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Annie Ernaux: Die Jahre , suhrkamp

Kindheit in der Nachkriegszeit, Algerienkrise, die Karriere an der Universität, das Schreiben, eine prekäre Ehe, die Mutterschaft, de Gaulle, das Jahr 1968, Krankheiten und Verluste, die so genannte Emanzipation der Frau, Frankreich unter Mitterrand, die Folgen der Globalisierung, die uneingelösten Verheißungen der Nullerjahre, das eigene Altern. Anhand von Fotografien, Erinnerungen und Aufzeichnungen, von Wörtern, Melodien und Gegenständen vergegenwärtigt Annie Ernaux die Jahre, die vergangen sind. Und dabei schreibt sie ihr Leben - unser Leben, das Leben - in eine völlig neuartige Erzählform ein, in eine kollektive, »unpersönliche Autobiographie«.

»Ein faszinierendes Panorama der französischen Gesellschaft, beginnend in den fünfziger Jahren, in einer dezenten poetischen Sprache, die den Leser nicht los lässt. Annie Ernaux versteht es, Erinnerungen zu wecken, die längst verschüttet schienen.« (Klaus Bittermann, taz)

Manja Präkels: Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß, Verbrecher Verlag

Landleben zwischen Lethargie und Lebenslust. Mimi und Oliver sind Nachbarskinder und Angelfreunde in einer kleinen Stadt an der Havel. Sie spielen Fußball miteinander, leisten den Pionierschwur und berauschen sich auf Familienfesten heimlich mit den Schnapskirschen der Eltern. Mit dem Mauerfall zerbricht auch ihre Freundschaft. Mimi sieht sich als der letzte Pionier – Timur ohne Trupp.
Oliver wird unter dem Kampfnamen Hitler zu einem der Anführer marodierender Jugendbanden. In Windeseile bringen seine Leute Straßen und Plätze unter ihre Kontrolle. Dann eskaliert die Situation vollends …
Manja Präkels erzählt in ihrem Debütroman vom Verschwinden der DDR in einem brandenburgischen Kleinstadtidyll, dem Auftauchen verloren geglaubter Gespenster, von Freundschaft und Wut.

»Präkels beschreibt mit zunächst lakonischen, dann zunehmend düsteren Worten die Atmosphäre "zwischen Euphorie und Niedertracht" in einer Zeit, in der der Schritt vom kollektiven Glückstaumel über die neuen Westklamotten hin zu einem sich in Hass und Brutalität entladenen Nationalismus nur all zu klein war. [...] Verstörend – und sehr gelungen.« (Jana Sotzko, Missy Magazin)

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex, KiWi

Erzählt wird die Geschichte von Vernon Subutex und seinem rasanten sozialen Abstieg. Mit seinem Plattenladen hat er Pleite gemacht und steht nun auf der Straße. Weil er sich und der Welt sein Scheitern nicht eingestehen will, nimmt er Zuflucht zu einer Notlüge, die es ihm ermöglicht, sich übergangsweise reihum bei seinen alten Freunden einzuquartieren, die er zum Teil seit Jahren nicht gesehen hat. So entsteht ein vielstimmiges Panorama einer Gesellschaft am Abgrund. Man begegnet den ganz normal Gescheiterten, den scheinbar Erfolgreichen, den Schrillen und den Durchgeknallten. Despentes erspart ihren Figuren nichts, lässt kein gesellschaftliches Thema unberührt, die Islamismusdebatte ebensowenig wie den Aufstieg der Rechten. So gelingt ihr ein beeindruckender literarischer Rundumschlag, ungestüm und trotzdem humorvoll, in dem jedes Wort sitzt, jeder Satz nachhallt.

»Furios und psychologisch genau. [...] Die Geschichte des sozialen Abstiegs des Plattenladenbesitzers Vernon Subutex ist Porträt einer ganzen Generation und Dokument einer sozioökonomischen Zeitwende.« (Tania Martini, taz)

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich, suhrkamp

Sie sind zu zweit, von Anfang an, die Zwillinge Alissa und Anton. In der kleinen Zweizimmerwohnung im Moskau der postsowjetischen Jahre verkrallen sie sich in die Locken des anderen, wenn die Eltern aufeinander losgehen. Später, in der westdeutschen Provinz, streunen sie durch die Flure des Asylheims, stehlen Zigaretten aus den Zimmern fremder Familien und riechen an deren Parfumflaschen. Und noch später, als Alissa schon ihr Mathematikstudium in Berlin geschmissen hat, weil es sie vom Boxtraining abhält, verschwindet Anton spurlos. Irgendwann kommt eine Postkarte aus Istanbul – ohne Text, ohne Absender. In der flirrenden, zerrissenen Stadt am Bosporus und in der eigenen Familiengeschichte macht sich Alissa auf die Suche – nach dem verschollenen Bruder, aber vor allem nach einem Gefühl von Zugehörigkeit jenseits von Vaterland, Muttersprache oder Geschlecht.

