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Nella Larsen: Seitenwechsel, Dörlemann

Irene Redfield flieht vor der Hitze eines heißen Sommertages ins Dachrestaurant des Drayton Hotels in Chicago. Sie traut ihren Augen kaum, als sie hier ihre Freundin aus Kindertagen wiedertrifft. Clare Kendry ist nach dem frühen Tod ihres Vaters bei weißen Verwandten aufgewachsen und der Kontakt zwischen den Freundinnen abgerissen.
Zwei Jahre später zieht Clare nach New York und meldet sich bei Irene, die in Harlem lebt, während Clare in der Welt der Weißen zu Hause ist. Clare ist mit einem Rassisten verheiratet, der nicht auch nur entfernt von ihrer schwarzen Herkunft ahnt. Zudem beunruhigt Irene mehr und mehr, daß Clare eine magische Wirkung auf ihren eigenen Ehemann zu haben scheint. Clare, die Wanderin zwischen den Welten, liebt die Gefahr und das Spiel mit dem Feuer – und droht ständig, sich zu verbrennen.

»Der Roman, der nun unter dem Titel Seitenwechsel in deutscher Übersetzung erschienen ist, schildert den vergeblichen Versuch, unsichtbar zu werden und zu verschwinden – ein Thema, das sich durch das Werk und die Biographie Larsens zieht.« (Jonas Engelmann, Jungle World)

»Von feiner Ironie durchzogen erzählt Nella Larsen diese Geschichte, in der Klassenunterschiede oder Vorurteile leicht angespielt werden. Sie zeigt, wie Normen durch Sprache transportiert werden. Gleichzeitig entsteht eine Atmosphäre wachsenden Unbehagens, unterfüttert mit der sozialen Sprengkraft der Rassenverhältnisse und der daraus erwachsenden Unaufrichtigkeit.« (Barbara Wahlster, WDR3)

Richard Price: Clockers, S.Fischer Verlag

Clockers - das sind schwarze Dealer, die weiße Klientel 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche beliefern. Hier im Slum, wo die Welt rau ist, steht die Polizei aggressiv daneben, die Stadt resigniert. Bis sich die Spannung wieder in einer Explosion entlädt. Spike Lee hat diesen Roman mit Harvey Keitel verfilmt hat. Er bildet den Grundriss für die gefeierte Fernsehserie "The Wire".

»Richard Price entwirft in seinem Roman das Soziogramm einer verlorenen Gesellschaft, zeigt den „Kreislauf der Scheiße“, in dem das Dealen für einen Schwarzen die einzige Chance ist, zu Geld, Respekt und Anerkennung zu kommen. Ungeheurer authentisch und detailliert  leuchtet er diesen nach ganz eigenen Regeln funktionierenden Kosmos aus Straßendealern, Junkies, bestechlichen Cops und Bewährungshelfern aus, zeigt das nahtlose und unbarmherzige Nebeneinander von Kindheit, Gewalt und krimineller Karriere.« (CULTurMAG)

»Richard Price hat mit diesem Werk keinen herkömmlichen Kriminal- oder Spannungsroman geschrieben, sondern eine Milieustudie über das Dasein im Unterbauch einer amerikanischen Großstadt, in der die Polizei wie eine Besatzungsmacht auftritt, mit der sich die Ghettobewohner einen steten Guerillakampf liefern. Man muss sich reinbeißen in dieses Buch mit seinen vielschichtigen Erzählebenen und seinem zahlreichen Personal, dem Elend und der Trostlosigkeit, die hier geschildert werden« (DRadio Kultur)

Leslie Feinberg: Stone Butch Blues, Krug & Schadenberg

Buffalo, N.Y., eine Industriestadt in den sechziger Jahren. Hier verbringt Jess Goldberg ihre Kindheit und Jugend. Jess ist ein Mädchen, doch sie sieht aus wie ein Junge. Mit 15 hält sie es daheim nicht mehr aus. Sie haut ab. Sie sucht sich einen Job. Die Bar Abba’s bietet Jess eine Heimat – eine bunte Gemeinschaft von Butches und Femmes, von Huren und Drag Queens, von Schwarzen und Weißen. Eine Gemeinschaft, die nicht ungefährlich lebt. In den brutalen Razzien der Polizei erreicht der gesellschaftliche Hass auf alle, die anders sind, seinen Höhepunkt. Überleben fordert stete Wachsamkeit, Stärke und enormen Mut. Rückhalt findet Jess in ihrer Community. Und bei ihrer großen Liebe: Theresa.

