buchhandlung drift

Peter Kurzeck: Übers Eis, Fischer

»Erst ein Regen- und dann ein Schneewinter. Als das Jahr 1984 anfing, nach der Trennung, hatte ich vom einen zum anderen Tag nix mehr. Auch keine Wohnung, kein Selbstbild, noch nicht einmal der Schlaf ist mir übriggeblieben. Wie es scheint, fängst du dein Leben alle paar Jahre neu und von vorn an … Kaum ist es hell, setzt der Tag sein Verhör mit mir fort. Eine Abstellkammer in einer fremden Wohnung. Ende Januar eingezogen. Ich steckte Notizzettel ein und ging meine Tochter besuchen.« – So beginnt das Buch, das erste von von Peter Kurzecks großer autobiographisch-poetischer Chronik 'Das alte Jahrhundert'. Stadt- und Zeitgeschichte, die Gegenwart, ein Buch über Deutschland. Mit Menschen, wie sie in der Literatur sonst kaum oder gar nicht vorkommen. Und das Buch soll jedem von ihnen zu seiner eigenen Sprache verhelfen.

»Als ob er in Wahrheit nie aufgehört hätte, der Krieg, schreibt Peter Kurzeck. Er ist der kaum sichtbare Unterstrom des Redeflusses. Das versteckte Trauma, das alle umtreibt. Das abgelehnte Pflichtteil, das sich dennoch durch die Generationen vererbt. Auswanderer, Flüchtlinge, Nomaden scheinen sie alle, die Kurzeck in die Inventarlisten seines Zeitalters einträgt. Außer Atem, wie vom Drehschwindel gepackt sind die Figuren, außer Atem ist die Zeit.« (Die Zeit)

Michail Bulgakow: Meister und Margarita, Galiani

Moskau um 1930: Zusammen mit seinen Gehilfen geht der Teufel um und wirbelt die Stadt mächtig durcheinander. Im Varietétheater richten sie ein heilloses Chaos an und stellen das Publikum – Bürger der Stalinzeit – mit all ihren Schwächen bloß. Die Behörden scheitern kläglich mit rationalen Erklärungsversuchen. Nur zwei Personen entgehen Schreck und Unbill: Der Meister – ein Schriftsteller, der seine Tage in der Psychiatrie zubringt – und Margarita, seine Geliebte, die sich in ihrem gutbürgerlichen Leben nach ihm sehnt.

Eine auch heute noch hochpolitische Gesellschaftssatire in einer wunderbaren Neuausgabe.

»Auf hochpoetische Weise neu übersetzt.« FAZ

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein, Aufbau-Verlag

Fieberhaft schrieb Fallada diesen, seinen letzten Roman nieder und schuf ein Panorama des Lebens der „normalen“ Leute im Berlin der Nazizeit: Nachdem ihr Sohn in Hitlers Krieg gefallen ist, wollen Anna und Otto Quangel Zeichen des Widerstands setzen. Sie schreiben Botschaften auf Karten und verteilen sie in der Stadt. Die stillen, nüchternen Eheleute träumen von einem weitreichenden Erfolg und ahnen nicht, dass Kommissar Escherich ihnen längst auf der Spur ist. – Diese Neuausgabe präsentiert Falladas letzten Roman endlich in der ungekürzten Originalfassung und zeigt ihn rauer, intensiver, authentischer. Ergänzt wird der Text durch ein Nachwort, Glossar und Dokumente zum zeithistorischen Kontext.

»Falladas Blick zieht uns in die tiefste Schwärze. Lässt selbst den letzten Funken Hoffnung fahren.« (Franz Dobler, junge welt)

»Fallada lesen macht süchtig.« (Jörg Fauser)

»Das beste Buch, das je über den deutschen Widerstand geschrieben wurde.« (Primo Levi)

Rhiannon Argo: Boi*hood, Zaglossus

"Manche Leute machen Yoga oder nehmen ein heißes Bad und ich brettere einen waghalsig steilen Hügel hinunter, auf einem gerade mal 20 mal 75 Zentimeter großen Stück Pressholz."

Turbulente Zeiten im Creamsickle, einer queeren WG im Mission-District in San Francisco.
Erzählt wird das Geschehen aus der Sicht von Georgie, der sensiblen Romantikerin, die wiederholt an gebrochenem Herzen leidet und, als sie plötzlich arbeitslos wird, für ihren neuen Job zeitweise sogar zur Femme wird. Georgies älteste Freundin Cruzer ist eine begabte Fotografin, die sich in jede Muse verliebt und sich tough gibt, aber einen weichen Kern hat. Mit von der Partie ist auch die rastlose Soda, die ständig Mädels den Kopf verdreht und im Laufe des Romans von einer "Sie" zu einem "Er" wird. Allen dreien gemeinsam ist außerdem eine Schwäche für halsbrecherische Skateboard-Manöver. Doch als die WG zwangsgeräumt werden soll, scheint die Zukunft der queeren Wahlfamilie ungewiss ...