»Beim Lesen dieser 350 wilden Seiten begreift man immer wieder, dass Identität nichts Festes, vielmehr etwas Fließendes ist, das es zu hinterfragen gilt. Was diesen Roman so stark macht: Mit großer Leichtigkeit, Sprunghaftigkeit und auch Spielfreude schreibt er darüber, wie viel Mut es zu einer solchen Verwandlung braucht. "Außer sich" ist ein kraftvolles Buch, das gegen alles anbrüllt, was Angepaßtsein bedeutet.« (Elke Schlinsog, DLF Kultur)

Dietmar Dath: Der Schnitt durch die Sonne, S.Fischer

Sechs Menschen werden zusammengerufen, um zur Sonne zu reisen: eine Schülerin, ein Koch, ein Finanzberater, eine Mathematikerin, ein Gitarrist und eine Pianistin. Sie erfahren, dass es dort eine Zivilisation gibt, die anders ist als alles, was Menschen kennen. Mit neuen Körpern sollen sie drei große Aufgaben bewältigen und geraten dabei zwischen die Fronten eines gewaltigen Konflikts.
»Der Schnitt durch die Sonne« steht in der Tradition von H.G. Wells, Stanisław Lem und Arno Schmidt. Ein abenteuerlicher, philosophischer und politischer Roman, der sich den drängenden Fragen unserer Gegenwart stellt.

»Was Dath in seinen Romanen macht, ist nicht weniger, als eine Vorstellung davon aufrecht zu erhalten, was die deutschsprachige Literatur sein könnte, wenn sie sich denn tatsächlich mal dazu entschließen würde, auf der Höhe ihrer Mittel und ihrer Theoriegeschichte unterhaltsam zu sein und auf irgendwas Wirkliches hinauszuwollen. Es ist keine Mühe, diesen Figuren folgen zu wollen, und wir erkennen sowohl identifikatorisch als auch distanziert-theoretisch (dh. in Bezug auf die soziale Wirklichkeit, die wir bewohnen), warum uns, was sie erleben, etwas angeht. « (Stefan Schmitzer, Fixpoetry)

Zoë Beck: Die Lieferantin, suhrkamp

London, in einer nicht wirklich fernen Zukunft: Ein Drogenhändler treibt tot in der Themse, ein Schutzgelderpresser verschwindet spurlos. Ellie Johnson weiß, dass auch sie in Gefahr ist – sie leitet das heißeste Start-up Londons und zugleich das illegalste: Über ihre App bestellt man Drogen in höchster Qualität, und sie werden von Drohnen geliefert. Anonym, sicher, perfekt organisiert.Die Sache hat nur einen Haken – die gesamte Londoner Unterwelt fühlt sich von ihrem Geschäftsmodell bedroht und will ›Die Lieferantin‹ tot sehen. Ein Kopfgeld wird auf sie ausgesetzt. Ellie beschließt zu kämpfen – ihre Gegner sind mächtig, und sie lauern an jeder Straßenecke.

»Sicher mit Blick fürs Detail, aber vor allem pointiert, lakonisch, ja minimalistisch entfaltet die Autorin eine Welt, aus der jeglicher sozialer Kitt herausgebröckelt ist, aus der Freundschaft und Liebe emigriert sind – eine Welt, in der wir leben werden. Wenn wir nicht aufpassen.« (Anne Kuhlmeyer, CulturMag)

Didier Eribon: Gesellschaft als Urteil, suhrkamp

Eribons Rückkehr nach Reims gilt bereits heute als Klassiker der Zeitdiagnose. In seinem neuen Buch greift er viele Themen des Vorgängers wieder auf und vertieft seine Überlegungen zu zentralen Fragen. Die Gesellschaft weist uns Plätze zu, sie spricht Urteile aus, denen wir uns nicht entziehen können, sie errichtet Grenzen und bringt Individuen und Gruppen in eine hierarchische Ordnung. Die Aufgabe des kritischen Denkens besteht darin, diese Herrschaftsmechanismen ans Licht zu bringen. Zu diesem Zweck unternimmt Eribon den Versuch, die Analyse der Klassenverhältnisse sowie der Rolle zentraler Institutionen wie des Bildungssystems auf eine neue Grundlage zu stellen. Nur indem wir uns den Determinismen stellen, die unser Leben regieren, können wir einer wahrhaft emanzipatorischen Politik den Weg bereiten.