»Wenn Sie Ihre eigene sexuelle Identität bislang für einen unveränderbaren Zustand hielten, sind Sie sich nach der Lektüre dieses Romans womöglich nicht mehr ganz so sicher.« (Tagesspiegel)

Ruth Liepman: Vielleicht ist Glück nicht nur Zufall. Erzählte Erinnerungen, edition fünf

Sie war Jüdin, Kommunistin und Widerstandskämpferin. Unerschrocken kämpfte sie für politisch Verfolgte, überstand zwei Weltkriege, gefährliche Jahre im Untergrund. Und sie liebte die Literatur: Nach Kriegsende setzte sich Ruth Liepman als literarische Agentin für »ihre« Autoren aus aller Welt ein. Erst mit 83 Jahren ließ sich die Grande Dame des Literaturbetriebs dazu bewegen, ihre Lebensgeschichte aufzuzeichnen. Ihre Erinnerungen, ohne Eitelkeit und mit viel Aufrichtigkeit geschildert, umspannen fast ein ganzes Jahrhundert.

»Ruth Liepmans Glück davonzukommen, Exil und Untergrund in Holland eingeschlossen, ist wirklich nicht nur Zufall, sondern auch Mut und Verstand.« (Welt online)

Peter O. Chotjewitz, Jürgen Roth: Mit Jünger ein' Joint aufm Sofa, auf dem schon Goebbels saß, Büchse der Pandora

Im Herbst 2010 erteilte der Verlag dem Frankfurter Schriftsteller Jürgen Roth den Auftrag, die Lebenserinnerungen des bereits schwer erkrankten Peter O. Chotjewitz auf dessen Wunsch hin aufzuzeichnen, zu redigieren und herauszugeben. Aus mehr als 60 Stunden der so aufgezeichneten Schilderungen entstand im Laufe der folgenden Monate dieses Buch. Die Transkriptionen hatte Peter O. Chotjewitz vor seinem Tod im Dezember 2010 noch gegengelesen und korrigiert. Über das Projekt sagte er in einem letzten Interview (mit Florian Neuner): »Ich habe eine Éducation sentimentale geschrieben, eine Darstellung, wie Gefühle - meine Gefühle - im Laufe der Jahrzehnte mich verändert haben. Wie sie entstanden sind, worauf sie gerichtet waren und welchen impact sie dann gehabt haben. Es ist auch ein Buch ein wenig über das Kiffen und das Saufen, weil logischerweise da auch ein großer Teil der Gefühle entstanden ist und auch wiederum reinvestiert worden ist.« In den Aufzeichungen selbst hinerließ er den späteren Lesern: »Ihr werdet, falls Ihr mal meine Bücher lesen solltet, feststellen, daß sich vieles, was ich geschrieben habe, in irgendeiner Weise aus meiner Biographie ableitet. Das braucht deshalb nicht zu stimmen, es stimmt fast nie, daß sich die Dinge so ereignet haben, wie ich sie dargestellt habe, oder daß sie sich überhaupt ereignet haben, aber der biographische Bezug wäre sehr häufig feststellbar, wenn Ihr mein Leben in jeder Sekunde kennen würdet.«
Die Lebenserinnerungen von Peter O. Chotjewitz sind gleichzeitig eine Schilderung der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland aus der besonderen Perspektive des vielseitigen Autors, engagierten Anwalts, politischen Schriftstellers und parteiergreifenden Zeitzeugen. Einmalig sind die Schilderungen und Beurteilungen des bundesrepublikanischen Kulturbetriebs, wie er ihn aus der ersten Reihe der Ereignisse heraus kennengelernt hat.