»Es geht um Freund(innen)schaft, Sex und Politik(en), es geht um nichts weniger als Respekt und Selbstermächtigung. Rhiannon Argo erfindet Satz für Satz eine warmherzige, tragikomische Geschichte einer boi*hood (…) mit sympathischen, glaubwürdigen Figuren.« ( fiber. werkstoff für feminismus und popkultur)

Nathan Englander: Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden, Luchterhand

Die Idee zur Titelgeschichte kam Nathan Englander in Berlin, wo er 2009 ein Stipendium hatte. In der "American Acadamy", eine Villa, die ein Jude gebaut hatte und die von einem SS-Offizier beschlagnahmt wurde, in der sozusagen die ganze Geschichte Deutschlands steckt. In den acht Erzählungen geht es um den Holocaust und seine Präsenz in der Gegenwart. In der Titelgeschichte wird wie in einem Spiel, obwohl es natürlich keines ist, sondern eine ernste Auseinandersetzung, um den Gedanken gerungen: Würden Nicht-Juden heute Juden verstecken?

»Nathan Englander überrascht ständig mit Auflösungen, die den Lesers überraschen, sogar schockieren. Sein Stil ist lakonisch, sein Humor trocken. Er schildert die absurdesten Situationen nüchtern und sozusagen unbewegt. Er urteilt nicht, lässt seine Geschichten für sich selbst sprechen« (DeutschlandRadio Kultur)

»Nathan Englander ist einer der beständigsten, brillantesten, mutigsten und witzigsten Schriftsteller unserer Zeit, keine Frage, aber was ihn von allen anderen unterscheidet, ist sein tiefes Mitgefühl. Man kann sein Herz buchstäblich auf jeder Seite pochen hören.« (Dave Eggers)

Anna Enquist: Die Betäubung, Luchterhand

Der Tod eines geliebten Menschen trifft uns alle gleich. Aber jeder reagiert anders darauf: Die einen stürzen sich in die Arbeit, um sich abzulenken, andere beginnen an sich und der Welt zu zweifeln, verlieren den Boden unter den Füßen. Und so sehr wir uns auch vielleicht um eine Rückkehr zur Normalität bemühen, eine Frage bleibt: Können wir den Verlust eines geliebten Menschen wirklich jemals verwinden?
In ihrem neuen Roman erzählt Anna Enquist auf beeindruckende Weise von einer Familientragödie und von zwei Geschwistern, die auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Schmerz umgehen: indem sie ihn verdrängen und betäuben oder unablässig neu aufrühren und erneut fühlen.

»Betäubung ist Trost und Desaster. Die Folgen können unheilvoll sein. Aber auch das Aufwachen ist schrecklich, das Auftauchen in eine unbegreifliche, grausame Welt. [...] Eine deprimierende Lebenswahrheit, die hier aber so dringlich und spannend erzählt wird, dass man das Buch so verzagt wie bestens unterhalten zugleich aus der Hand legt.« (DRadio Kultur)

Edo Popović: Ausfahrt Zagreb-Süd, btb

Sie haben die 40 längst überschritten, der Krieg im ehemaligen Jugoslawien hat sie ihrer besten Jahre beraubt. Sie sind zu alt für Rock & Roll, aber zum Sterben noch zu jung. Bebas Erfolg als Schriftsteller liegt schon eine Weile zurück, er irrt alkoholselig durch sein Restleben. Seine Frau rettet sich in die virtuelle Welt und nutzt die E-Mail als Therapie-Ersatz. Sein Freund, der ehemalige Rechtsanwalt Kanceli, haust, von seiner Familie verlassen, in einer ausgeräumten Wohnung. Die Versprechen der Demokratie: für Popović´s Helden erweisen sie sich als nicht besonders überzeugend. Popović entwirft ein skurrilsympathisches Panorama jener verlorenen Generation, die im 20. Jahrhundert gesoffen hat und im 21. Jahrhundert nüchtern geworden ist.