»Eine radikale Selbst-Introspektion, der Versuch, die eigene Scham zu überwinden, indem man sie offenlegt. Das Buch ist diesmal mehr eine Darstellung seiner Emanzipation durch die Literatur, es ist deshalb theoretischer, allgemeiner. Eribon begeht jedoch nicht den Fehler, auf dem Plateau der Abstraktion zu verharren, sondern er bindet seine Generalisierungen immer wieder an das konkrete Leben zurück. An seines und das seiner Familie, aber auch an das der von ihm verehrten und diskutierten Autorinnen und Autoren, unter anderem Simone de Beauvoir, Jean Paul Sartre und Annie Ernaux.« (Oliver Nachtwey, Süddeutsche Zeitung)

Bini Adamczak: Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende, suhrkamp

Im Oktober 2017 jährte sich die Russische Revolution zum 100. Mal. Anlass genug, die Ereignisse von 1917 durch das Prisma 1968 zu betrachten und beide Revolutionen in ein Verhältnis wechselseitiger Kritik zu bringen. Während 1917 auf den Staat fokussierte, zielte 1968 auf das Individuum. In Zukunft müsste es darum gehen, die »Beziehungsweisen« zwischen den Menschen in den Blick zu nehmen. Das Buch analysiert die revolutionären Geschlechterverhältnisse als Verhältnisse, die zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, »Nahbeziehungen« und »Fernbeziehungen« geknüpft sind – das Geschlecht der Revolution. So tritt ein Begehren zutage, das nach wie vor seiner Realisierung harrt: das Begehren nach gesellschaftlichen Beziehungsweisen der Solidarität.

»Beim Lesen dieses Buches fühlte ich mich "theoretisch zu Hause" wie lange nicht: Endlich sind mal linke und feministische Basics gleichermaßen selbstverständliche Grundlage der Argumentation. Und nicht nur das, auch der Anarchismus, der in Bezug auf "Beziehungsweisen" oft hellsichtiger war als der Marxismus, ist dabei. [...]. Und gleichzeitig erfährt man viel Interessantes über die Revolutionen, speziell über die von 1917. Dazu ist das Buch noch streckenweise regelrecht amüsant zu lesen, wenn auch nicht leicht.« (Antje Schrupp, Der Standard)

Mark Fisher: Das Seltsame und das Gespenstische, Edition Tiamat

In den letzten, vor seinem Selbstmord geschriebenen Essays begibt sich Mark Fisher auf die Spur zweier eigentümlicher Affekte, dem Seltsamen und dem Gespenstischen. Eng verbunden und doch getrennt, stellen beide das Verhältnis von Innen- und Außenwelt infrage, heften sich an das Eigenartige und Unbekannte, bedrücken, ohne Angst zu erregen, faszinieren und verstören zugleich.
Mark Fisher findet das Seltsame und Gespenstische in der unheimlichen Unterströmung des 20. Jahrhunderts: den Filmen David Lynchs, Stanley Kubricks und Andrei Tarkovskys, der phantastischen Literatur H.P. Lovecrafts und H.G. Wells oder den Erzählungen Margaret Atwoods. In den Genres wie Horror und Science Fiction geht Fisher der Frage nach: Was genau ist das Seltsame und das Gespenstische?

»Horror, Science-Fiction, Post-Punk: Für den Kulturtheoretiker Mark Fisher manifestiert sich in diesen Genres ein Unbehagen gegenüber dem Spätkapitalismus. […] Sein letztes Buch ist ein subtiles, nachdenklich machendes Vermächtnis eines der eindrücklichsten Denker der zeitgenössischen Kulturtheorie. Mark Fisher, er wird weiter fehlen.« (Tabea Grzeszyk, Deutschlandfunk Kultur)