Martin Büsser: Music is my Boyfriend. Texte 1990–2010, Ventil Verlag

versammelt ausgewählte Texte Martin Büssers aus den letzten 20 Jahren, journalistische, essay­istische und literarische. Der Band zeigt die ­Entwicklung von einem nie auf Effekte und Beliebigkeit ­zielenden Musikjournalisten hin zu einem Autoren, der trotz begründeter Zweifel an der Pop­kultur als wich­tiger Impulsgeberin für gesellschaftliche ­Veränderungen festhielt.
Das Buch führt vor Augen, welche Lücke Martin Büsser, der im September 2010 im Alter von 42 Jahren ­verstarb, im deutschen Kulturbetrieb hinterlässt. Er hat den Ventil Verlag mitgegründet und als Herausgeber und Redakteur über 15 Jahre die Zeitschrift ­»testcard« geprägt. ­Darüber hinaus hat er sich als Kunst-, Literatur-, Film- und Musikkritiker einen Namen gemacht und arbeitete als Zeichner und Musiker.

»Music is my Boyfriend« zeigt Martin Büsser nicht als geborenen Bescheidwisser, sondern als Herausfindenwoller, als jemanden, der brillant kommentiert, aber auch sucht und irrt.« (Missy Magazine)

»Was an Pop interessant war, darüber hat Martin Büsser geschrieben. ›Music is my boyfriend‹ ist damit ein kritisches Popgeschichtsbuch der letzten zwanzig Jahre geworden – ein Erinnerungsbuch im allgemeineren Sinn. Und nebenbei ein wunderbares Beispiel editorischer Dramaturgie.« (Beatpunk Webzine)

Insa Wilke: Ist das ein Leben. Der Dichter Thomas Brasch, Matthes & Seitz

Insa Wilke beleuchtet in diesem ersten biografischen Essay über Thomas Brasch die Schnittstelle von Leben und Arbeiten und ermöglicht so einen neuen Blick auf die Bedeutung seines Werkes für unsere Zeit. Auf Grundlage umfangreicher Nachlassmaterialien zeichnet sie einen bisher unbeachteten Schreib- und Denkversuch nach, der von der historischen Zäsur 1989 auf das 21. Jahrhundert ausstrahlt. Wilkes Untersuchung zeigt, dass Brasch im Spiegel von Dichterfiguren wie Brecht und Babel, Johnson und Musil, Heym und Wolf die Grenzen zwischen Leben und Arbeiten, Ästhetik, Politik und Biografie aufhebt und so die Leser in ein wildes Denken zieht.

Brasch, der derzeit auch als Filmemacher wiederentdeckt wird, ist eine singuläre Gestalt der deutschen Literatur unserer Zeit. Über deren Zwiespältigkeit sagt er: »Jeder Mensch hat zwei Herzkammern. Die eine will weg und will ein Anarchist sein. Und die andere will geborgen sein.«

»Braschs Werke reich und breit zitierend, aber sehr frei in einem angenehmen essayistischen Ton kommentierend, gelang es Insa Wilke, eine [...] bemerkenswert ›unakademische‹ Doktorarbeit zu schreiben. [...] Es ist zu wünschen, dass ihre von Matthes & Seitz Berlin wie gewohnt vorzüglich gestaltete Monographie ein neues literarisches Interesse an Thomas Braschs Dichtung weckt.« (Deutschlandradio Kultur)

Eva Illouz: Warum Liebe weh tut, suhrkamp

Warum tut Liebe weh, jedenfalls gelegentlich? Was fasziniert uns noch heute an Figuren wie Emma Bovary oder Heathcliff und Catherine, den unglücklich Liebenden aus Emily Brontës »Sturmhöhe«? Und vor allem: Was unterscheidet uns von ihnen? Gibt es einen Unterschied zwischen dem Liebeskummer zu Zeiten Jane Austens und der Art und Weise, wie wir ihn heute erfahren und damit umgehen?
Eva Illouz zeigt, inwiefern der Liebesschmerz wesentlich von den gesellschaftlichen Bedingungen der jeweiligen Zeit geprägt wird und keineswegs ein rein individuelles Problem ist, wie uns etwa Beziehungsratgeber weismachen wollen. Das Leiden an der Liebe ist ein soziologisches Phänomen, das Illouz untersucht wie einst Marx die Ware im Kapitalismus: in Begriffen des Tauschs zwischen ungleichen Marktteilnehmern. In sechs Kapiteln entfaltet sie die Ursachen zeitgenössischen Liebesleidens sowie die Spezifika des heutigen Umgangs mit Beziehungskrisen. Die digitalen Heiratsmärkte spielen dabei ebenso eine Rolle wie die neuen Mechanismen der Partnerwahl und der strategische Umgang mit der romantischen Vorstellungskraft.

