buchhandlung drift

Alina Herbing: Niemand ist bei den Kälbern, Arche Literatur Verlag

Während in Juli Zehs „Unterleuten“ der Prenzlauer Berg ins Ländliche flüchtet, erzählt Alina Herbing in „Niemand ist bei den Kälbern“ die Geschichte einer jungen Frau, die im ostdeutschen Dorf aufgewachsen ist und dort noch immer lebt. Christin, die Ich-Erzählerin, berichtet aus dem mecklenburgischen Schattin. Sie führt über Wiesen und Felder, durch den Kuhstall und übers Dorffest. Ihre Ausbildung abgebrochen, arbeitet Christin nun im Milchviehbetrieb ihres Freundes Jan. Doch die ländlichen Klischees von Ruhe und Weite sind in diesem Roman trügerisch. Die Dorfgemeinschaft ist verhaftet in konservativen Rollenmustern. Männer sollen hart arbeiten, die Familie ernähren, Frauen sollen ihren Part der Reproduktion einnehmen. Das Leben auf dem Dorf besitzt für Christin keinen Halt und keine Perspektive, diese Anti-Idylle beginnt sie anzugehen. Mal mehr, mal weniger glimpflich, mal mehr, mal...



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Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion ..., Matthes & Seitz

MontagIch.DienstagIch.MittwochIch.Donnerstag.Ich.So beginnt der polnische Autor Gombrowicz seine Tagebücher aus dem Jahre 1953 - und erhascht damit ein zentrales Dilemma der Denkenden und Schreibenden der Moderne. Schon Stendhal zoomt Anfang des 18. Jahrhunderts mit der Frage „Warum bin ich Ich?“ diesen hot spot modernen Denkens heran. Witzel gibt mit seinem Roman eine höchst subjektivistische und geistesgegenwärtige Antwort. Das Ich ist hier das Ergebnis einer Erfindung, einer brüchigen und intrikaten Konstruktionsleistung. Sich der Diskurse der Innerlichkeit gewahr zu werden und die fragmentarischen Erinnerungen spekulativ zu prolongieren, ist gewissermaßen die historiographische Methode, die Witzel verfolgt. Das Ich erscheint dabei als „Sammlung“: Wenn das Leben ein beständiges Ansammeln von Gedanken, Erlebnissen, Begriffen, Ideen, Gefühlen und Meinungen ist,...



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Ned Beauman: Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort, Dumont

Sehen wir einmal vom fürchterlich langen Titel dieses Romans ab, der im Original schlicht The Teleportation Accident heißt, dann eröffnet „Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort“ ein wahres Kunststück der modernen Literatur.Egon Loeser, Bühnenbildner im Berlin der 1930er Jahre, Sohn aus gutem Hause, Künstler, Bohemien, Dandy, vor allen Dingen aber mit seinem Sexualleben restlos unzufrieden und damit die Art von Hauptfigur, bei der wir mit den Augen rollen, uns an den Kopf fassen, ihn dann ungläubig schütteln und um jeden Preis wissen möchten, was dieser Typ als nächstes anstellt.Loeser ist nicht nur Teil der Kunstszene, er ist auch ihr großer Verächter. Zwar hapert die eigene Kunstfertigkeit an allen Ecken und Enden, dennoch wird Loeser nicht müde, seiner Abneigung gegenüber Berühmtheiten wie Bertolt Brecht oder...



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Albert Londres: Die Strafgefangenen der Landstraße. Reportagen von der Tour de France, Covadonga Verlag

Sollte es Radsportfans unter den Kund_Innen der Buchhandlung Drift geben – wovon ich sicher ausgehe – oder einfach Menschen, die sich für die Geschichte der Populärkultur interessieren – worauf ich all mein Hab und Gut setzen würde (was nicht eben viel ist, aber immerhin) – sollten diese Menschen unbedingt die Reportagen von Albert Londres über die Tour de France 1924 lesen.Londres (*1884), bekannter französischer Journalist des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts, ist durch seine kritischen Reportagen zum Ersten Weltkrieg einem breiten Publikum in Frankreich zum Begriff geworden. Seinen journalistischen Durchbruch markiert wohl die große Aufmerksamkeit, die er für seine Reportage über die Zerstörung der Kathedrale von Reims durch deutsche Artillerie am 19. September 1914 erhielt. Sie erschien am 21. September in Le Matin. In der Folge berichtete er bis zu seinem frühen Tod 1932 in...



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Werning, Heiko: Im wilden Wedding. Zwischen Ghetto und Gentrifizierung, Edition Tiamat

Heiko Wernings „Im wilden Wedding – Zwischen Ghetto und Gentrifizierung“ liest sich so weg: witzige Geschichten über das Leben zwischen unzähligen Casinos, Spätis und Kneipen mit Namen wie „Goldener Dreieck“, über lebendige Hauswände und eine angesichts dessen vollkommen leblose Hausverwaltung, über interkulturelle Verständigung im Christencafé und harmlose heimische Schlangen, die man wirklich kennen sollte. Leuten, denen Berlin und speziell der Wedding nicht aus eigener Anschauung bekannt ist, kann das Buch gut und gerne als Einführung, quasi Reisführer und -lektüre geschenkt werden; alle anderen werden darin freudig über am eigenen Leibe erlebte Klischees und deren Widerlegung stolpern. „Im wilden Wedding“ ist Wernings viertes Buch, und wahrscheinlich lässt sich von all seinen Stories sagen: sie sind ziemlich witzig, aber so richtig sauwitzig, zum Kreischen und Kichern, wird es erst,...