testcard - Beiträge zur Popgeschichte #25: Kritik, Ventil Verlag

Kritik – wozu eigentlich (noch)? Sind doch eh alle kritisch. Alle sind kreativ. Die Vorstellungen von Subversion, Dissidenz und symbolischem Widerstand wurden wie alle kulturellen Strategien der Kritik nivelliert, liquidiert, optimiert, funktionalisiert, integriert, kommuniziert, auf Displaynorm gebracht. Pop ist die allgegenwärtige Matrix allgegenwärtiger kritischer Kritik. Kritik ist Reklame. Pop ist Reklame. Und Reklame ist Reklame.
Zeit für eine Grundsatzdebatte! Also: Es geht um die Möglichkeit wirklicher Kritik! Und um deren Sprechort. Die Frage nach ihrem Ort ist nicht nur eine theoretische, sondern auch eine praktische: Welchen Ort stellt die testcard dar, und was ist der Ausgangspunkt ihrer Kritik? Der kategorische Imperativ? Der Kantische, der Marxsche oder Adornos? Das bessere Leben? Der Hedonismus oder der Pursuit of Happiness? Die Utopie einer klassenlosen Gesellschaft? Oder die einer Räterepublik der Wesen und der Dinge? Das Paradies der Poplinken als paradoxe Symbiose aus Gerechtigkeit, Respekt und Verantwortung einerseits sowie Hedonismus, Verschwendung und schöner Indifferenz anderseits? Und: Was kritisieren wir? Und: Mit welchen Wertmaßstäben? Und: Wer sind wir, die wir kritisieren? In welcher Art äußern wir das? Wer hat uns den Auftrag dazu gegeben? Und was wollen wir mit dieser Kritik bewirken? Welche Reichweite hat sie, hat Popkritik überhaupt, wenn doch alles Pop ist, und alles Kapitalismus (also: alles auch irgendwie völlig zu Recht kritisierbar)?

Beatrix Langner: Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken, Matthes & Seitz

Um sie wurden Kriege geführt, sie wurden besungen, bedichtet, für sie stürzt man sich in den Bankrott oder in den Tod: Seit jeher beherrschen Frauen die Gedankenwelt der Männer. Doch sobald sie selbst dachten, wurden sie der Welt verwiesen. Trotz Jahrzehnten der Emanzipation ist heute kaum etwas provozierender als Frauen, die denken und dieses Denken ganz unverblümt in Einfluss, gar Macht ummünzen wollen. Noch immer begegnet man denkenden Frauen verdammend oder idealisierend, immer aber exotisierend – oder sie gelten gleich als geschlechtslose Wesen. In ihrer scharfzüngigen kulturgeschichtlichen Tour d’ Horizon erzählt Beatrix Langner die Geschichte der Aussperrung weiblicher Geisteskraft. Sie zeigt dabei aber auch, dass sich Frauen seit Jahr und Tag mit den heute erinnerten – ausschließlich männlichen – Denkern messen konnten, und stellt die unbequeme Frage, warum sie sich immer wieder mit der Rolle als Heilige, Muse oder Hure begnügten, sodass heute wie eh und je die Meinung herrscht: Männer schaffen Werke, Frauen arbeiten an sich.

»Es ist ein mit scheinbar leichter Hand und großem Rechercheaufwand geschriebener Essay [...]. Beatrix Langner erzählt die Geschichte der Verleugnung oder Bekämpfung weiblichen Geistes überaus geistreich und nicht unkritisch, was die Wirksamkeit des Feminismus angeht. Ein Buch, über das sich zu streiten lohnt.« (Annett Gröschner, piqd)

Thomas Edlinger: Der wunde Punkt. Vom Unbehagen an der Kritik suhrkamp

Kritik ist Volkssport. Jeder kritisiert jeden – im Wirtshaus, im Internet, an der Universität. Gleichzeitig werden die Defizite der Kritik kritisiert. Sie greife zu kurz oder gehe zu weit, sei autoritär, dekorativ oder schlicht wirkungslos. In Anlehnung an Jean-Luc Godard könnte man sagen: »Kritik ist nicht die Beurteilung der Wirklichkeit. Kritik ist die Wirklichkeit der Beurteilung.«
Auf jeden Fall verändert Kritik die Welt – zumindest indirekt: als relativistische Hyperkritik, die Gemeinsamkeiten sabotiert, als Kapitalismuskritik, die den Kapitalismus fit hält, oder als Miserabilismus, der sich am Übel in der Welt ergötzt.  Thomas Edlinger spürt der Fetischisierung der Kritik dort nach, wo es wehtut, und zeigt, wie sich der Unmut in postkritische Haltungen übersetzt.