»Warum Liebe weh tut schlägt viele Schneisen durch das Dickicht moderner Liebe und gibt überzeugende Erklärungen für die Verunsicherung und Orientierungslosigkeit der hochreflektierten und autonomen Individuen spätmoderner Prägung. Das ist natürlich eine Kränkung, aber im Vergleich mit dem ambivalenten und verwirrenden Krängungspotential spätmodernen Liebeskummers, ist es eine aufschlussreiche und erkenntnisreiche Kränkung.« (Cordula Bachmann, Jungle World)

Oliver Decker: Der Warenkörper. Zur Sozialpsychologie der Medizin, zu Klampen! Verlag

Die Ökonomisierung erfasst den menschlichen Körper, er wird zur Ware.
Am deutlichsten ist das in der modernen Medizin. Sie braucht den Körper als Ressource, ob in der Stammzellforschung oder der Organtransplantation. So wird der menschliche Körper und werden seine Teile zum Handelsgut.
Das war der Körper im historischen Umbruch zur Moderne schon einmal: Der ganz Europa erfassende Reliquienhandel machte menschliche Körperteile zum begehrtesten Handelsgut – und zum Heilsgut. Mit dieser Vorgeschichte wird auf einen Schlag sichtbar, dass der Griff nach dem menschlichen Körper keine ökonomische Landnahme ist: Waren-Gesellschaft und moderne Medizin verbindet mehr, als sie an ihrer Oberfläche zu erkennen geben.
Der für die Psychoanalyse Freuds und für die Theorie Marx’ so zentrale Begriff des Fetischismus wirft ein Licht auf den »theologischen Glutkern« (Adorno) von kapitalistischem Markt und moderner Medizin. Die »untergründige Geschichte des Körpers« (Horkheimer/Adorno) ist an zentraler Position in einer Dialektik der Aufklärung.

Sarah Glidden: Israel verstehen in 60 Tagen oder wenige, Panini Comics

Die US-amerikanische Comicautorin und Journalistin Sarah Glidden nimmt 2007 erstmals an einer organisierten Reise nach Israel für junge Erwachsene jüdischer Herkunft teil. Da diese teils staatlich finanziert ist, erwartet Sarah eine Propagandatour und hat sich mit ausgiebiger Recherche im Voraus gewappnet. Doch als sie ankommt, geraten ihre Vorstellungen durch echte Begegnungen und komplexe Lebensgeschichten ins Wanken.

Sarah Glidden nimmt uns mit auf eine Reise nach Tel Aviv, Jerusalem und auf die Golanhöhen. Dabei geraten ihre Erlebnisse vor Ort immer wieder in Konflikt mit ihren Erwartungen. Mit einer guten Portion Selbstironie und scharfem Verstand lässt uns die Autorin an der Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Herkunft und dem höchst aufgeladenen Nahostkonflikt teilhaben.

Martina Lenzin: rpm, Reprodukt

Post-Punk: Do-It-Yourself und Arbeit im Kollektiv… Die Achtzigerjahre, der beginnende Ausverkauf des No-Future-Punks in einem von Maggie Thatcher regierten Großbritannien. Tin ist enttäuscht von der seelenlosen Massenware der Medienkonzerne und auch von der Ideenlosigkeit, mit der die Subkultur ihr begegnet. Er sucht nach Alternativen, startet ein Fanzine und plötzlich bietet sich die Möglichkeit, eine Band zu produzieren und ein Musiklabel zu gründen…

Martina Lenzin nimmt in “rpm” die Post-Punk-Bewegung als Projektionsfläche, um sich mit Fragen zu beschäftigen, die im Zeitalter einer auf den Kopf gestellten Musikindustrie nichts von ihrer Aktualität verloren haben