wirkende, ausdrucksstarke Bilder packt, wie sie die Perspektive erst eines Kindes und dann einer notgedrungen schnell erwachsen werdenden jungen Frau in Schwarz-Weiß-Bildern umsetzt, ist bemerkenswert. Ihre Zeichnungen erinnern teilweise an Kinderbücher und vermitteln eine enorme Tiefe und Ernsthaftigkeit.« (Tagesspiegel)

Rutu Modan: Das Erbe, Carlsen-Verlag

Rutu Modan ist eine israelische Comiczeichnerin, die immer wieder aktuelle Entwicklungen aus ihrem Heimatland aufgreift und in ihren Werken verarbeitet. In DAS ERBE steht eine alte Hinterlassenschaft in Warschau im Zentrum der Erzählung. Eine ältere Dame, die vor den Nazis aus Polen geflohen ist, kehrt mit ihrer Enkelin nach vielen Jahren zurück, um - vordergründig - Anspruch auf ein altes Erbe zu erheben. Doch sie hat mehr auf der Agenda als nur das, es ist für sie auch eine sehr persönliche Reise in die eigene Vergangenheit und zu einem Mann, den sie einst liebte. Auf kunstvoll leichte Weise verwebt Rutu Modan gesamtgesellschaftliche mit privaten Fragen und führt so die Geschichte zurück auf die sie konstituierenden Individuen.

»Auf der Suche sind sie alle: nach Vergangenheit, nach Enteignetem, nach einer Versöhnung mit der eigenen Biografie. Plumpe Versöhnungsgesten sind jedoch nicht Modans Anliegen, vielmehr zeigt sie in immer neuen Anläufen in der manchmal etwas überfrachteten Story die ambivalenten Gefühle angesichts von Fragen um Vergangenheit, Vergebung und Versöhnung.« (Der Freitag)

Nicolas Mahler: Der Mann ohne Eigenschaften, suhrkamp

Es gibt Bücher, die man einfach gelesen haben muss. Man weiß es und schreckt doch vor ihnen zurück. Zu gewaltig, zu anspruchsvoll, zu ehrfurchtgebietend muten sie einen an. Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften ist solch ein Romankoloss: Man grüßt ihn artig, um sich dann blitzschnell aus dem Staub zu machen. Wer sich aber an dieses Gebirge von Buch herantraut, wird bald überrascht feststellen, wie leicht und amüsant es zu lesen ist, und sich wundern, warum er sich dieses Vergnügen so lange hat entgehen lassen.

»Im Gegensatz zu den meisten Literatur-Adaptionen im Geiste der "Illustrierten Klassiker" aus den sechziger Jahren, die derzeit Konjunktur haben, ist Mahlers Version keine Zusammenfassung für Lesefaule, kein "niederschwelliges" Heranführen an die Weltliteratur, sondern eine respektlos reduzierte und höchst eigenwillige Interpretation.« (Neue Zürcher Zeitung)

Lars Fiske: Kurt Schwitters. Jetzt nenne ich mich selbst Merz. Herr Merz, Avant Verlag

Kurt Schwitters (1887-1948), der als Maler, Dichter und Werbegrafiker in beinahe allen Kunstformen aktiv war, ist ein Pioniere der Moderne. Mit dem Lautgedicht „Ursonate“ schockierte er Bourgeoisie und Dadaisten gleichermaßen, mit seinem Gesamtkunstwerk „Merzbau“ war er seiner Zeit weit voraus. Unter dem Kennwort „Merz“ entwickelte Schwitters ein dadaistisches „Gesamtweltbild“. Den „Merzbau“, eine grottenartige Collage-Skulptur mit Erinnerungsstücken, schuf Schwitters in zwanzigjähriger Arbeit in seiner Heimatstadt Hannover, im Haus seiner Eltern. Als die Nazis die Macht in Deutschland übernahmen und seine Kunst als "entartet" verfemt wurde, emigrierte er nach 1937 nach Norwegen, wo er noch zwei weitere Merz-Bauten anfertigte, bevor er 1940 weiter nach England fliehen musste.
Lars Fiske legt den Schwerpunkt seiner Erzählung auf die Jahre des Künstlers im norwegischen Exil und nutzt die radikale Skulptur des „Merzbau“ als Grundlage für die Erzählstruktur seiner Comic-Biographie.

»Vielleicht ist dies eine der interessantesten Erkenntnisse aus der Comic-Biographie, die zwangsläufig nur Schlaglichter auf Leben, Werk und Theorie des in allen Kunstformen aktiven Schwitters legen kann: Sie dokumentiert den Weg eines sich als unpolitisch verstehenden, »entarteten Künstlers« ins Exil, über Norwegen nach England; ein Weg, der aus dem bürgerlichen Künstler aus Hannover einen Weltbürger gemacht hat, einen Wurzellosen.« (Jonas Engelmann, jungle world)