»Wer zwischen der Skylla der Hyperkritik und der Charibdis des Miserabilismus hindurchwill, wer beiden Sackgassen entgehen möchte – wer also trotz allem kein Zyniker werden möchte, wer sich auch als Linker über die Grenzöffnung freut und dennoch versucht, eine kritische Position zu retten, der lese bei Edlinger nach, ob dieser einen Ausweg findet.« ( Isolde Charim, taz)

Brian K. Vaughan/ Cliff Chiang: Paper Girls 3, Cross Cult

Die mehrfache Eisner- und Harvey-preisgekrönte Serie von Brian K. Vaughan und Cliff Chiang geht in die Fortsetzung. Nachdem sie auf der Suche nach ihrer Freundin den Sprung aus dem Helikopter in das Zeitfenster gewagt haben, finden sich unsere Heldinnen Erin, Mac und Tiffany in einer anderen Welt wieder. Die drei Mädchen sind zwar endlich mit ihrer Freundin KJ vereint, doch sind sie ganz bestimmt nicht zurück ins Jahr 1988 geschleudert worden. Umgeben von wilden Ureinwohnern, Dinosauriern und Raumschiffen, sind die vier auf sich alleine gestellt und müssen irgendwie wieder nach Hause kommen.

»In dem Comic "Paper Girls" legen sich vier Mädchen aus den Achtzigern mit kriegerischen Zeitreisenden, ignoranten Erwachsenen und der eigenen Zukunftsangst an. Das erinnert an "Stranger Things", tappt aber nicht in dessen Retrofalle. [...] Doch noch mehr ist "Paper Girls" die überfällige Revision des Heldenpantheons der Achtziger, in dem es fast ausschließlich Jungen vorbehalten war, Außerirdische zu treffen oder zurück in die Zukunft zu reisen. Mit ihrer mitreißenden Herzensbildung fordern die furchtlosen Zeitungsmädchen nun zu Recht ihren Platz im popkulturellen Gedächtnis ein. Er sollte ihnen sicher sein.« (David Kleingers, SPIEGEL online)

Anna Haifisch: The Artist - Der Schnabelprinz, Reprodukt

The Artist wurde als Künstler geboren. Das wusste er schon als Kind. Wer aber über Künstler denkt, sie hätten ein lustiges Leben, täten einfach nur, was ihnen Spaß macht und würden dafür gut bezahlt, der wird von THE ARTIST eines Besseren belehrt. Liebevoll nimmt Anna Haifisch sich der Zumutungen, Peinlichkeiten und Ängste der Künstlerexistenz an - und macht Comics daraus, über die man lachen kann, die einen aber auch anrühren.
Mit sparsamer, dabei äußerst präziser Linienführung verleiht Anna Haifisch ihren sprechenden Tierfiguren Eleganz und Zartheit. Zusammen mit den klaren Farben wird THE ARTIST zu einem optischen Genuss.

»Der Erfolg dieser Episoden, [...] dürfte neben Haifischs lakonisch-selbstironischem Humor auch damit zu erklären sein, dass viele Leser in der von Sinnkrisen geplagten Figur mehr von sich wiedererkennen, als man es bei einem derart karikiert gezeichneten Geschöpf erwarten würde. Denn auch wenn „The Artist“ vordergründig eine Satire auf das Leben eines erfolglosen Künstlers und sein Milieu ist, geht es doch um grundlegende menschliche Fragen.« (Lars von Törne, Tagesspiegel)

Zerocalcare: Kobane Calling, Avant Verlag

Als Teil einer Soli-Gruppe bereiste der Comic-Blogger Zerocalcare das türkisch-syrische Grenzgebiet. Dort war in den von Kurden beherrschten Teilen die autonome Region Rojava entstanden, mit der Stadt Kobane als Symbol für den Widerstand im Kampf gegen den Islamischen Staat. Im Januar 2014 gab sich die von der Bevölkerung aufgebaute demokratische Selbstverwaltung eine soziale Charta: mit Gleichberechtigung der Frauen, Religionsfreiheit und dem Verbot der Todesstrafe. Es sind die Werte, von denen sich die Türkei unter Erdoğan immer weiter entfernt. Zerocalcare besuchte die Menschen vor Ort und sein Bericht ist nicht nur eine große Reportage, sondern zugleich ein Apell an die Herzen und ein Aufruf um Unterstützung: Kobane calling!

»Wer nach zwanzig, dreißig davon noch kein Feuer gefangen hat, ist wohl verloren für anspruchsvolle Comicreportagen. [...] Ob man seine politischen Urteile teilt, tut nichts zur Sache. Was er an Detailbeobachtungen aus einem gnadenlosen Krieg und einem jahrzehntelang anhaltenden Freiheitskampf zu bieten hat, ist von erschütternder Intensität.« (Andreas Platthaus, FAZ)