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Gisela Elsner: Gesammelte Erzählungen in zwei Bänden, Verbrecher Verlag

Gut 20 Jahre nach ihrem Tod sind im Verbrecher-Verlag nun die gesammelten Erzählungen Gisela Elsners in zwei Bänden erschienen. Versuche, die Wirklichkeit zu bewältigen und Zerreißproben enthalten neben den Erzählungen, die Elsner zu Lebzeiten veröffentlicht hat oder die als Radiobeitrag gesendet wurden, auch ein paar Texte, die auf unveröffentlichte Manuskripte aus dem Nachlass zurückgehen. Abgerundet wird die Sammlung durch ein sehr lesenswertes Nachwort der Herausgeberin Christine Künzel im zweiten Band.Gisela Elsner kam 1937 in Nürnberg zur Welt und wuchs als Tochter einer großbürgerlichen Unternehmerfamilie auf. Bereits 1955 erschienen ihre ersten zusammen mit dem späteren Ehemann Klaus Roehler verfassten „Kürzestgeschichten“. Triboll. Lebenslauf eines erstaunlichen Mannes bildet auch den Auftakt der hier vorliegenden Zusammenstellung. Neben diesen ersten Geschichten, die wie...



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Birgit Utz: Smalltown Blues, Krug & Schadenberg

Ein bisschen Frieden kann mich mal Der als Coming-Out-Geschichte gelabelte Roman Smalltown Blues von Birgit Utz verfängt relativ schnell mit einem Satz aus der Gedankenwelt seiner 14-jährigen Protagonistin Melanie: „Wer will denn schon dazugehören zu den ganzen Deppen?“ Dann, Coming Out oder auch Coming of Age hin oder her, lässt er einen schlichtweg nicht mehr los – sogar ganz ohne, dass man jemals das Teenagerleben in einer süddeutschen Kleinstadt erfahren haben muss. Aus dieser und ihrer, mittels Nicole, Chormusik und Wertekanon weichgespülten, Kleinkariertheit kann es klassischerweise nur einen Ausweg geben – die Stadt. Die Stadt, die Hauptsache nicht dieses Gummadingen ist und möglichst auch sehr weit von ihm weg. Bis Melanie, oder Mel, zu der sie im Laufe der Geschichte wird, allerdings dort ankommt, ackert sie sich einmal durch das Repertoire von Normmodellen, die diese...



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Robert Seethaler: Der Trafikant, Kein & Aber

Im Sommer 1937 reist der 17jährige Franz Huchel aus dem ländlichen Salzkammergut nach Wien, in die große Stadt, um dort bei Otto Trjesnek eine Lehre als Trafikant anzufangen. Als er in Trjesneks Trafik hineinstolpert – einen bis zur Decke vollgestopften Zeitungs- und Tabakladen – klebt noch „das halbe Salzkammergut“ in Form von feuchten Erdklumpen unter Franz' Schuhen. Doch bald hat der Junge sich eingelebt im Stadtleben und vor allem der Trafikantentätigkeit. Diese besteht vor allem aus, erstens, Zeitungslektüre, zweitens der Kenntnis aller Zigarrenmarken und ihrer jeweiligen Besonderheiten, sowie, drittens und am Wichtigsten, dem Wissen um die Wünsche aller Stammkunden. Eines Tages betritt der betagte Professor Sigmund Freud den Laden um Zeitung und Zigarren zu kaufen. Franz und Professor Freud kommen ins Gespräch, und als der Junge verspricht, sich die Bücher des ...



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Alice Pung: Ungeschliffener Diamant, edition fünf

Wah! rufen die Eltern, als sie in Australien ankommen. Nach jahrelanger Flucht aus Kambodscha über Vietnam und Thailand finden sie sich nun im Wunderland, nach dessen Protagonistin der Vater sogleich seine erste Tochter benennt: "Alice wird in diesem Wunderland aufwachsen und Dinge wie Sicherheit, Überfluss, Demokratie und das kleine grüne Ampelmännchen für selbstverständlich halten. Sie wird an der Universität studieren, natürlich Anwältin werden und einen Herzchirurgen heiraten."Anwältin wird sie später tatsächlich, der Rest läuft aber irgendwie anders. Zerrissen zwischen den mystischen Geschichten ihrer Großmutter und dem Alltag in einem reichen kapitalistischen Land wird Alice selbst immer mehr zum "Weißen Gespenst", zur Australierin, und kann sich als Jugendliche nicht mehr mit ihrer Mutter in dem chinesischen Dialekt Teochew unterhalten, weil ihr einfach die...



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Josef Bierbichler: Mittelreich, Suhrkamp

Du bist so gut wie tot Ein Gasthaus an einem großen See in Bayern, ein Familienbetrieb, in dem eng an eng gelebt, gearbeitet, gewirtschaftet, gebetet und gegessen wird. Dieser Mikrokosmos ist zwar nicht alles für seine BewohnerInnen, aber er ist dennoch so etwas wie ein eigenes kleines (deutsches) Reich, nicht das ganz Große, aber groß genug, um Nabel der Welt zu sein, ein "Mittelreich" eben - und so heißt auch das Buch, das Joseph Bierbichler über diese Seewirtschaft geschrieben hat und das im Suhrkamp-Verlag erschienen ist. Bierbichler, Zeit seines Lebens Schauspieler, vor allem in Bayern, wo er bis heute in seiner Geburtsstadt Ambach am Starnberger See lebt, hatte, - laut ZEIT-Interview - , Mittelreich nicht geplant, sondern wollte eigentlich nur "Material sammeln". Am Ende sei ihm dann diese Art Familien-Chronik "zugestoßen". Mittelreich...



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