»Edo Popović ist ein modernes Märchen über das Ende vom Krieg und die Zerrissenheit eines Landes gelungen.« (Intro)

»Der Krieg in Jugoslawien ist hierzulande fast vergessen. Dabei hat er tiefe Wunden geschlagen, die noch lange nicht verheilt sind. Daran erinnert uns Edo Popović in einer ebenso einfachen wie in ihrer düsteren Ironie eindrücklichen Sprache.« (Stadtmagazin Kreuzer)

Andreas Niedermann: Goldene Tage, Songdog Verlag

Der junge Kriminelle „Rambo Rimbaud“ berichtet über die „Goldenen Tage“, während er, inmitten der Jugendunruhen der achtziger Jahre, der Häuserbesetzungen und Straßenschlachten, unbeirrt an seinem Plan feilt, der Post jene sagenumwobene Goldladung zu stehlen, von der ihm der alternde und publikumsmüde Schriftsteller Andreas erzählt hat.
„RR‘s“ Plan ist erst einmal völlig wasserdicht. Denn wenn es daneben geht, bleibt ihm immer noch die Fremdenlegion. Aber die Hilfe des alten Mannes hat einen hohen Preis. Und was ist gewonnen, wenn er die Goldbarren hat? Und was ist mit Zora? Und der schönen, flatterhaften Denise? Und wo soll das alles hinführen? 

»Im Subtext – und dies macht den Roman zu einem Stück echter, großer Literatur – handelt Goldene Tage davon, wie man mit der Vergangenheit umgeht. Was, wenn irgendwelche im Hirn festgefressenen Ansichten über Literatur, Leben und Laster das Talent lähmen?« (satt.org)

Gerhard Henschel: Beim Zwiebeln des Häuters. Glossen und Verrisse 1992-2012, Edition Tiamat

Polemik als hohe Kunst, um sich gegen die Nervensägen in Kultur und Politik zur Wehr zu setzen.

Zum ersten Mal seit langer Zeit vereinigt ein Sammelband Henschels bleibende Texte über Margot Käßmann, Wolfgang Huber, Claudia Roth, Günter Grass, Mathias Döpfner, Slavoj Žižek, L. Ron Hubbard, Herta Müller, Kim Jong-un, Hans Küng, Alice Schwarzer, Patricia Riekel und viele andere Figuren des öffentlichen Lebens, die unsere Welt in den vergangenen zwanzig Jahren bereichert und verschandelt haben.

»Sein ganzes noch junges Leben lang hat mein Freund Gerhard Henschel nichts anderes so innig und nachhaltig und aufopferungsvoll und durchaus nicht karrierefördernd getan wie das Aufdecken von Schleim und Schleimfiguren«, schrieb Eckhard Henscheid 1996. Dieser Tätigkeit ist Henschel bis heute treu geblieben.

 

 

Lukas Jüliger: Vakuum, Reprodukt

Es sind die ersten Sonnenstrahlen des Sommers: Ein Junge langweilt sich. Erst als ein Mädchen auf ihn zukommt, scheint das Leben mit einem Mal interessant. Sie verbringen Zeit miteinander, die Welt wird verwirrend. Plötzlich erschüttet eine Tragödie die Stadt – ein junger Mensch stirbt. Als die beiden sich auf seine Spuren begeben, ahnen sie bald, dass es nicht nur ihre Schulzeit ist, die gerade zu Ende geht…
In seiner mitreißenden Erzählung um eine Gruppe von Teenagern geht Lukas Jüliger der Verunsicherung und diffusen Angst nach, die jenes Alter prägen. Dabei bettet er das vermeintlich alltägliche Geschehen in eine surreale, teils bedrückende Welt voller Geheimnisse ein.

»Dass man nur in der Jugend – für den Arbeitszwang weitgehend zu jung, für die Lügen der Lehrer und Eltern zu alt – die Zeit besitzt, an den Widersprüchen des Lebens geduldet zu verzweifeln, ruft diese Perle unter den hiesigen Comicproduktionen ziemlich radikal ins Gedächtnis zurück.« (Sven Jachmann, satt.org)

Antonio Altarriba/Kim: Die Kunst zu fliegen, Avant Verlag

2001 beging Antonio Altarribas Vater Selbstmord und zog damit einen Schlussstrich unter ein Leben, das er als ziellos und vergeblich empfand. Wie viele andere seiner Generation hatte er alles daran gesetzt, aus den Trümmern der Weltkriege eine gerechte Welt zu bauen und dem Unrecht zu entfliehen. Aber die Geschichte hat es immer schon verstanden, Träumern die Flügel zu stutzen...

Durch die Augen seines Vaters lässt uns Altarriba das spanische Jahrhundert durchleben: das Leid, das der Bürgerkrieg und später die Deutschen über das Land gebracht haben, Exil, Widerstand und das Leben in den Lagern, die Franco-Diktatur und ihr Ende, der wirtschaftliche Aufschwung und das Aufblühen der Demokratie. Altarriba erzählt eine unwahrscheinlich persönliche und zugleich universelle Geschichte über das Erinnern in einem Land, das wie kein zweites versucht, zu vergessen und zu verdrängen.